Kategorie: Leben in Venedig

Santa Maria della Salute

Mittwoch, 23. November 2011


Die Kerze in der Mitte ist meine. Viel hilft viel, dachte ich. Heute wurde die schwimmende Brücke zur Salutekirche wieder abgebaut. Bis gestern war die Stadt voll von heimwehkranken Venezianern, die nun in Mestre, Meolo, Dolo oder sonstwo in der Diaspora des Veneto leben und jedes Jahr zur Santa Maria della Salute pilgern. Weil sie von einer Festlandsmaria, zumal wenn sie einen wenig verheißungsvollen Namen trägt (Santa Maria di Dolo: die Schmerzensreiche) nichts Gutes erwarten.

Das Ende der Saison

Sonntag, 18. September 2011

 

Seit Donnerstag ist die Strandsaison beendet. Und das, obwohl es hier immer noch 31 Grad warm ist. Die Damen meiner Badekabine werden mir fehlen. Vor allem ihre Kommentare zu B., zu dem gefühlt fünfhundertsten Sex-Skanal, der tausendvierhundertsten Korruptionsaffäre, und der siebenmillionsten verpassten Gelegenheit für die Opposition, B. abzusägen. Stattdessen wiederholt sie seit 17 Jahren gebetsmühlenartig: “Wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie vielleicht zurücktreten. Für den Fall, dass es Ihnen aber doch etwas ausmachen sollte, können wir jedoch auch eine andere Lösung finden. Etwa eine Große Koalition. Zum Wohle Italiens. Und mit dem Abhören der Telefone muss natürlich endlich Schluss sein. Da haben Sie völlig Recht. Wir werden uns schon einigen!”

The winner is

Sonntag, 11. September 2011

natürlich Faust. Ich wusste es. Im nächsten Jahr lasse ich mich dafür bezahlen, mir bestimmte Filme nicht anzusehen.

Dosenbier

Samstag, 10. September 2011

Gestern noch eine Killer-Geschichte: Texas Killing Fields. Aber definitiv die letzte. Leichte Überdosis an knackenden Nasenbeinen, explodierenden Schädeln und Dosenbier. Der Film wurde hier schon vernichtet. Und ich habe bis zum Ende gehofft, dass er doch noch eine irgendwie überraschende Wendung nehmen würde. Hat er aber nicht.

Heute dann: The winner is. Ich wette, dass es genau der Wettbewerbsbeitrag ist, den ich nicht gesehen habe. Ich bin ein Medium: Wenn ich beschließe, einen Film nicht zu sehen, hat er beste Chancen zu gewinnen. Faust etwa, oder Shame. Wetten?

Die letzten Außerirdischen

Donnerstag, 08. September 2011

 

Ja, ich hatte einen Rückfall. Um meinem Ziel näherzukommen, eines Tages beim italienischen Staatspräsidenten eingeladen und mit einer Staffel der Frecce tricolori als eine durch nichts zu erschütternde Sympathisantin des italienischen Films gefeiert zu werden, habe ich es heute wieder versucht, mit dem dritten und damit letzten italienischen Wettbewerbsbeitrag: l’ultimo terrestre, zu deutsch, der letzte Erdenbewohner. Was soll ich sagen. Der Film war nicht schlecht, er fing sogar sehr lustig an, mit Hörern, die im Radio ihre Sorgen über die bevorstehende Landung der Außerirdischen mitteilen, etwa die Frage, ob die Außerirdischen auch in italienischen Fußballclubs zugelassen werden sollten, ja oder nein, angesichts der Tatsache, dass da ja auch schon Franzosen und Holländer spielten. Aber leider waren das auch schon fast die witzigsten Stellen. Es fehlte an einer gewissen Logik, die selbst einem Film, der erklärtermaßen absurd ist (Außerirdische landen in Italien, ein in Hinblick auf die Liebe etwas gestörter Mann kommt mit ihnen in Kontakt) unerlässlich ist. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was mit der Metapher von den Außerirdischen gemeint sein könnte: Berlusconis Mischpoke? Oder das Gegenteil von Berlusconi? Oder gar kein Berlusconi? (In diesen Tagen quellen die Zeitungen wieder über, B.’s- Skandale, Hardcore-Telefonate und sechs Rüstungsschiffe als Geschenk für Panama, man wird hier von B. und seinen Manien auf Schritt und Tritt verfolgt, er  steckt in jedem Cappuccino). Auf jeden Fall fühlte ich mich während des italienischen Beitrags so, als würde ich jemandem dabei zusehen, der haspelnd versucht, einen Witz zu erzählen, wobei ich am Ende höflich lache, weil ich ihn für seine Mühe belohnen will.

Besser war Killer Joe von William Friedkin, dem Regisseur von Der Exorzist und French Connection: Die Geschichte einer amerikanischen Trash-Familie, die versucht, einen Mord in Auftrag zu geben, um sich dank der Lebensversicherungsprämie der Toten endlich ein schönes Leben zu machen. Das klappt dann nicht ganz. Es werden für meinen Geschmack etwas zu viel Nasenbeine gebrochen und die Sache mit dem Hühnerschenkel (mehr verrate ich hier nicht) war einen Kick zu blutig, um noch als schwarzer Humor durchzugehen. Aber. Die Schauspieler einschließlich des Pitbulls T-Bone waren grandios. Gina Gershon als Schlampe etwa. Anders als die Kollegen von dpa fand ich auch Matthew McConaughey in seiner Rolle als beschränkter Killer nicht schlecht, gut, er hatte nur einen Gesichtsausdruck, und der reicht für diese Rolle auch völlig aus. Doch allein für die Winzigkeit, wie Dottie, die bizarre Tochter der Familie (Juno Temple) angesichts der Aussicht, dass ihre Mutter umgelegt werden soll, ganz kurz und fies die Oberlippe hochzieht, lohnt es sich, den Film zu sehen.

Teufel. Schlamm. Und eine einfache Geschichte.

Mittwoch, 07. September 2011

Ich weiß nicht, welcher Teufel mich gestern in den Film von Ermanno Olmi getrieben hat: “Il Villaggio di Cartone“. Flüchtlingsdrama+Katholische Kirche=Vollnarkose. Natürlich gebiert eine Afrikanerin wieder vor der Kamera ein Kind, wie schon in Terraferma von Emanuele Crialese. Der Priester sieht aus wie der liebe Gott, die afrikanischen Flüchtlinge suchen in seiner Kirche Zuflucht und müssen vor der Kamera ständig ein lebendes Altarbild darstellen und ohne Ende Bibelsprüche deklamieren, gut, wir leben in Italien, aber müssen wir dafür bestraft werden?

Doch woanders ist es auch nicht besser. Jedenfalls nicht, was das Wetter betrifft. In Wuthering Heights von Andrea Arnold (sehr frei nach dem Roman Sturmhöhe von Emily Bronte erzählt), verläuft ein wesentlicher Teil des Zwei-Stunden-Films im Schlamm des Yorkshire. Die Regisseurin hat einen ausgeprägten Kunstwillen, daher der Schlamm und sehr viele Nahaufnahmen von Farn, Fasanenfedern und allerlei Flechten. Es wird kaum geredet. Sehr eindringlich sind jedoch die Geräusche, etwa die knackender Genicke (Kaninchen) oder von Köpfen (Menschen), die gegen eine Holztür geschlagen werden, was sehr an eine Performance von Martina Abramovic erinnert. Es ist vielleicht gemein, den Film darauf zu reduzieren, aber auch erleichternd. Aber dennoch: kein schlechter Film. Nur etwas anstrengend.

Dann aber wurde ich für meine Ausdauer belohnt, mit dem schönen Film Tao Jie, a simple life. Ein chinesischer Film – den ich nicht gesehen hätte (jahrelange Überdosis chinesischer Sozialdramen in Venedig), wenn mich die Kolleginnen nicht reingeschubst hätten. Ah Tao hat ihr Leben als Haushälterin einer Familie in Hongkong verbracht. Als sie alt und pflegebedürftig wird, möchte Ah Tao in ein Altenheim gehen – was in Hongkong vier Quadratmeter pro Person bedeutet, in Boxen, die durch Stellwände abgeteilt sind. Von ihren Angehörigen lebt niemand mehr, und die Familie, für die Ah Tao gearbeitet hat, ist nach Amerika gezogen – bis auf einen Sohn, Roger, der Ah Tao nun regelmäßig besucht. Kein Sozialdrama, sondern eine einfache, anrührende Geschichte über das Leben und wie es zu Ende gehen kann.

Gestern Abend schickten mir die deutschen Kolleginnen noch eine sms: “Schaust Du morgen früh wieder kamikazemäßig den Italiener?” Habe ich nicht. Der zweite italienische Wettbewerbsbeitrag (Cristina Comencini: “Wenn die Nacht”) wurde, wie ich hörte, auch ohne mein Zutun ausgepfiffen.

Verschwiegenheit

Montag, 05. September 2011

Heute morgen also Spionage: “Tinker, Tailor, Soldier, Spy” : graugrüne, rauchverhangene und extrem verschwiegene Siebzigerjahre – wie es sich für einen schwedischen Regisseur gehört, der aussieht, als sei das Universum eine Lavalampe: Tomas Alfredson drehte den Film nach dem Roman von John Le Carré: “Dame, König, As, Spion”. Ab und zu verlor ich den Überblick, wer jetzt gegen wen konspiriert und zu welchem Zweck, aber das hat nicht weiter gestört. Glücklicherweise war der Gesichtsausdruck der Doppelagenten so fies, niederträchtig und gemein, dass man auch ohne Worte verstand, wer auf welcher Seite stand.

Das Schöne am Filmfest sind aber nicht nur die Filme, sondern auch die Kritiker. Die um Worte ringen, wenn sie aus dem Kino kommen. Vielleicht, weil sie nicht sofort mit ihrer Meinung zu dem Film hausieren gehen möchten. Könnte ja jeder kommen. Vielleicht wollen sie aber auch erst mal abwarten, was der Kollege vom Konkurrenzblatt sagt. Oder sie haben einfach noch keine Meinung.

Sie: “Doch, doch, es ist ein guter Film”.

Er: “Hm.”

Sie: “Tolles Dekor, super Schauspieler.”

Er: “Mm.”

Sie: “Super, wie total misstrauisch alle sind. Und so extrem verschwiegen.”

Er: “Mm.”

Sie: “Manchmal vielleicht etwas zu viel Siebzigerjahre. Aber gut.”

Er: “Hm.”

Sie: “Das mit dem Misstrauen war vielleicht auch etwas zu dick.”

Er: “Hm.”

Sie: “Ok, die Mimik. Die wurde für meinen Geschmack etwas zu lange gezeigt.”

Er: “Hm.”

Sie: “Stimmt schon, man sieht sich den Film schnell leid.”

 

 

 

Scheißland

Freitag, 02. September 2011

 

Auf der Flucht vor der Wirklichkeit und eingedenk der Erniedrigung von gestern stand ich heute morgen schon sehr früh Schlange – dieses Mal für Cronenbergs “A Dangerous Method”: nach dem romantischen und dem Polit-Drama nun also das Psychiater-Drama – und las die neuesten Abhörprotokolle in der italienischen Presse. In denen B. Italien ein “Scheißland” nannte. Aus dem er bald verschwinden werde. Die Staatsanwälte (kommunistisch) könnten ihm nicht mehr vorwerfen, als dass er ficke.

Die Staatsanwälte hatten B. abgehört, weil er mittlerweile von so vielen guten Freunden erpresst wird, von Hürchen und Tunten, von Mafiosi, Zahnhygienikerinnen und den Kumpels seiner Geheimlogen – nach der P2 die P3 und P4 – dass B. von seinen Gegnern inzwischen nicht mehr Psychozwerg, sondern voller Mitleid Silviomat genannt wird.

Während der 99 Minuten im Kino hatte ich Gelegenheit, über den letzten Ausfall des Silviomats nachzudenken. Was naheliegend ist, in einem Film, in dem ziemlich viel von Defäkieren, Sex und analen Phasen geredet wird. Der Cronenberg-Film wird übrigens bereits als Favorit gehandelt, heißt es. Würde mich nicht wundern, denn Kiera Knightley reckte den ganzen Film über so angestrengt zitternd ihren Unterkiefer nach vorn, dass allein diese Leistung gewürdigt gehört.

Scheißland. Ich denke, dass weder Freud noch Jung B. als Patienten akzeptiert hätten. Sein Unterbewusstsein wäre ihnen einfach zu dürftig gewesen: Wie banal! Was für minderwertige Neurosen haben Sie denn! Dritte-Wahl-Neurosen!, hätten Freund und Jung zu B. gesagt und ihn wieder nach Hause geschickt. So etwas kuriert Ihnen doch jeder Hausmeister!

 

Die Herzogin tanzt

Donnerstag, 01. September 2011

Es gibt wenig bessere Möglichkeiten, auf so angenehme Weise der Wirklichkeit zu entfliehen, als durch die Teilnahme am Filmfest. Heute morgen jedoch: schlechter Start. Zur Unzeit aufstehen, zum Vaporetto rennen, erwartungsvoll in der Schlange für Polanskis Film “Carnage” stehen – um am Ende nicht reinzukommen. Weil sich das Festival mal wieder verrechnet hat –  mit den Akkreditierungen für Tagespresse und Wochenpresse und Online, für Fotografen, Kameraleute und Pressemenschen, die nicht alle zusammen in den Saal passen. Was um so ärgerlicher ist, als bei “Carnage”  wie die Kollegen berichteten, tatsächlich auch gelacht werden durfte. Gibt es ja nicht so oft. Wg. Kunscht.

Dann aber erfolgreiches weiteres Schlangestehen für W.E. von Madonna. Romantisches Drama, sagt man in diesem Fall. Die Geschichte von Wallis Simpson und König Edward VIII. wird mit der Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach der Liebe verwoben. Ja, ja. Ein bisschen zu viel Schmachten, etwas zu viel Frauenzeitschriftsleid (“Ich möchte ein Kind, er entzieht sich” / “Ich habe alles für ihn aufgegeben, und er betrügt mich”), manchmal rascheln die Dialoge, und an den Stellen, an denen die beiden Geschichten miteinander verschraubt werden, knirscht es auch oft. Aber dennoch verweigere ich mich dem üblichen Madonna-Bashing. Am schönsten ist die Szene, in der die Herzogin von Windsor für den bettlägerigen Herzog Twist tanzt. Und ihr Rücken vom Alter gebeugt ist.

Veniceland

Freitag, 04. März 2011

Konfetti klebt auf dem Pflaster, und in den nächsten vier Tagen werden sich die Menschenmassen wie Lavaströme durch die Gassen wälzen. Wir sind wieder am jährlichen Tiefpunkt Venedigs angelangt, dem Karneval. Seit vielen Jahren bemüht sich die venezianische Stadtverwaltung erfolgreich darum, die Stadt von seinen hinderlichen Bewohnern zu befreien. Ganz Venedig ist besenrein? Nein, ein von unbeugsamen Venezianern bevölkerter Blog hört nicht auf, Widerstand zu leisten: Veniceland.