Kategorie: Italien

Scheißland

Freitag, 02. September 2011

 

Auf der Flucht vor der Wirklichkeit und eingedenk der Erniedrigung von gestern stand ich heute morgen schon sehr früh Schlange – dieses Mal für Cronenbergs “A Dangerous Method”: nach dem romantischen und dem Polit-Drama nun also das Psychiater-Drama – und las die neuesten Abhörprotokolle in der italienischen Presse. In denen B. Italien ein “Scheißland” nannte. Aus dem er bald verschwinden werde. Die Staatsanwälte (kommunistisch) könnten ihm nicht mehr vorwerfen, als dass er ficke.

Die Staatsanwälte hatten B. abgehört, weil er mittlerweile von so vielen guten Freunden erpresst wird, von Hürchen und Tunten, von Mafiosi, Zahnhygienikerinnen und den Kumpels seiner Geheimlogen – nach der P2 die P3 und P4 – dass B. von seinen Gegnern inzwischen nicht mehr Psychozwerg, sondern voller Mitleid Silviomat genannt wird.

Während der 99 Minuten im Kino hatte ich Gelegenheit, über den letzten Ausfall des Silviomats nachzudenken. Was naheliegend ist, in einem Film, in dem ziemlich viel von Defäkieren, Sex und analen Phasen geredet wird. Der Cronenberg-Film wird übrigens bereits als Favorit gehandelt, heißt es. Würde mich nicht wundern, denn Kiera Knightley reckte den ganzen Film über so angestrengt zitternd ihren Unterkiefer nach vorn, dass allein diese Leistung gewürdigt gehört.

Scheißland. Ich denke, dass weder Freud noch Jung B. als Patienten akzeptiert hätten. Sein Unterbewusstsein wäre ihnen einfach zu dürftig gewesen: Wie banal! Was für minderwertige Neurosen haben Sie denn! Dritte-Wahl-Neurosen!, hätten Freund und Jung zu B. gesagt und ihn wieder nach Hause geschickt. So etwas kuriert Ihnen doch jeder Hausmeister!

 

Biennale

Montag, 06. Juni 2011

Schlimm genug, dass die Italiener sich für B. fremdschämen müssen. Jetzt hat Vittorio Sgarbi (hier links), die Treibmine des italienischen Kulturlebens (dazu auch dies und dies) auch noch den italienischen Pavillon der Biennale in die Luft gejagt. Sgarbis Umtriebe habe ich zuletzt in der ZEIT dokumentiert (“In der Peepshow des organisierten Verbrechens” ) – und was hat es genützt? Nichts.

In den Hallen des italienischen Pavillons herrscht das gleiche Durcheinander wie in Sgarbis Kopf. Es sieht aus wie in einer Ausstellung des ländlichen Gemeindezentrums, alles ist derart zusammengepfercht, dass der Betrachter kaum einen Schritt zurück machen kann, um ein Werk auf sich wirken zu lassen. Was um so bedauerlicher ist, als einige wirklich interessante, ironische Kunstwerke in dem Meer aus blutigen Italien-Stiefeln und ans Kreuz genagelten Christi völlig untergehen – insofern wäre ich da etwas weniger streng, als manche Kritiker.

Sgarbi hat auch die Mafia-Peep-Show aus dem Mafia-Museum in Salemi mitgebracht und in ein Zwischengeschoss gesteckt. Angesichts der Tatsache, dass Sgarbi in den Ermittlungsakten der jüngsten Mafia-Affäre aus Salemi auftaucht, in denen zu lesen ist, wie die sizilianische Mafia Vittorio Sgarbi für ihre Zwecke eingespannt hat – mutet das natürlich etwas bizarr an. Sgarbis Motto für den italienischen Pavillon lautet: “L’arte non è cosa nostra“, was soviel  heißt wie “Kunst ist nicht unsere Sache”. Ein Satz, der selbst dann bereits eine ziemlich idiotische Feststellung ist, wenn man nicht weiß, dass “Cosa Nostra” ein Synonym für Mafia ist.

Wahl und Wahn II

Montag, 30. Mai 2011

“Mailand befreit” titelt Il Fatto über die Wahlergebnisse in Italien. Und nicht nur Mailand: auch Neapel und etliche andere Städte gingen B.s Mehrheit verloren. Ende der Hybris?

Wahl und Wahn

Sonntag, 29. Mai 2011

Inzwischen gibt es sogar Facebook-Initiativen “Not in my name” – um gegen B.’s Wahnvorstellungen auf dem G8-Gipfel (der wegen B. in Italien nur noch der “G7-einhalb-Gipfel” genannt wird) ein Zeichen zu setzen. Da ist zu lesen: “Herr Präsident, die Nachbarin über uns gießt immer zur Unzeit ihre Blumen auf dem Balkon und schüttelt ihre Tischdecke zu Zeiten aus, an denen es ihr verboten ist, wir sind alle in der Hand dieser Kommunistin vom letzten Stockwerk!” Oder: “Mr. Obama, entschuldigen Sie, einen Tag scheint bei uns die Sonne, am anderen Tag regnet es in Strömen, können Sie den linken Richtern endlich sagen, dass sie damit aufhören sollen?”. Schöner ist nur noch die cartesianische Analyse von B.’s Aussetzern, genauer gesagt, der Berlusconneries, die von französischer Seite geleistet wurde: Da wurden seine Attacken nach Kategorien sortiert und prozentual berechnet, vom einfachen “Fettnäpfchen” (19.3 Prozent) und “Sexismus” (22,8 Prozent), bis hin zu “Ausfällen gegen die Linke” (19,3 Prozent) und “übersteigertem Ego” (12,3 Prozent).

Heute und morgen wird in vielen Städten in Italien gewählt. B.s Götterdämmerung, heißt es. Ich wage es nicht mal auszusprechen, das Ende von B. Ich bin Zweckpessimistin.

Soundtrack “Von Kamen nach Corleone”

Mittwoch, 04. Mai 2011

Marcel Misset, mein holländischer Übersetzer, hatte die Idee, den Soundtrack meines Buches zu veröffentlichen: mein Lieblingslied Via con me von Paolo Conte etwa, dann Mi sono innamorato di te von Luigi Tenco oder Lasciatemi cantare von Totò Cotugno. Und ich füge noch das ultimative Spiderlied Disperata erotico stomp von Lucio Dalla und Amandoti von Gianna Nannini an.

Am 18. Mai erscheint “Von Kamen nach Corleone” in Italien, unter dem Titel “Sulla strada di Corleone.Storie di mafia tra Germania e Italia”.

Und am 1. Juni stelle ich die holländische Ausgabe meines Buches im Goethe-Institut in Amsterdam vor. In Holland erscheint “Von Kamen nach Corleone” unter dem Titel “Enkeltje Corleone” bei Lebowski. Der Übersetzer Marcel Misset hat bereits meine Bücher “Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern” und “Rita Atria” ins Holländische übersetzt, die unter dem Titel “Maffia” und “Rita Atria. Een Siciliaanse rebel” ebenfalls bei Lebowski erschienen sind.

Alfano II

Samstag, 16. April 2011

Angelino Alfano, auch Angelina Jolie genannt, der italienische Justizminister, war dann doch unpässlich. Offenbar hatte man ihn darauf aufmerksam gemacht, dass einige Italiener den Minister erwarteten, die, anders als die verschlafenen Organisatoren der Humboldt-Universität sehr wohl wussten, wer dort eingeladen war.

Man habe einen “Austausch auf der Ebene der Rechtspolitik” beabsichtigt, zitiert die TAZ einen Juristen der Humboldt-Universität. Da stellt sich natürlich die Frage, was die deutschen Juristen von Alfano zu lernen glaubten: Wie man Gesetze verfasst, die kriminelle Politiker schützen?

Chi meglio di Angelino Alfano

Mittwoch, 13. April 2011

può spiegare ai tedeschi cos’è la mafia? Dunque era un ottimo idea dell’università di Berlino di invitarlo.

Der Bock als Gärtner

Mittwoch, 13. April 2011

Auf so eine Idee kann man auch nur in Deutschland kommen.

Bunga around the world

Mittwoch, 06. April 2011

Heute morgen vor dem Justizpalast in Mailand: Ein Heer von ausländischen Journalisten traf auf ein Heer von Polizisten.

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B. kam natürlich nicht, Ruby auch nicht. Und das italienische Parlament hatte überdies schon am Vortag dank einer weiteren “Rettet-Silvio”-Abstimmung dafür gesorgt, dass der Prozess vorerst auf Eis gelegt wurde. Das war dann die Stunde von B.s Anwälten:  Von der Weltpresse umringt, erklärten sie ihre Winkelzüge.

Was aber auch schnell langweilig wurde. Glücklicherweise gab es noch die Fauna der “Fans von B.” mit ihrem Stand auf der anderen Straßenseite. Die allerdings alle etwas bizarr erschienen, weil den meisten einige Zähne fehlten. Offenbar waren Mailänder Obdachlose die einzigen, die bereit waren, B. zu verteidigen.

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Doch auch das erschöpfte sich bald. Als keiner der Zahnlosen mehr “Silvio, Silvio” rief, schwenkte die Weltpresse auf die andere Straßenseite, wo rüstige Rentnerinnen mit vollständigem Gebiss die Staatsanwaltschaft verteidigten.

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Und als alles nicht mehr half, interviewten sich die Journalisten gegenseitig. Die Italiener wollten von den Australiern, Japanern, Deutschen, Kroaten, Engländern und Katalanen wissen, was sie von B.s Skandalen halten. Und die Australier, Japaner, Deutsche, Kroaten, Engländer und Katalanen ließen sich von Italienern das Geheimnis von B.s Bauchgefühl für die Italiener erklären. Vor den wenigen italienischen Journalisten, die Englisch sprachen, bildete sich schnell eine Schlange.

Es geht doch nichts über Profis unter sich.



Italiener machen.

Freitag, 25. März 2011

“Wir haben Italien geschaffen, jetzt müssen wir nur noch die Italiener machen” – ist ein Satz, der verschiedenen Protagonisten des Risorgimento zugeschrieben wird. Wie die kollektive Identität Italiens entstand, zeigt die wunderbare Ausstellung “Fare gli italiani” in Turin, die ich jedem, der Italien liebt, unbedingt ans Herz legen möchte.

Welche Rolle die beiden Weltkriege, die Emigration, die Alphabetisierung, der Straßenbau für das Entstehen der nationalen Identität spielten – aber auch nationale Traumata wie Vajont (Bruch einer Staumauer), Ustica (Abschuss einer Passagiermaschine) oder die “italienischen Dinge”, der Fiat 500, die Lambretta oder der Invicta-Rucksack, all das erfährt der Besucher in dieser Ausstellung – die bewegend, witzig und informativ zugleich ist. Und sinnlich: Man kann Italien hören, fühlen, sehen. Kurze Filme, geistreiche Analysen, Video-Installationen: Man langweilt sich keine Sekunde – und das sagt eine, die bis vor kurzem durch die alleinige Nennung des Wortes “Risorgimento” in den Tiefschlaf versetzt wurde.

Am Ende wollte ich sofort Italienerin werden. Und der Italiener an meiner Seite sagte: Gut, dass Du nicht in einer Ausstellung über China warst.