Mein Freund, der Künstler Joss Bachhofer (über ihn und seine Arbeiten hier mehr), ist zu einer Reise aufgebrochen, die ihn vom bayerischen Schliersee nach Zentralasien und wieder zurück führen soll. Per Roller. Auf seiner Reise will er die “Rituale des Abschieds von denen, die auf der Strecke blieben” dokumentieren – und das “Auf der Strecke bleiben” ist hier ganz wörtlich gemeint: Es geht um die Toten, die auf der Straße umgekommen sind und für die am Wegesrand mit kleinen Kreuzen, Gedenktafeln, Fotos oder Blumensträußen gedacht wird. Nach seiner Rückkehr soll dann die Ausstellung “En passant” seine Reise dokumentieren. Hier geht es zu seinem Blog.
Kategorie: la vita
Ischia. Drama in einem Akt
Ort:
der Thermalgarten Poseidon auf Ischia
Personen:
eine ältere deutsche Thermaltouristin
ein älterer deutscher Thermaltourist
meine Mutter
Der ältere deutsche Thermaltourist liegt unter einem Sonnenschirm auf einer Holzliege, auf die er, um es bequemer zu haben, eine Luftmatratze gelegt hat. Er ist bereits angezogen und hat die Augen geschlossen. Die ältere deutsche Thermaltouristin ist offenbar seine Frau. Sie packt die Badetasche, während ihr Mann schläft. Sie rollt eine Isomatte zusammen, faltet Handtücher, wirft Plastiktüten weg und räumt alles ein. Dann packt die Frau alles wieder aus, weil sie nach ihrer Brille sucht. Meine Mutter sonnt sich auf der benachbarten Liege.
DIE FRAU Ich muss ja schon mal einpacken, glaubst du denn sonst, ich schaffe das nachher? Ich will mich nicht beeilen müssen.
DER MANN Schweigt.
DIE FRAU Wo hast du deine Tasse?
DER MANN Welche Tasse?
DIE FRAU Deine Tasse.
DER MANN Er reicht der Frau stumm seine Tasse.
DIE FRAU Warum hast du dich schon angezogen?
DER MANN Darum.
DIE FRAU Die anderen sind aber noch nicht angezogen.
DER MANN Ja.
DIE FRAU Ich muss mir noch die Haare waschen und meine Mutter anrufen. Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll. Packt weiter ihre Badetasche ein und aus.
DER MANN Schweigt.
DIE FRAU Wo ist denn meine Nagelfeile, ich finde meine Nagelfeile nicht.
DER MANN Schweigt.
DIE FRAU Jeden Abend wird das knapp, mit der Zeit. Du kannst doch schon mal die Luft aus der Luftmatratze lassen.
DER MANN Schweigt.
DIE FRAU Sonst wird es zu spät.
DER MANN Steht auf und drückt seufzend die Luft aus der Luftmatratze.
MEINE MUTTER Also, ich kann das schon verstehen, dass manche Männer im Alter ihre Frauen erschlagen.
Das neue Jahr
Gestern erreichte mich eine Mail, in der mir jemand alles Gute für das neue Jahr wünschte. Noch lange dachte ich darüber nach, ich blickte auf die Palmen, die sich im heissen Fallwind bogen, beobachtete zwei schwarze Vögel mit rotgeränderten Flügeln, Vögel, die in den Palmen wohnen und deren Namen ich nicht kenne (der Italiener an meiner Seite sagt: Amseln. Aber für ihn sind alle Vögel, die keine Möwen sind, Amseln) und dachte: Ist es nicht kurios, im August alles Gute für das neue Jahr zu wünschen? Ich versuchte mich daran zu erinnern, wann ich zuletzt mit dem Absender zu tun gehabt hatte, es schien mir erst ein paar Wochen her zu sein, nicht acht Monate, was mich besorgte, weil es ja auch eine Alterserscheinung sein soll, wenn man ständig das Gefühl hat, das Leben verginge wie im Flug, wenn also acht Monate wie fünf Wochen vergehen.
Weil es sehr heiss war, beschloss ich, keinen weiteren Gedanken mehr daran zu verschwenden, schliesslich kann es nicht auch noch mein Problem sein, wenn Leute meinen, kurz vor Weihnachten ein gutes neues Jahr wünschen zu müssen. Dann ging ich schwimmen.
Und erst einen Tag später fiel mir ein, dass es ein elfstündiger Flug war, der mich in den August katapultiert hat, an das andere Ende der Welt. Keine Reise durch die Zeit, sondern nur durch den Raum. Gott sei Dank.
Ich ohne dich III
Sie fiel mir auf, weil sie silberne Schuhe trug, die vorn ausgeschnitten waren. Engländerinnen tragen in Venedig immer offene Schuhe, egal ob es stürmt oder schneit. Die Absätze waren mindestens zehn Zentimeter hoch. Wenn sie lief, dann schwankte sie wie bei hohem Wellengang. Er trug eine auf antik getrimmte Lederjacke und zu viel Gel in den Haaren. Sie setzten sich an einen Tisch direkt am Wasser, hielten sich an den Händen, blickten auf den Canal Grande und glaubten, sie wären allein auf der Welt. Und vielleicht waren sie das auch. Bis er zu ihr sagte: Aber irgendwann war ich nicht mehr dein Held. Da fing sie an zu weinen. Und hörte nicht mehr auf. Sie weinte in in ihre Taschentücher, und als ihre Taschentücher verbraucht waren, weinte sie in seine Taschentücher, dann weinte sie in ihre Servietten, und als die Servietten nass waren, brachte der Kellner einen Stapel Papierservietten, und sie weinte den ganzen Stapel durch. Und als sie ging, sah man im Dunkeln nichts anderes als ihre silbernen Füße.
Campo San Fantin
Er hatte in Venedig geheiratet, dreißig Gäste waren zusammen mit dem Hochzeitspaar aus Wien angereist, um nach der standesamtlichen Trauung im Antico Martini zu Mittag zu essen. Sie waren ein schönes Paar, er war blond und hochgewachsen, sie war klein und trug die dunklen Haare als Pagenschnitt. Ich weiß noch, dass er gut Italienisch sprach, wenngleich auch ohne das R zu rollen. Er trug immer Krawatte, auch an heißen Tagen. Und am Ende des Hochzeitsessens hinterließ er im Gästebuch die Visitenkarten: Seine alte Adresse, ihre alte Adresse und ihre neue gemeinsame Adresse. Das sei in Österreich so üblich, wurde mir gesagt.
Zwei Jahre lang kehrten sie nach Venedig zurück, um ihren Hochzeitstag zu feiern. Wenn sie kamen, blieben sie eine Woche und aßen jeden Tag im Martini zu Abend. Und dann kam eines Tages ein Brief mit zwei Visitenkarten an: seine neue Adresse zusammen mit der alten, gemeinsamen Adresse.
Im gleichen Jahr besuchte er wieder das Martini. Er ließ einen Tisch für zwei Personen reservieren, den gleichen Tisch wie immer, auf der Terrasse hinten rechts. Als er kam und Platz nahm, fragten ihn die Kellner: Sollen wir mit der Bestellung noch auf die Signora warten? Und er antwortete: Aber nein, wir sind ja hier. Er sagte: Heute steht uns der Sinn nach Pasta. Oder ist dir eine Minestrone lieber, meine Liebe?
So ging das sechs Jahre lang. Immer der gleiche Tisch. Der Oberkellner sagte: Wenn ich ihn sehe, fange ich an zu weinen.
Und weisst du was, wenn sie nicht wieder zu mir zurückgekommen wäre, dann wäre ich auch verrückt geworden.
Campo Sant’Angelo
Das Leiden an der Liebe ist immer noch das beste von allen Leiden, sagte er. Auf jeden Fall fühlst du, dass du noch lebst. Ich fühle mich wieder wie ein Kind.
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Ich ohne dich
Wir trafen uns auf dem Campo Sant’Angelo, durch Zufall, wie immer in Venedig. Ich hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen, und mir fiel auf, dass seine Wangen schmaler geworden waren. Wir standen da wie auf einer Theaterbühne, um uns herum Touristen mit Schellenhüten und albanische Bauarbeiter auf dem Weg in die Mittagspause.
Du siehst schlecht aus, sagte ich. Und er sagte: Ich habe einen Flugzeugabsturz überlebt. Du bist der einzige Überlebende?, fragte ich, und er sagte ernst: Nein, wir beide haben zusammen überlebt, sie und ich. Immer noch sie?, fragte ich und lachte etwas verlegen, weil er mich so durchdringend anschaute. Ja, sie, immer noch, sagte er, du weisst doch, was passiert ist. Sie ist zurückgekommen. Und?, fragte ich.
Ich möchte sie aufessen, sagte er. Ich möchte ihre Fingernägel küssen und ihre Haare als Salat verspeisen. Sie ist in mir, sie fließt durch meine Venen.
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Nachts, wenn er vergeblich darauf gewartet habe, dass sie anrief, habe er immer Gianna Nannini gehört, immer das gleiche Lied. Amandoti.
Amarti m’affatica mi svuota dentro
Qualcosa che assomiglia a ridere nel pianto
Amarti m’affatica mi da’ malinconia
Che vuoi farci è la vita
E’ la vita, la mia
Amami ancora fallo dolcemente
Un anno un mese un’ora perdutamente
Amarti mi consola le notti bianche
Qualcosa che riempie vecchie storie fumanti
Amarti mi consola mi da’ allegria
Che vuoi farci è la vita
E’ la vita, la mia
Amami ancora fallo dolcemente
Un anno un mese un’ora perdutamente
Amami ancora fallo dolcemente
Solo per un’ora perdutamente


verfasst von reski