Donadoni ist jetzt übrigens Trainer der Nationalmannschaft, sage ich. Und der Italiener sagt: Meine Rede, mit dem kommt man eben nicht weit.
Kategorie: Mein Leben als Blondine
Fußball III (calcio III)
Heute Abend spielt Italien, sagt der Italiener an meiner Seite, weil er merkt, dass er vereinsamt, wenn er nicht zumindest etwas Interesse an der EM heuchelt.
Ich erinnere mich daran, dass es ihm jahrelang gelungen ist, die Fußballkonversation mit einem einzigen Satz zu bestreiten: “Aber Donadoni hat den Elfmeter versägt.” Den Satz hatte er irgendwo aufgeschnappt. Weil sich in Erinnerung an den von Donadoni verschossenen Elfmeter beim Halbfinale gegen Argentinien (1990!!) stets sofort alle ereiferten, ist niemandem aufgefallen, dass der Italiener an meiner Seite weder weiß, was ein Elfmeter ist, noch wer Donadoni ist. Aber mich legt er nicht rein.
Und gegen wen spielt Italien?, frage ich.
Keine Ahnung, sagt er.
Fußball II (calcio II)
Zwei zu null, sage ich. Und der Italiener an meiner Seite fragt: Wo?
Gegen Polen, sage ich.
Ah, sagt der Italiener.
Deutschland hat in fünfzehn Jahren kein einziges Mal gegen die Polen verloren, sage ich.
Aber dann hättet ihr sie wenigstens dieses eine Mal gewinnen lassen können, sagt der Italiener.
Fußball (calcio)
Heute beginnt die Europameisterschaft, sage ich zu dem Italiener an meiner Seite, und er fragt: Europameisterschaft von was?
Von Fußball, sage ich milde.
Nicht, dass man mir nachsagen könnte, ein Fußballfan zu sein. Aber bei Nationalspielen kann ich mich ereifern. Ich halte übrigens immer zu Deutschland. Und zu Italien. Und wenn ich mich entscheiden muss, dann halte ich zu Deutschland. Blut ist dicker als Wasser.
Aber haben die nicht jede Woche Europameisterschaften?, fragt der Italiener.
Nein, sage ich, Europameisterschaften finden nur alle vier Jahre statt.
Aber ich höre doch jede Woche in der Bar gegenüber die Fans brüllen, sagt er.
Du verwechselst das mit den Fußballclubmeisterschaften, sage ich, mühsam um Beherrschung ringend. Hier geht es aber um die Meisterschaften der Nationalmannschaften.
Verstehe, sagt der Italiener und unterdrückt ein Gähnen.
Ich meine: Nicht nur, dass dieser Italiener keine Tomaten isst und auf Espresso allergisch reagiert. Er blamiert sich auch auf Gesellschaften.
Frisör (parrucchiere)
Nachdem bereits meine Nageltechnikerin und mein Pilates-Trainer in diesem Blog vorgestellt wurden, regte mich das Outing von Frau Bus als Frisurendesaster dazu an, über meinen Friseur Luca zu reden. Ein dünner Mann, der über gefährlich viel kreatives Potenzial verfügt. Wobei ich nicht allzu wählerisch sein darf: Die erste Schwierigkeit in Venedig besteht darin, in dem Meer von Bed&Breakfast, Karnevalsmasken und Pizza zum Mitnehmen überhaupt noch einen Friseur zu finden. Sie verstecken sich in Nebengassen, in Hintereingängen, und wer nicht jemanden kennt, der einen Friseur kennt, der muss sich die Haare bis zum Hintern wachsen lassen. Was in Italien ohnehin sehr weit verbreitet ist. Italienerinnen haben bis auf wenige, hormonell bedingte Ausnahmen, lange Haare. Dicke, lange Haare, die beim Föhnen gnadenlos über dicke Bürsten gezogen werden, weshalb die Frage nach einem Schnitt sich in der Regel erübrigt.
Die Lange-Haare-Manie hat mich vor einigen Jahren so infiziert, dass ich mir von dem Friseur hinter der Fenice-Oper Haare ankleben ließ, in einer viele Stunden dauernden Operation, an deren Ende ich aussah wie eine Mischung aus Ludwig dem XIV. und der Madonna von Loreto.
Nach einem Monat machte ich allerdings den Eindruck, als hätte ich knapp eine komplizierte Hirnoperation überlebt, denn auf meinem Kopf gab es jede Menge, zwei-Euro-große kahle Stellen – die entstanden waren, nachdem sich die angeschweißten Strähnen als zu schwer erwiesen hatten und nach und nach von mir abgefallen waren. Die Strähnen hatten überdies die Eigenart, sich nicht nur nachts im Bett von meinem Kopf zu lösen, sondern manchmal auch mitten am Tag, beim Zeitungskaufen auf dem Campo Sant’Angelo etwa, mein Zeitungshändler sah diskret beiseite, als ich meine abgefallene Strähne aufhob.
Neben den langen, dicken Haare liegt die zweite Stärke der Italienerinnen in dem Wagemut, mit dem sie sich ihre Haare färben. Ich kenne hier keine einzige Frau, die ihre Naturhaarfarbe trägt. Das ermunterte mich dazu, mir endlich die Haare blond färben zu lassen (Ich war in meinem Sportstudio die letzte Brünette) – und diese Entscheidung macht mich bis heute glücklich. Im Prinzip. Jedenfalls dann, wenn ich es geschafft habe, mit Luca, meinem Friseur, die Hermeneutik der Frage geklärt zu haben, welches Blond das richtige Blond ist. Mausgraublond, Rühreiblond, Sauerkrautblond, Wasserrattenblond?
Und den Schnitt? Den lasse ich in Deutschland machen.
Der liebe Gott und die Nageltechnik (Il buon Dio e l’onicotecnica)
Ich habe heute das Thema Religionsfreiheit erörtert, mit Betti, meiner Nageltechnikerin. Wir redeten über Beppe Grillo, den ihr Vater nicht leiden kann. Weil er sich angeblich ein Mal über Religion lustig gemacht habe. Jedenfalls behauptete Bettis Vater das genau in dem Augenblick, als meine Fingernägel oval gefeilt wurden, was so was von out ist, dass es schon fast wieder in ist.
Betti, die Nageltechnikerin, gab zu bedenken, dass sich Grillo vielleicht über Priester lustig gemacht habe und stellte fest, dass dies etwas anderes sei, als sich über Religion lustig zu machen.
Diese Meinung konnte Bettys Vater nicht teilen. Er sagte: Man müsse den Glauben des Anderen respektieren. Und auch die respektieren, die diesen Glauben ausüben, also die Priester. Und diese Feststellung habe um so mehr Gewicht, als er selbst kein Kirchenbank-Küsser sei, er gehe nur ein Mal im Jahr in die Kirche, aber Glaube sei nun mal Glaube, und darüber dürfe man keine Späße machen.
Daraufhin sagte Betti: Also, ich verstehe nicht, warum du jetzt so vehement die Kirche verteidigst, denn so wie ich dich kenne, bist du tatsächlich kein besonders religiöser Mensch, wenn du nur ein Mal im Jahr in die Kirche gehst. Ich würde das bei anderen ja verstehen, ich respektiere den Glauben der anderen, etwa bei denjenigen, die auch noch ehrenamtliche Arbeit machen, aber bei dir wirklich nicht. Du bist nicht gläubig, du bist nur gottesfürchtig, du hast Angst vor Gott, und das haben dir die Priester eingebläut, diese Angst vor Gott. Sie wollen den Menschen klein halten, in Abhängigkeit. Das ist es, was die Priester wirklich wollen und das ist es, worüber man sich sehr wohl lustig machen kann.
Bettis Vater hielt dem entgegen, dass er dennoch religiös sei. Jeden Abend vor dem Einschlafen denke er daran, dass er katholisch sei.
Und Betti sagte: Ja, aber das machst du nur, weil du Angst hast, sonst nicht mehr aufzuwachen. Du bist abergläubisch, mehr nicht.
Als ich wieder in die Gasse trat, war ich eine andere. Meine Finger waren doppelt so lang wie vorher. Jeder Nagel war ein vollkommenes Oval, zartrosa schimmernd wie eine Muschelhälfte. Dann ging ich in die Kirche von San Salvador und spendete der Madonna eine Kerze.
Eine Frau mit Stil (una donna con classe)
Als ich heute morgen mit der Frau des Kommandanten in der Bar am Campo San Luca stand, schlug ich die Brigitte auf. Ich hatte mir das Heft gekauft, weil auf dem Cover stand: Alles über das Haarefärben! Überzeugte falsche Blondinen wie ich können nie genug über das Haarefärben wissen. Auf den ersten Seiten verbarg sich ein Brigitte-Extra: “Zeitlos schön! Wir zeigen die schönsten Outfits für jedes Alter”.
Was soll das denn sein?, fragte Patrizia, und ich erklärte ihr, dass die Brigitte ihren Leserinnen Tipps gibt, wie sie mit dreißig, vierzig und fünfzig richtig gekleidet sind.
Und was ist mit sechzig?
Sechzig gibt es nicht, sagte ich.
Aha, sagte Patrizia und blickte dann auf das Foto einer grauhaarigen Frau neben einer riesigen 50. Die grauhaarige Frau trug ein graues Kleid und eine graue Jacke.
Mit fünfzig wissen wir, was uns steht und was gut sitzt, übersetzte ich.
Und Patrizia sagte: Che cacchio, was so viel heißt wie: Was ist das denn für ein Mist? Warum soll mir als Fünfzigjährige nicht einen Minirock anziehen, wenn ich Lust darauf habe? Und woher will man wissen, dass ich fünfzig bin? Kontrolliert man den Ausweis?
Es ist nur so ein Tipp, sagte ich. Und die Frau des Kommandanten sagte: Komischer Tipp.

Nachtrag zur Schicklichkeit: Auf Wunsch einer Dame hier die inkriminierten Beine. Etwas unscharf, aber besser ging es nicht.

Nachtrag zur Schicklichkeit: Auf Wunsch einer Dame hier die inkriminierten Beine. Etwas unscharf, aber besser ging es nicht.

verfasst von reski