Herr von Becker und die Mafia: Was wäre Deutschland ohne seine furchtlosen Journalisten?
Kategorie: Journalismus
Das Ende
Als ich heute morgen die Fotos des toten Gaddafi in den Zeitungen sah, mitsamt der pflichtschuldigen Kommentare, dass man so doch nicht mit ihm hätte umgehen sollen, dachte ich an den dunklen Fleck auf der Wiese in Lockerbie. Ich stand neben diesem Fleck, als eine von vielen Journalisten aus der ganzen Welt, die über Nacht nach Schottland geschickt worden waren. In der Hand hielt ich meinen Notizblock und notierte, dass der dunkle Fleck die Umrisse eines Menschen waren, ein Mensch, der mit den Knien voran vom Himmel gefallen war. Ich sah die Umrisse seiner Ellbogen und seines Kopfes, seine Knie hatten sich zehn Zentimeter tief in den weichen Boden dieser Wiese gebohrt. Nicht weit von dem Fleck entfernt, lag das Cockpit der “Maid of the Seas” auf einem Hügel.
Ich weiß noch, dass es sehr kalt war in Lockerbie. Wir liefen an rußgeschwärzten Grundmauern vorbei, an einem Krater, in dem sich Schlamm, Wasser und Kerosin gesammelt hatte, und wo Männer der Royal Air Force mit Spitzhacken und Schaufeln nach Wrackteilen suchten. Vor dem Rathaus, in dem die Toten und die Wertsachen der Opfer bis zur Identifizierung aufbewahrt waren, lagen Blumengebinde. Und eine Karte, auf der stand: “Auf Wiedersehen, mein Baby, ich liebe Dich”.
Vor zwei Jahren war ich zufällig an dem Tag in Rom, als Gaddafi die Stadt besuchte. Rom befand sich in einem Belagerungszustand, der Polizeipräfekt hatte für Gaddafis Sicherheit sogar ein Flugverbot ausgesprochen, alle Straßen waren gesperrt, damit Gaddafi samt Hofstaat und Hostessen bequem in den Park der Villa Pamphili gelangen konnte, wo er seine Zeltstadt aufgeschlagen hatte. Der Bürgermeister, der Parlamentspräsident, der Staatspräsident – alle drängte es, Gaddafi die Ehre zu erweisen. Und Berlusconi küsste ihm die Hand.
The winner is
natürlich Faust. Ich wusste es. Im nächsten Jahr lasse ich mich dafür bezahlen, mir bestimmte Filme nicht anzusehen.
Dosenbier
Gestern noch eine Killer-Geschichte: Texas Killing Fields. Aber definitiv die letzte. Leichte Überdosis an knackenden Nasenbeinen, explodierenden Schädeln und Dosenbier. Der Film wurde hier schon vernichtet. Und ich habe bis zum Ende gehofft, dass er doch noch eine irgendwie überraschende Wendung nehmen würde. Hat er aber nicht.
Heute dann: The winner is. Ich wette, dass es genau der Wettbewerbsbeitrag ist, den ich nicht gesehen habe. Ich bin ein Medium: Wenn ich beschließe, einen Film nicht zu sehen, hat er beste Chancen zu gewinnen. Faust etwa, oder Shame. Wetten?
Die letzten Außerirdischen
Ja, ich hatte einen Rückfall. Um meinem Ziel näherzukommen, eines Tages beim italienischen Staatspräsidenten eingeladen und mit einer Staffel der Frecce tricolori als eine durch nichts zu erschütternde Sympathisantin des italienischen Films gefeiert zu werden, habe ich es heute wieder versucht, mit dem dritten und damit letzten italienischen Wettbewerbsbeitrag: l’ultimo terrestre, zu deutsch, der letzte Erdenbewohner. Was soll ich sagen. Der Film war nicht schlecht, er fing sogar sehr lustig an, mit Hörern, die im Radio ihre Sorgen über die bevorstehende Landung der Außerirdischen mitteilen, etwa die Frage, ob die Außerirdischen auch in italienischen Fußballclubs zugelassen werden sollten, ja oder nein, angesichts der Tatsache, dass da ja auch schon Franzosen und Holländer spielten. Aber leider waren das auch schon fast die witzigsten Stellen. Es fehlte an einer gewissen Logik, die selbst einem Film, der erklärtermaßen absurd ist (Außerirdische landen in Italien, ein in Hinblick auf die Liebe etwas gestörter Mann kommt mit ihnen in Kontakt) unerlässlich ist. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was mit der Metapher von den Außerirdischen gemeint sein könnte: Berlusconis Mischpoke? Oder das Gegenteil von Berlusconi? Oder gar kein Berlusconi? (In diesen Tagen quellen die Zeitungen wieder über, B.’s- Skandale, Hardcore-Telefonate und sechs Rüstungsschiffe als Geschenk für Panama, man wird hier von B. und seinen Manien auf Schritt und Tritt verfolgt, er steckt in jedem Cappuccino). Auf jeden Fall fühlte ich mich während des italienischen Beitrags so, als würde ich jemandem dabei zusehen, der haspelnd versucht, einen Witz zu erzählen, wobei ich am Ende höflich lache, weil ich ihn für seine Mühe belohnen will.
Besser war Killer Joe von William Friedkin, dem Regisseur von Der Exorzist und French Connection: Die Geschichte einer amerikanischen Trash-Familie, die versucht, einen Mord in Auftrag zu geben, um sich dank der Lebensversicherungsprämie der Toten endlich ein schönes Leben zu machen. Das klappt dann nicht ganz. Es werden für meinen Geschmack etwas zu viel Nasenbeine gebrochen und die Sache mit dem Hühnerschenkel (mehr verrate ich hier nicht) war einen Kick zu blutig, um noch als schwarzer Humor durchzugehen. Aber. Die Schauspieler einschließlich des Pitbulls T-Bone waren grandios. Gina Gershon als Schlampe etwa. Anders als die Kollegen von dpa fand ich auch Matthew McConaughey in seiner Rolle als beschränkter Killer nicht schlecht, gut, er hatte nur einen Gesichtsausdruck, und der reicht für diese Rolle auch völlig aus. Doch allein für die Winzigkeit, wie Dottie, die bizarre Tochter der Familie (Juno Temple) angesichts der Aussicht, dass ihre Mutter umgelegt werden soll, ganz kurz und fies die Oberlippe hochzieht, lohnt es sich, den Film zu sehen.
Teufel. Schlamm. Und eine einfache Geschichte.
Ich weiß nicht, welcher Teufel mich gestern in den Film von Ermanno Olmi getrieben hat: “Il Villaggio di Cartone“. Flüchtlingsdrama+Katholische Kirche=Vollnarkose. Natürlich gebiert eine Afrikanerin wieder vor der Kamera ein Kind, wie schon in Terraferma von Emanuele Crialese. Der Priester sieht aus wie der liebe Gott, die afrikanischen Flüchtlinge suchen in seiner Kirche Zuflucht und müssen vor der Kamera ständig ein lebendes Altarbild darstellen und ohne Ende Bibelsprüche deklamieren, gut, wir leben in Italien, aber müssen wir dafür bestraft werden?
Doch woanders ist es auch nicht besser. Jedenfalls nicht, was das Wetter betrifft. In Wuthering Heights von Andrea Arnold (sehr frei nach dem Roman Sturmhöhe von Emily Bronte erzählt), verläuft ein wesentlicher Teil des Zwei-Stunden-Films im Schlamm des Yorkshire. Die Regisseurin hat einen ausgeprägten Kunstwillen, daher der Schlamm und sehr viele Nahaufnahmen von Farn, Fasanenfedern und allerlei Flechten. Es wird kaum geredet. Sehr eindringlich sind jedoch die Geräusche, etwa die knackender Genicke (Kaninchen) oder von Köpfen (Menschen), die gegen eine Holztür geschlagen werden, was sehr an eine Performance von Martina Abramovic erinnert. Es ist vielleicht gemein, den Film darauf zu reduzieren, aber auch erleichternd. Aber dennoch: kein schlechter Film. Nur etwas anstrengend.
Dann aber wurde ich für meine Ausdauer belohnt, mit dem schönen Film Tao Jie, a simple life. Ein chinesischer Film – den ich nicht gesehen hätte (jahrelange Überdosis chinesischer Sozialdramen in Venedig), wenn mich die Kolleginnen nicht reingeschubst hätten. Ah Tao hat ihr Leben als Haushälterin einer Familie in Hongkong verbracht. Als sie alt und pflegebedürftig wird, möchte Ah Tao in ein Altenheim gehen – was in Hongkong vier Quadratmeter pro Person bedeutet, in Boxen, die durch Stellwände abgeteilt sind. Von ihren Angehörigen lebt niemand mehr, und die Familie, für die Ah Tao gearbeitet hat, ist nach Amerika gezogen – bis auf einen Sohn, Roger, der Ah Tao nun regelmäßig besucht. Kein Sozialdrama, sondern eine einfache, anrührende Geschichte über das Leben und wie es zu Ende gehen kann.
Gestern Abend schickten mir die deutschen Kolleginnen noch eine sms: “Schaust Du morgen früh wieder kamikazemäßig den Italiener?” Habe ich nicht. Der zweite italienische Wettbewerbsbeitrag (Cristina Comencini: “Wenn die Nacht”) wurde, wie ich hörte, auch ohne mein Zutun ausgepfiffen.
Verschwiegenheit
Heute morgen also Spionage: “Tinker, Tailor, Soldier, Spy” : graugrüne, rauchverhangene und extrem verschwiegene Siebzigerjahre – wie es sich für einen schwedischen Regisseur gehört, der aussieht, als sei das Universum eine Lavalampe: Tomas Alfredson drehte den Film nach dem Roman von John Le Carré: “Dame, König, As, Spion”. Ab und zu verlor ich den Überblick, wer jetzt gegen wen konspiriert und zu welchem Zweck, aber das hat nicht weiter gestört. Glücklicherweise war der Gesichtsausdruck der Doppelagenten so fies, niederträchtig und gemein, dass man auch ohne Worte verstand, wer auf welcher Seite stand.
Das Schöne am Filmfest sind aber nicht nur die Filme, sondern auch die Kritiker. Die um Worte ringen, wenn sie aus dem Kino kommen. Vielleicht, weil sie nicht sofort mit ihrer Meinung zu dem Film hausieren gehen möchten. Könnte ja jeder kommen. Vielleicht wollen sie aber auch erst mal abwarten, was der Kollege vom Konkurrenzblatt sagt. Oder sie haben einfach noch keine Meinung.
Sie: “Doch, doch, es ist ein guter Film”.
Er: “Hm.”
Sie: “Tolles Dekor, super Schauspieler.”
Er: “Mm.”
Sie: “Super, wie total misstrauisch alle sind. Und so extrem verschwiegen.”
Er: “Mm.”
Sie: “Manchmal vielleicht etwas zu viel Siebzigerjahre. Aber gut.”
Er: “Hm.”
Sie: “Das mit dem Misstrauen war vielleicht auch etwas zu dick.”
Er: “Hm.”
Sie: “Ok, die Mimik. Die wurde für meinen Geschmack etwas zu lange gezeigt.”
Er: “Hm.”
Sie: “Stimmt schon, man sieht sich den Film schnell leid.”
Bunga around the world
Heute morgen vor dem Justizpalast in Mailand: Ein Heer von ausländischen Journalisten traf auf ein Heer von Polizisten.

B. kam natürlich nicht, Ruby auch nicht. Und das italienische Parlament hatte überdies schon am Vortag dank einer weiteren “Rettet-Silvio”-Abstimmung dafür gesorgt, dass der Prozess vorerst auf Eis gelegt wurde. Das war dann die Stunde von B.s Anwälten: Von der Weltpresse umringt, erklärten sie ihre Winkelzüge.
Was aber auch schnell langweilig wurde. Glücklicherweise gab es noch die Fauna der “Fans von B.” mit ihrem Stand auf der anderen Straßenseite. Die allerdings alle etwas bizarr erschienen, weil den meisten einige Zähne fehlten. Offenbar waren Mailänder Obdachlose die einzigen, die bereit waren, B. zu verteidigen.

Doch auch das erschöpfte sich bald. Als keiner der Zahnlosen mehr “Silvio, Silvio” rief, schwenkte die Weltpresse auf die andere Straßenseite, wo rüstige Rentnerinnen mit vollständigem Gebiss die Staatsanwaltschaft verteidigten.

Und als alles nicht mehr half, interviewten sich die Journalisten gegenseitig. Die Italiener wollten von den Australiern, Japanern, Deutschen, Kroaten, Engländern und Katalanen wissen, was sie von B.s Skandalen halten. Und die Australier, Japaner, Deutsche, Kroaten, Engländer und Katalanen ließen sich von Italienern das Geheimnis von B.s Bauchgefühl für die Italiener erklären. Vor den wenigen italienischen Journalisten, die Englisch sprachen, bildete sich schnell eine Schlange.
Es geht doch nichts über Profis unter sich.

verfasst von reski

