Kategorie: Mein Leben als Blondine

Das Ei

Sonntag, 19. Dezember 2010

Es war in der Nähe von Hannover, in einem der vielen Hotels, in denen ich während meiner Lesereise übernachtete. Ein Hotel, das vor allem von Geschäftsreisenden besucht wurde. Von Außendienstmitarbeitern, um genau zu sein. Was ich, als Autorin auf Lesereise, ja im Grunde auch war. Das Büffet war das Übliche, Marmelade in Puppenpackungen, traurige Obstsalate, Zehnkämpfermüslis und flamingofarbener Joghurt, von dem ich annahm, dass er im Dunkeln leuchtete. Ich entschied mich für ein Ei. Für ein weichgekochtes Ei. Weil das Frühstücksbüffet jedoch nur hartgekochte Eier vorsah, bestellte ich bei der Kellnerin ein weichgekochtes Ei.

Aber nur auf Ihre Verantwortung, sagte sie und blickte sehr ernst.

Umgehend erklärte ich mich bereit, die Verantwortung für mein weichgekochtes Ei zu übernehmen. Dann trank ich weiter meinen grünen Tee und hörte den Außendienstmitarbeitern vom Nebentisch dabei zu, die beklagten, dass der Absatz von Düngemittel in Niedersachsen im Vergleich zu Schleswig-Holstein rapide gesunken sei. Bald darauf kehrte die Kellnerin an meinen Tisch zurück. Vorwurfsvoll sagte sie: Ich mache mich aber strafbar!

Es mag daran gelegen haben, dass ich seit Wochen über nichts anderes als über Strafsachen sprach. Über den Unterschied zwischen der kriminellen Vereinigung nach Art der Mafia und der Mafiazugehörigkeit. Über Clans und ihre Machenschaften, über die Geldwäsche der Mafia in Deutschland, über den Sechsfachmord in Duisburg und seine Auswirkungen. Vielleicht wollte mir die Kellnerin auf etwas ungewöhnliche Weise eine Information zukommen lassen? Informanten, besonders, wenn es sich um Mafiadinge handelt, sind immer etwas speziell. Häufig leiden sie unter Verfolgungswahn. Deshalb fragte ich in möglichst neutralem Ton nach, weshalb sie annehme, dass sie sich strafbar mache.

Wegen Ihres Eis!, sagte sie, nun im Ton schon etwas lauter werdend.

Oh, sagte ich. Und fragte sie, welche Straftat in meinem Ei stecken könne.

Weichgekocht, sagte die Kellnerin. Weichgekochte Eier sind verboten.

Am frühen Morgen schlagen mir Straftaten auf den Magen. Dennoch versuchte ich schüchtern einzuwenden, dass ich in allen Hotels, in denen ich übernachtet hatte, ein weichgekochtes Ei bekommen habe. Ohne nennenswerte Widerstände überwinden zu müssen. Die Kellnerin schien das nicht zu beeindrucken. Sie kniff die Augen zusammen und blickte mich so verächtlich an, wie man eine anblickt, die im deutschen Hotelwesen bereits eine Schneise krimineller Verwüstung hinterlassen hatte. Die Dutzende unbescholtener deutscher Kellnerinnen zu einer Straftat verleitet hatte.

Fragen Sie doch noch mal nach, beharrte ich.

Es ist europäisches Gesetz, sagte die Kellnerin.

Vielleicht können Sie Ihre Chefin fragen, sagte ich hoffnungsvoll. Möglicherweise ging es ihr ja nur darum, die Verantwortung zu delegieren. Die Kellnerin zuckte mit den Schultern und verschwand hinter einer Schiebetür. Ich holte mir neuen Tee vom Frühstücksbüffet. Nach einem gefühlten Jahrhundert, der Tee war kalt, und die Außendienstmitarbeiter hatten bereits ihren Außendienst angetreten, kam die Kellnerin wieder an meinen Tisch. Und sagte: Es ist wie ich Ihnen erklärt habe. Wir machen uns alle strafbar.

Aber es ist doch nur ein Ei, sagte ich.

Gesetz ist Gesetz, sagte die Kellnerin.


Beine

Sonntag, 28. März 2010

Heute morgen beobachtete ich auf dem Campo dei Morti eine Französin, die ihre Tochter fotografierte. Die Tochter stand etwas erhöht auf dem Campo und bestand nur aus Beinen. Aus sehr langen, sehr dünnen Beinen. Aus Storchenbeinen, Giraffenbeinen, die in so engen Jeans steckten, dass sich die Knie spitz abzeichneten. Prends pas mes jambes! rief die Tochter, als die Mutter auf den Auslöser drückte, nimm meine Beine nicht auf! Zu spät.

Ich lief lachend weiter. Obwohl das eigentlich gemein war.

Sie war schon da

Donnerstag, 04. März 2010

Wo, wenn nicht in Venedig, kann man einen Film drehen, der den programmatischen Titel “The Tourist” trägt? Seitdem fühle ich mich verfolgt. Egal, wo ich hinkomme, Brangelina war schon da. Fahre ich über den Canal Grande, sehe ich überall die schwimmenden Sichtblenden, die alle Paparazzi der Welt darauf aufmerksam machen sollen, dass hier Palazzo Mocenigo steht, in dem Brangelina wohnt. Gehe ich zum Sport, erzählt mir mein Trainer, dass ein ganzes Fitnesstudio in den Palazzo Mocenigo geliefert worden sei, weil Brangelina nicht einfach so in ein Sportstudio gehen kann, obwohl ihr angeboten wurde, extra für sie am Sonntag zu öffnen. Gehe ich zu La Perla, flüstert die Verkäuferin, dass gerade die Ware für Brangelina abgeholt worden sei, weshalb man sich bei La Perla besonders geehrt, ja geadelt fühle, gehe ich zu meiner Nageltechnikerin, erzählt sie mir voller Neid, dass eine Kollegin vom Festland für Brangelinas Fingernägel angeheuert werden sollte, auf Acrylbasis, was die Kollegin allerdings abgelehnt habe, nicht wegen des Acryls, sondern weil sie nicht verstehen konnte, warum sie sich verpflichten sollte, für Brangelinas Nägel vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung zu stehen. Gehe ich in die Bar, um einen Espresso zu trinken, erzählt mir der Barmann, wie halb Venedig dafür angestanden hat, als Komparsen in Brangelinas Film aufzutreten, und sogar jene venezianische Adelige sei akzeptiert worden, die von allen immer nur Bag Lady genannt wird, weil sie so aussieht, als hätte sie gerade in einer Mülltonne nach Essensresten gesucht. Treffe ich eine Freundin, erzählt sie mir, dass sie Florian Henkel von Donnersmarck (vulgo Brangelinas Regisseur) auf einer Party traf, weshalb sie besinnungslos vor Bewunderung den Faux-Pas beging, in seiner Gegenwart das böse Wort Remake zu benutzen, welches der Film ja schließlich ist, nämlich von dem französischen Original “Anthony Zimmer”. Schlage ich den Gazzettino auf, springt mir Brangelina entgegen, die soeben den Palazzo Grassi besichtigt hat und ihre Kinder wie Stoffhasen hinter sich herschleift, und weil sie für die ganze Familie sogar Eintrittskarten gekauft hat, wird sie bald zur Ehrenbürgerin ernannt.

Mein Leben als Testfahrerin

Freitag, 30. Oktober 2009

Ich besitze seit langem kein Auto mehr. Was in Venedig naheliegend ist, weil man hier für die Miete eines Stellplatzes in der garage comunale so viel bezahlt wie für ein Zwei-Zimmer-Appartement. Es ist naheliegend und schmerzhaft zugleich für jemanden wie mich, die in einem anderen Leben Testfahrerin geworden wäre. Nicht nur wegen des Geschwindigkeitsrausches. Auch weil man am Steuer eines Autos folgenlos schimpfen kann. Was ist das denn für ein Vollidiot, man soll nie Frauen ans Steuer lassen, hast du die Ziege gesehen. All das muss ich unterdrücken, wenn ich in Venedig durch die Gassen laufe – und mir eine dicke Brasilianerin  die Vorfahrt nimmt, eine Brasilianerin, deren Hose so tief sitzt, dass ich den Spalt ihres Hinterns sehen muss. Im schützenden Gehäuse eines Autos könnte ich jetzt dicke Brasilianerinnen mit zu tief sitzenden Hosen schmähen, in Venedig aber darf ich nur höflich permesso zischen, und selbst das zieht bereits böse Blicke hinter sich. Das ist der eine Nachteil des autolosen Daseins. Der andere ist der, dass man nicht laut mitsingen kann.

Etwa dieses Lied. (Und dazu auch noch dieses Auto!)


Mafia in Polen

Mittwoch, 09. September 2009

In diesen Tagen erscheint “Mafia” nicht nur in Italien, sondern auch in Polen. Newsweek hat darüber berichtet. Die einzigen Worte, die ich in dem Artikel verstanden habe, waren “Blondynka” und “Mafii”. (Im Polnischen wird alles rücksichtslos durchdekliniert. Sogar die Mafia.)

Amsterdam III

Samstag, 05. September 2009

Erst dachte ich, es sei nur eine Einbildung. Aber es war keine, sondern ein Coffeeshop an der Herengracht, aus dem der Geruch von Marihuana drang. Draußen hing ein Messingschild, das auf die guten Sitten hinwies, die in diesem Coffeeshop herrschten. Etwa, dass allzu legere Kleidung, also kurze Hosen und nackte Oberkörper, nicht erwünscht seien. Und ich dachte an Venedig. 

Amsterdam

Donnerstag, 03. September 2009

Also, es war so: Ich saß vor dem Hotelcomputer und beantwortete meine Mails, als sich ein Mann mit einer Baseballkappe an den anderen Computer neben mir setzte. Ich hätte das nicht für besonders bemerkenswert gehalten, wenn der Mann beim Schreiben nicht so geschnauft hätte. Er warf sich in die Tastatur wie ein Pianist bei einer schwierigen Partitur – die Atemgeräusche waren nicht zu ignorieren, weil die beiden Hotelcomputer in einem winzigen Raum standen (in Holland ist der Wohnraum begrenzt, alles musste dem Meer abgerungen werden), unter einer unfassbar schmalen Treppe. Der Mann schnaufte also, und ich dachte: Wieder so ein übergewichtiger Amerikaner, kein Wunder, dass er so schnauft. Ich dachte das wegen der Baseballmütze, Vereinfachungen müssen erlaubt sein.

Dann blickte ich unauffällig zu ihm herüber und stellte fest, dass der schnaufende Baseballmützenmann eine currybraune Breitcordhose trug, eine Günther-Grass-Hose, eher untypisch für Amerikaner, es sei denn sie sind Harvard-Professoren oder Woody Allen. Schnaufend und sich hin und her wiegend schrieb der Mann seine Mails. Ich blinzelte auf seinen Bildschirm und sah, dass er nicht auf Englisch schrieb, sondern in einer mir unbekannten Sprache mit vielen Üs und Ös und Ypsilons. Es ging um graphische Details, so viel konnte ich der Überschrift entnehmen.

Dann fiel mir ein, dass mich mein holländischer Verleger nicht in irgendeinem Hotel untergebracht hatte, sondern in einem Schriftsteller-Hotel, und von daher ergab die Kombination von curryfarbener Breitcordhose, vielen Ypsilons und schnaufendem Schreiben Orhan Pamuk, der gerade hier in Holland sein neuestes Buch vorstellte. Ich überlegte kurz, ob ich ihn anfassen sollte, so wie man in Italien einen Buckligen berührt, weil er Glück bringen soll, aber dann habe ich mich doch nicht getraut.

Aber eine Baseballmütze hätte ich bei ihm wirklich nicht erwartet.

Ich fühle mich geehrt. Mi sento onorata

Freitag, 22. Mai 2009

Am 20. Juni werde ich mit dem Amalfi Coast Media Award ausgezeichnet. Als man mir diese Nachricht mitteilte, war ich erst etwas ungläubig, wie immer, wenn man mir einen Preis gibt. Dann rang ich um Fassung und suchte hektisch nach Worten, um meinen Dank angemessen zum Ausdruck zu bringen. Ich wollte sagen, dass mich diese Geste der der italienischen Journalisten glücklich macht und stolz zugleich, ich wollte sagen, dass ich una giornalista umile sei,  also eine bescheidene Journalistin, die sich durch diesen renommierten Preis sehr geehrt fühlt, mi sento onorata. Etwas in diesem Sinne wollte ich sagen. Aber mein Mund klebte zusammen und dann hörte ich mich sagen: Mi sento umiliata, grazie! Was so viel heißt wie: Ich fühle mich gedemütigt, vielen Dank!

Ich redete dann ganz schnell weiter und hoffte, dass man meinen Versprecher der schlechten Telefonverbindung zur Last legen und mir vergeben würde. Grazie, grazie mille. 


Meine Haare

Donnerstag, 12. Februar 2009

Fernsehen ohne Bild kann auch schön sein. Denn wenn ich mich sehe, denke ich nicht über die Mafia nach, sondern über meine Haare. Ob ich sie mir mal wieder ganz kurz schneiden lassen sollte? Im Nacken vielleicht viel kürzer? Oder an den Seiten? Sind etwa die Seiten das Problem? Weil sie einfach zu dick sind? Ob es reicht, die Seiten etwas auszudünnen?

Hochwasser für Fortgeschrittene II (Acqua alta corso superiore II)

Freitag, 12. Dezember 2008

Endlich hat sich jemand meines Gummistiefelproblems angenommen.