Kategorie: Leben in Venedig

Beine

Sonntag, 28. März 2010

Heute morgen beobachtete ich auf dem Campo dei Morti eine Französin, die ihre Tochter fotografierte. Die Tochter stand etwas erhöht auf dem Campo und bestand nur aus Beinen. Aus sehr langen, sehr dünnen Beinen. Aus Storchenbeinen, Giraffenbeinen, die in so engen Jeans steckten, dass sich die Knie spitz abzeichneten. Prends pas mes jambes! rief die Tochter, als die Mutter auf den Auslöser drückte, nimm meine Beine nicht auf! Zu spät.

Ich lief lachend weiter. Obwohl das eigentlich gemein war.

Sie war schon da

Donnerstag, 04. März 2010

Wo, wenn nicht in Venedig, kann man einen Film drehen, der den programmatischen Titel “The Tourist” trägt? Seitdem fühle ich mich verfolgt. Egal, wo ich hinkomme, Brangelina war schon da. Fahre ich über den Canal Grande, sehe ich überall die schwimmenden Sichtblenden, die alle Paparazzi der Welt darauf aufmerksam machen sollen, dass hier Palazzo Mocenigo steht, in dem Brangelina wohnt. Gehe ich zum Sport, erzählt mir mein Trainer, dass ein ganzes Fitnesstudio in den Palazzo Mocenigo geliefert worden sei, weil Brangelina nicht einfach so in ein Sportstudio gehen kann, obwohl ihr angeboten wurde, extra für sie am Sonntag zu öffnen. Gehe ich zu La Perla, flüstert die Verkäuferin, dass gerade die Ware für Brangelina abgeholt worden sei, weshalb man sich bei La Perla besonders geehrt, ja geadelt fühle, gehe ich zu meiner Nageltechnikerin, erzählt sie mir voller Neid, dass eine Kollegin vom Festland für Brangelinas Fingernägel angeheuert werden sollte, auf Acrylbasis, was die Kollegin allerdings abgelehnt habe, nicht wegen des Acryls, sondern weil sie nicht verstehen konnte, warum sie sich verpflichten sollte, für Brangelinas Nägel vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung zu stehen. Gehe ich in die Bar, um einen Espresso zu trinken, erzählt mir der Barmann, wie halb Venedig dafür angestanden hat, als Komparsen in Brangelinas Film aufzutreten, und sogar jene venezianische Adelige sei akzeptiert worden, die von allen immer nur Bag Lady genannt wird, weil sie so aussieht, als hätte sie gerade in einer Mülltonne nach Essensresten gesucht. Treffe ich eine Freundin, erzählt sie mir, dass sie Florian Henkel von Donnersmarck (vulgo Brangelinas Regisseur) auf einer Party traf, weshalb sie besinnungslos vor Bewunderung den Faux-Pas beging, in seiner Gegenwart das böse Wort Remake zu benutzen, welches der Film ja schließlich ist, nämlich von dem französischen Original “Anthony Zimmer”. Schlage ich den Gazzettino auf, springt mir Brangelina entgegen, die soeben den Palazzo Grassi besichtigt hat und ihre Kinder wie Stoffhasen hinter sich herschleift, und weil sie für die ganze Familie sogar Eintrittskarten gekauft hat, wird sie bald zur Ehrenbürgerin ernannt.

Hochwasser

Dienstag, 29. Dezember 2009

Immer wieder stelle ich fest, dass es an Basisinformationen fehlt, was das Hochwasser in Venedig betrifft. Und das, obwohl ich schon über Hochwasser für Anfänger und für Fortgeschrittene geschrieben habe. Da wieder Hochwasser droht (das letzte suchte uns an Weihnachten heim) und einige vielleicht eine Reise nach Venedig zum Jahreswechsel planen, hier noch mal das absolut unverzichtbare Grundwissen:

Das venezianische Hochwasser dauert nicht länger als zwei Stunden. Denn hier tritt kein Fluss über die Ufer, es hat auch nichts mit dem Regen zu tun, sondern allein mit dem Luftdruck und den Wind. Herrscht Südostwind, also Schirokko, drückt der Wind das Meer in die Lagune, und es entsteht Hochwasser. Das Hochwasser kommt und geht mit den Gezeiten. Dies bedeutet, dass es nicht länger als zwei Stunden dauert. In denen man sich entweder Gummistiefel anzieht oder im Hotel bleibt. Wenn das Hochwasser in der Nacht stattfindet oder am frühen Morgen, bekommen die meisten Touristen davon nicht mehr mit, als dass sie darüber staunen, wie emsig die Venezianer ihre Läden im Erdgeschoss mit Süsswasser reinigen.

Kurz: Die einzigen, die wirklich unter dem Hochwasser leiden, sind die Venezianer. Für Touristen ist es eher ein amüsantes Fotomotiv.


Dienstag, 22. Dezember 2009



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Buon Natale, frohe Weihnachten, ein glückliches neues Jahr, buon Anno - und Danke für alles, Grazie a tutti

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Das hat Venedig noch gefehlt.

Die italienische Post

Sonntag, 22. November 2009

Ich habe mich daran gewöhnt, dass manche Briefe an mich nie ankommen. Von Päckchen ganz zu schweigen. Vor allem die Päckchen mit Nürnberger Lebkuchen, die mir meine Tante Ruth zu Weihnachten schickt. Oder Päckchen mit CDs. Überhaupt kommen Päckchen, deren Inhalt sich ertasten oder erschütteln lässt, nicht an. Man könnte sich damit abfinden. Und auf UPS umsteigen. Aber die wahre Perfidie der italienischen Post besteht darin, dass sie, wenn niemand mehr an sie glaubt, einen Brief ankommen lässt, der in ungelenker Handschrift und Orthographie adressiert ist an: Petra Reski (scrittrice tedesci), Marco, Venedig, Venezia (Veneto).

Als ich den Absender las, erinnerte ich mich an das greise Ehepaar aus Hamburg, das ich vor einiger Zeit im Vaporetto getroffen hatte, und das ich zu seinem Hotel begleitet hatte. Am nächsten Morgen hinterlegte ich im Hotel zwei Bücher, als Erinnerung. Und noch lange dachte ich darüber nach, dass Venedig und Chioggia in der Erinnerung dieses Ehepaars als ewige Sehnsuchtsorte fortgelebt hatten. Ein halbes Jahrhundert lang. Und jetzt war das Paar in dieses Arkadien zurückkehrt. Für zwei Tage.

 

Liebe Frau Reski!

Vielen herzlichen Dank für die tollen Bücher, sowie für Ihre nette Begleitung zu unserem Hotel. Venedig im Dunkeln, wir kennen Venedig nur am Tage, sind vor 50 Jahren 4x mit dem Vaporetti von Chioggia nach Venedig gefahren für einen Tag. Diese 2 Tage Venedig, es war für uns wie 14 Tage Urlaub. Am ersten Tag sind wir morgens nach Chioggia gefahren, Schiffe fuhren nicht mehr, die Saison war beendet. So sind wir leichtsinnig geworden und mit dem Wassertaxi nach Chioggia gefahren auf der Lagune im Sonnenschein war so herrlich, mit dem Bus wäre es zu spät geworden, dunkel jetzt. Aber es sehr, sehr schön Chioggia u.Sottomarina. 1975 waren wir zuletzt da, da hat unser Freund geheiratet. Leider haben wir keinen mehr angetroffen, wie hatten so viele Italiener als Freunde, haben am Strand Boccia und Tamborelli zusammen gespielt, abends waren wir alle zusammen zum Tanzen im “Astoria” Tanzpalast, das “Astoria” ist ja noch da, auch unsere Pension “Gioia” ist auch noch da, wo wir vor 50 Jahren Urlaub gemacht haben. Es war ein Erlebnis für sich. Am zweiten Tag sind wir nach dem Markusplatz gegangen, haben uns schön hingesetzt, Café getrunken, alles noch mal genossen, mittags haben wir an der Rialtobrücke zu Mittag gegessen, wie vor 50 Jahren, nur es war ein anderer Besitzer dort. Es wirklich ein kleiner, gelungener Ausflug. Liebe Frau Reski, wir wünschen Ihnen u. tuo Marito eine schöne Adventszeit, alles Liebe, alles Gute, die “netten Hamburger”.

Und dann hätte ich fast geheult.

La morte di Venezia

Sonntag, 15. November 2009

Qui il funerale. E qui il test di DNA agli ultimi veneziani.

Serenissima

Montag, 26. Oktober 2009

Gestern wurde ich wieder mal gefragt: Wie lebt es sich so in Venedig? Hier ist die Antwort.

In&Out

Sonntag, 11. Oktober 2009

markusplatz


Gerade bemerkte ich in der Vaporetto-Haltestelle eine bizarre Werbung der venezianischen Stadtverwaltung: Zwei Fotos mit der Überschrift “In&Out”. Auf dem Out-Foto sah man den überfüllten Markusplatz, mit Menschen, die auf den Marmorstufen Picknick machten. Und auf den In-Foto sah man den goldfunkelnden, menschenleeren Saal des Dogenpalastes. Darunter stand: “Wenn Du draußen bleibst, kannst Du nicht behaupten, Venedig gesehen zu haben. Komm herein und entdecke den Dogenpalast.”

Was will uns die Stadtverwaltung damit sagen, fragte ich mich. Will sie sagen: “Venedig ist draußen unerträglich”? Oder: “Wir sind unfähig, den Touristenstrom in Griff zu kriegen?” Oder: “Es gibt hier auch Kultur, aber wir wissen nicht, was wir damit anfangen sollen?”

Werbung ist Glückssache. 


Das Gute.

Samstag, 03. Oktober 2009

Heute morgen traf ich bei meinem Gemüsehändler eine amerikanische Freundin. Sie war mit einer Gruppe von deutschen Freunden unterwegs, vier Frauen und ein Mann, weshalb meine Freundin sofort, mitten auf der Gasse stehend, mein Mafiabuch in höchsten Tönen pries und den zwischen Auberginenkisten und Moskatellertrauben gedrängten Deutschen erzählte, dass einige Seiten meines Buches auf Geheiß deutscher Gerichte geschwärzt worden seien, um die Persönlichkeitsrechte verschiedener Protagonisten meines Buches zu wahren.

Am Ende der Ausführungen meiner amerikanischen Freundin versuchten sich die Deutschen angemessen beeindruckt zu geben, auch wenn sie nicht damit gerechnet hatten, frühmorgens mitten in Venedig, zwischen einem gotischen Palazzo und einer Barockkirche über die Mafia reden zu müssen. Eigentlich waren sie auf dem Weg zum Campo Santo Stefano gewesen, um die Kirche zu besichtigen. Eine Frau räusperte sich und sagte, ach ja, auch sie habe schon lange kein Vertrauen mehr in die deutsche Justiz. Die anderen nickten zustimmend. Aber dann war der Himmel so schön blau und der Platz auch etwas eng zwischen den Gemüsekisten, und dann sagte der Mann lachend: Ach, die Mafia hat ja auch etwas Gutes. Denn sonst würden Sie ja gar nicht mehr leben.