Kategorie: Deutschland

Und jetzt mal das Positive

Freitag, 17. November 2017

Christof Siemes hat in der  Zeit N° 47 / 2017 sehr klar und sehr verständlich dargelegt, worum es eigentlich geht: Nicht um mich, sondern um die Pressefreiheit in Deutschland. Hier ist der Artikel:

Vor dem Gesetz

Warum die preisgekrönte Investigativjournalistin Petra Reski über die Mafia nur noch in Romanform schreibt

VON CHRISTOF SIEMES

»Ich fürchte mich nicht vor der Mafia, sondern vor der Feigheit der Anständigen«, heißt es in Bei aller Liebe, Petra Reskis jüngstem Roman über die Umtriebe der Mafia in Italien und Deutschland. Was sie im Buch einer fiktiven Staatsanwältin in den Mund legt, könnte die preisgekrönte Autorin mit Fug und Recht auch von sich selbst sagen. Seit Jahren beschäftigt sie sich in Sachbüchern, Zeitungsartikeln (auch für die ZEIT) und Romanen mit den Verbrechen von Cosa Nostra und Co.; zeitweise konnte sie nur unter Polizeischutz öffentlich auftreten. Doch die meisten Probleme hat sie bei ihrer verdienstvollen Arbeit zurzeit nicht mit irgendwelchen finsteren Gestalten, sondern mit den Feinheiten der deutschen und internationalen Rechtsprechung sowie einem prominenten Verleger aus Berlin.

Vor zwei Wochen hat das Landgericht Hamburg das jüngste Urteil in einer Reihe von Prozessen gefällt, in die Petra Reski seit Jahren verwickelt ist. Diesmal hatte sie selbst geklagt – gegen Jakob Augstein, den Spiegel-Erben, Verleger und Chefredakteur der Wochenzeitung Der Freitag. Im März 2016 war dort Reskis Artikel Die Bosse mögen’s deutsch erschienen, in dem sie unter anderem über einen Prozess schrieb, den ein italienischer Geschäftsmann aus Erfurt gegen eine Mafia-Dokumentation des MDR erfolgreich angestrengt hatte, in der er sich als mutmaßliches Mafiamitglied dargestellt wähnte. In ihrem Artikel nannte Reski den Gastwirt beim Namen – im Glauben, es handele sich um zulässige Gerichtsberichterstattung. Dennoch verklagte er wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte zunächst Reski persönlich und dann den Freitag, der den Artikel daraufhin von seiner Website nahm und seine Autorin – entgegen den Gepflogenheiten der Medienbranche – mit den juristischen Scharmützeln alleinließ.

Nicht genug damit, dass der in seinen Kolumnen auf Spiegel Online stets so kämpferische Augstein der freien Investigativjournalistin Reski den Rechtsschutz versagte; in diversen Tweets und Stellungnahmen zog er die Seriosität ihrer Arbeit prinzipiell in Zweifel. Gegen fünf dieser Äußerungen klagte sie, drei davon darf Augstein nun nicht mehr wiederholen. Der Schaden freilich bleibt: Zum einen muss Reski den größeren Teil der Gerichtskosten tragen, zum anderen darf Augstein zum Beispiel mit Blick auf die Autorin weiter behaupten, Redaktionen seien »keine Rechtsschutzversicherung für mangelhafte Recherche«. Auch wenn Petra Reski gegen das Urteil Berufung einlegen wird – welcher Journalist wird sich nun an einen Artikel zum Thema Mafia wagen, wenn selbst namhafte Verleger das damit unweigerlich verbundene Risiko scheuen und sich beim geringsten Gegenwind von ihren Autoren distanzieren?

Anderer Art ist das Dilemma, das ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg illustriert. Diesmal geht es um Petra Reskis Sachbuch Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern aus dem Jahr 2008. Auch dagegen hatte ein italienischer Geschäftsmann geklagt, weil er sich zu Unrecht als »mutmaßliches Mitglied der ’Ndrangheta«, der kalabrischen Mafia, bezeichnet sah.

Über einen solchen Verdacht darf berichtet werden, wenn er sich auf einen »Mindestbestand an Beweistatsachen« stützen kann. Als solche nannte Reski in ihrem Buch unter anderem interne Berichte des Bundeskriminalamts; auf dem Weg durch diverse Instanzen brachte sie zudem weitere Akten sowie eidesstattliche Versicherungen italienischer Ermittler bei. Der zweithöchste italienische Anti-Mafia-Ermittler bot sogar an, selbst vor einem deutschen Gericht die Verstrickungen des Klägers zu bezeugen.

Allein: All dieses Material wurde von der deutschen Justiz nicht als sogenannte privilegierte Quelle akzeptiert. Eine Beschwerde dagegen beim Bundesverfassungsgericht wurde abgewiesen; Reskis Verlag Droemer Knaur (der seiner Autorin, anders als Augstein, in dem jahrelangen Verfahren die Treue hielt) schwärzte die entsprechenden Stellen im Buch, zahlte an den Geschäftsmann 10 000 Euro Schadensersatz – und rief schließlich das oberste europäische Gericht an. Hier wurde nun nicht mehr der konkrete Fall verhandelt; im Verfahren von Reskis Verlag gegen die Bundesrepublik Deutschland ging es um eine übergeordnete Frage: Hat die deutsche Justiz mit ihren Urteilen in dieser Sache das Recht auf freie Meinungsäußerung verletzt?

Sechs der sieben Richter sagen: Nein. Als Quellen der Berichterstattung akzeptieren auch die Straßburger Richter – wie zuvor ihre deutschen Kollegen – nur offizielle, für die Öffentlichkeit gedachte Stellungnahmen einer ermittelnden Staatsanwaltschaft oder rechtskräftige Urteile. Das heißt: BKA-Berichte und andere interne Dokumente reichen demnach nicht aus, um über den Verdacht mafiöser Umtriebe unter Nennung von Klarnamen berichten zu können.

Der Gedanke dahinter ist durchaus nachvollziehbar: Der Persönlichkeitsschutz ist ein hohes Gut; ein Verdacht wird schnell in die Welt gesetzt, und schon eine anonyme Anzeige kann zu einer Aktennotiz bei den Ermittlungsbehörden führen, die aber noch nicht automatisch als Quelle taugt. Will man solche Interna dennoch nutzen – und ohne sie ist investigativer Journalismus schlechterdings unmöglich –, muss der Betroffene vor Veröffentlichung seines Namens mit den Erkenntnissen konfrontiert und seine Stellungnahme eingeholt werden. Dies haben die europäischen Richter nun noch einmal ausdrücklich betont.

Im Falle einer Berichterstattung über die Mafia mutet diese Rechtsprechung freilich einigermaßen weltfremd an. Soll eine freie Autorin ohne die Rückendeckung einer großen Redaktion das erwartbare Dementi einholen, damit ihr demnächst aufgelauert und gedroht wird, wie es Petra Reski schon widerfahren ist? Immerhin eine Richterin des EuGH mochte sich diesem unbedingten Vorrang des Persönlichkeitsschutzes vor dem Recht auf freie Meinungsäußerung nicht anschließen. Vielleicht liegt es daran, dass Nona Tsotsoria aus Georgien kommt und dort ihre eigenen Erfahrungen mit mafiösen Strukturen gemacht hat. In ihrem abweichenden Votum zum Urteil ihrer Kollegen erachtet sie interne Berichte durchaus als offizielle Quellen und bedauert »diese beunruhigende Abweichung von der gängigen Auffassung der Rechtsprechung zutiefst«.

In Italien, wo Petra Reski seit Jahrzehnten lebt, ist die Rechtslage aufgrund der Erfahrungen im Anti-Mafia-Kampf in vielen Bereichen anders. Zum Beispiel ist dort schon die bloße Zugehörigkeit zur Mafia ein Straftatbestand. Zudem hat man zur Verhinderung von Geldwäsche die Beweislast umgekehrt: Wer große Mengen Bargeld besitzt, muss deren Herkunft erklären können – in Deutschland dagegen müssen die Ermittlungsbehörden nachweisen, dass das Geld eventuell aus illegalen Geschäften stammt. Bei der Berichterstattung ist es im Heimatland der Cosa Nostra erlaubt, unter Nennung der Namen aus allen verfügbaren Quellen zu zitieren; dazu gehören auch die Protokolle der vielen Abhöraktionen, die in diesem Umfang in Deutschland nie genehmigt würden, ohne die aber der Kampf gegen die Clans kaum möglich ist. (Dass diese Praxis auch ihre Schattenseiten hat und vollkommen Unbeteiligte in Ermittlungsakten auftauchen können, ist unbestritten.) Natürlich klagen auch in Italien mutmaßliche Mafiosi gegen die Berichterstattung über sie. Aber ihr sei kein einziger Fall bekannt, in dem ein Journalist mit internen Quellen vor Gericht unterlegen wäre, sagt Petra Reski.

Um sich die weitere Auseinandersetzung mit Augstein und dem Erfurter Geschäftsmann überhaupt leisten zu können, hat sie ein Crowdfunding veranstaltet; 262 Unterstützer brachten binnen Kurzem 20 000 Dollar auf. Aber selbst die werden nicht reichen, sollte der Ostitaliener mit seiner jüngsten Schadensersatzforderung erfolgreich sein: Er verlangt 25 000 Euro – mehr als genug, um eine freie Journalistin endgültig mundtot zu machen und viele ihrer Kollegen gleich mit. Verhandelt wird darüber im Februar.

Petra Reski hat aus den Querelen einen gleichermaßen beunruhigenden wie befreienden Schluss gezogen: Sie ist mit ihrer Arbeit ins Reich der Fiktion ausgewandert und schreibt über die Mafia nur noch in Romanform. Das ist schade, weil es eine Niederlage für die Meinungs- und Pressefreiheit bedeutet und Reskis Hartnäckigkeit in diesem journalistischen Feld fehlen wird. Aber es ist auch schön, weil es mittlerweile drei fesselnde Romane über die Staatsanwältin Serena Vitale gibt. Darin stehen mehr wahre Begebenheiten über die Mafia, als in einer Zeitung je geschrieben werden könnten. Geklagt hat gegen diese Bücher noch niemand.

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Früher nannten wir es eine Ente

Donnerstag, 09. November 2017

#NoGrandiNavi

Und wieder, liebe Kinder, war Zeit für die Märchenstunde. Endlich wieder eine schöne David&Goliath-Geschichte, endlich mal wieder etwas für die zarten Seelen da draußen, die nach good news dürsten.

Offenbar ohne jede Nachfrage wurde gestern eine ministerielle Propaganda-Nachricht auf allen Kanälen durch die Medien geblasen: Tagesschau titelte „Ciao Crociera“, Spiegel online bejubelte das „Ende für die Kreuzfahrtkolosse“ und genauso ging es weiter bei Focus, der FAZ, der Welt, der Süddeutschen Zeitung etc.pp.

Das einzige Problem daran: Es stimmt nicht. Genauso wenig wie Dornröschen vom Prinzen wachgeküsst wurde, genauso wenig ändert sich an der Zerstörung der venezianischen Lagune durch die Kreuzfahrtschiffe.

Hier ist der Begriff Fake News endlich mal angebracht (früher haben wir so etwas übrigens Ente genannt): Es stimmt nicht, dass keine Kreuzfahrtschiffe mehr durch Venedig fahren, sie fahren lediglich nicht mehr am Markusplatz vorbei, sondern eine andere Route, weil es eben sehr kontraproduktiv war, wenn jeder Tourist mit seinem Smartphone diesen Skandal dokumentieren konnte. Jetzt fahren sie nur hintenrum, damit bedeutet das: Aus den Augen, aus dem Sinn. Für die Lagune und den Schaden, der durch die Kreuzfahrtschiffe entsteht, bedeutet das keinerlei Veränderung.

Dadurch werden jetzt noch grössere (!!!) Kreuzfahrtschiffe (diejenigen mit mehr als 40 000 Bruttoregistertonnen) Venedig anfahren – die in Marghera anlegen und über den tiefer auzubaggernden Kanal Vittorio Emanuele und den Canale dei Petroli fahren sollen. Was eine noch viel größere Belastung für die Lagune darstellt.

Es ist genau so skandalös, wie  hier vom Comitato Nograndinavi beschrieben (mehr …)

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Ah, la Germania, tutto funziona

Mittwoch, 08. November 2017

Gestern: Eurowingsflug aus Bari nach Köln hat Verspätung. Aus einer Viertelstunde wurden fast zwei. Ok. Kommt vor. Will hier auch gar nicht meckern. Zwei Stunden Verspätung, da lache ich drüber. Ich meine, wenn ich nur an den Flug neulich von Berlin nach Venedig denke, da habe ich zwei Tage gebraucht. Kam am Flughafen Schönefeld an (vor meinem geistigen Auge steigen bei Schönefeld immer steingraue NVA-Grenztruppen mit Pelzmützen und Ohrenwärmern auf, keine Ahnung warum), wo bereits Chaos herrschte, denn der Easyjet-Flug von Berlin nach Venedig war gestrichen worden. Der für solche Fälle vorgesehene Easyjet-Notfall-Plan griff sofort: Zwei durch zahlreiche Konfliktmanagementkurse geschulte Mitarbeiter übten sich in ihrer Pflicht zur Kooperation und Kommunikation und versuchten die auf Krawall gebürstete Menge zu besänftigen, indem sie ihr einen Weiterflug in zwei Tagen in Aussicht stellten. Nach wenigen Minuten hatte ich den Ernst der Lage erfasst, eine Freundin angerufen, mir ein Nachtlager besorgt und bei Air Berlin einen Weiterflug für den nächsten Tag gebucht, dieses Mal von Tegel über Düsseldorf nach Venedig.

Der Flug von Tegel nach Düsseldorf (vor meinem geistigen Auge steigen bei Tegel immer in doppelreihige, am-Bauch-spannende und mit Goldknöpfen bestückte Anzüge gezwängte Immobilienmakler auf, keine Ahnung, warum) hatte Verspätung. Aus einer Stunde wurden anderthalb. Als wir in Düsseldorf landeten, war der Flug nach Venedig weg. Wir stellten uns wie Schulkinder in einer langen Reihe vor dem Air-Berlin-Schalter auf, im blinden Vertrauen darauf, dass uns kompetente, in Deeskalation geübte Air-Berlin-Mitarbeiter einen Weiterflug nach Venedig vermitteln würden. Leider war das nicht der Fall. Als Unruhe ausbrach (in der Menge hatten sich Gerüchte breitgemacht, dass ein Einsatz von Schlagstöcken, von Air Berlin euphemistisch „Mehrzweckeinsatzstöcke“ genannt, und Polizeipferden nicht ausgeschlossen werden könnte), trat eine fließend Deutsch sprechende, dem Aussehen nach aber chinesisch anmutende Air Berlin-Mitarbeiterin vor uns und trieb uns wie eine Rotgardistin zurück in die Abflughalle, wo sich zwei Air Berlin-Mitarbeiter bereits hinter ihrem Schalter verschanzt hatten.

Auch hier zögerte ich nicht lange, buchte mir nach weiteren drei nutzlos verstrichenen Stunden (mehr …)

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Last call! Lesereise! #BeiallerLiebe!

Mittwoch, 01. November 2017

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Unterwegs im echten Leben

Sonntag, 22. Oktober 2017

Carissimi, ein Highlight meiner Lesereise war das Interview, das Denis Scheck mit mir auf der Buchmesse führte, lustig und informativ zugleich, wer mag, kann es hier sehen. Bald bin ich auch wieder analog, also im echten Leben unterwegs, on tour (Daten hier) mit #BeiallerLiebe. Dieses Mal wird mich mein Weg ins Ruhrgebiet und auch in meine Heimatstadt Kamen führen, wo ich am 10. November lesen werde.

Und am 20. November wird es auf Schloss Lübbenau in Brandenburg (Spreewald) eine Lesung mit einem Special Guest geben: Mit Joachim Król – yes, genau der – den ich vor Jahren in Venedig kennengelernt habe. Als er hier den Brunetti drehte, sind wir uns über den Weg gelaufen – und stellten fest, einiges gemein zu haben: Wir stammen beide aus dem Ruhrgebiet (Joachim Król aus Herne), sind beide Kinder von Bergmännern – weshalb es sich, wenn wir uns sehen, immer so anfühlt, als wären wir irgendwie miteinander verwandt. Und wahrscheinlich sind wir das auch. Seelenverwandt sind wir auf jeden Fall.

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Ein schwarzer Tag für die Meinungsfreiheit

Donnerstag, 19. Oktober 2017
Santa Mafia

Petra Reski „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ Droemer 2008

„Ich bedauere diese beunruhigende Abweichung von der gängigen Auffassung der Rechtsprechung zutiefst“, stellte Richterin Tsotsoria am Ende des soeben ergangenen Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte fest.

Es ist in der Tat ein schwarzer Tag für die Meinungsfreiheit: Mit seinem soeben ergangenen Urteil hat der Europäische Gerichtshof die Beschwerde des Verlages Droemer Knaur abgelehnt, derzufolge die Schwärzung meines Buches „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ (Droemer 2008) und die Geldentschädigung von 10 000 Euro gegen die freie Meinungsäußerung (Art. 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention) verstoße. Ich stimme mit der Verlagsleiterin Margit Ketterle darin überein: Wenn sich Journalisten und Verlage für die Verdachtsberichterstattung nicht auf den Rückgriff auf qualifizierte Quellen verlassen können und Journalisten vor Gericht beweisen müssen, dass Verbrechen begangen wurden, dann ist die Pressefreiheit in Gefahr.

Mich hat dieses Urteil darin bestärkt, auch in Zukunft weiterhin Romane über die Mafia zu schreiben. Soeben ist bei Hoffmann&Campe erschienen: „Bei aller Liebe. Serena Vitales dritter Fall“ handelt vom Geschäft der Mafia mit Migranten.

*

Richterin Tsotsoria legte Wert darauf, ihre abweichende Meinung im Urteil zur Kenntnis zu bringen:

I voted in favour of finding a violation of Article 10 of the Convention in this case.

The publication by the applicant company indisputably concerned a matter of great public interest – the activities of the mafia in Germany. In the book, S.P.’s alleged membership of the criminal organisation was presented as a presumption and not as a fact. This assumption was based on a variety of sources, including the official reports of the Federal Office of Criminal Investigation. In those circumstances, contrary to the findings of the present case, the case-law does not require that journalists undertake independent research. The case-law also provides that journalists must be free to report on events based on information gathered from official sources without further verification (see Koniuszewski v. Poland, no. 619/12, § 58, 14 June 2016, with references to other case-law).

I consider that the author of the book, a journalist who is renowned for her anti-Mafia publications, acted in good faith, in compliance with the duties and responsibilities enshrined in Article 10 of the Convention. Equally, I do not find it possible to reproach the applicant company for overstepping the allowed limits of exaggeration. Moreover, the possible meaning of “high level of suspicion” (see paragraph 47 of the judgment) in terms of the Court’s case-law is also unclear to me. Further, I am not convinced that the applicant company was given appropriate opportunities by the domestic courts to put forward arguments regarding the veracity of the information.

 

In a nutshell, based on the above arguments and sharing the rationale of the applicant’s reasoning, I find that the local courts failed to strike a proper balance between the applicant company’s freedom of expression and the right to respect for S.P.’s private life and reputation, as required by the criteria established by the Court’s case-law. In my view, the national judicial authorities did not give due consideration to the importance and the scope of the principle of freedom of expression, which should result in a narrow margin of appreciation being accorded to the decisions of the national courts. This fact meant that the Court ought to have substituted its view for that of the domestic courts (see Aksu v. Turkey [GC], nos. 4149/04 and 41029/04, § 67, ECHR 2012, and Palomo Sánchez and Others v. Spain [GC], nos. 28955/0628957/0628959/06 and 28964/06, §57, ECHR 2011).

 

I deeply regret this troubling departure from the prevailing understanding of the case-law of this Court.

*

ABWEICHENDE AUFFASSUNG DER RICHTERIN TSOTSORIA

Ich stimmte dafür, in diesem Fall einen Verstoß gegen Artikel 10 des Übereinkommens festzustellen  

Die Publikation der antragstellenden Firma betraf fraglos eine Angelegenheit, die von großem öffentlichem Interesse ist – die Aktivitäten der Mafia in Deutschland. Im Buch wird die angebliche Mitgliedschaft von S.P. in der kriminellen Organisation als Annahme dargestellt und nicht als Tatsache. Diese Annahme basierte auf verschiedenen Quellen, einschließlich der offiziellen Berichte des Bundeskriminalamts. Unter diesen Umständen, im Gegensatz zu den Erkenntnissen des vorliegenden Falls, erfordert es das Präzedenzrecht nicht, dass Journalisten unabhängige Recherchen betreiben. Das Präzedenzrecht setzt auch voraus, dass Journalisten frei sein müssen, über Ereignisse zu berichten, die auf Information basieren, die von offiziellen Quellen bezogen werden, ohne diese weiter zu verifizieren (s. Koniuszewski gegen Polen, Nr. 619/12, § 58, 14. Juni 2016, unter Bezugnahme auf anderes Präzedenzrecht).

Ich bin der Meinung, dass die Autorin des Buchs, eine Journalistin, die berühmt ist für ihre Mafia-kritischen Publikationen, guten Gewissens handelte, und in Übereinstimmung mit den Pflichten und Aufgaben, die in Artikel 10 des Übereinkommens verankert werden. Desgleichen sehe ich mich nicht in der Lage, der antragstellenden Firma den Vorwurf zu machen, die erlaubten Grenzen der Übertreibung überschritten zu haben. Überdies verstehe ich die mögliche Bedeutung von „hohem Grad an Verdacht“ (s. Paragraph 47 des Urteils) hinsichtlich der Rechtsprechung des Gerichts auch nicht. Außerdem bin ich nicht überzeugt, dass die antragstellende Firma von den einheimischen Gerichten ausreichend Gelegenheit bekam, Argumente bezüglich des Wahrheitsgehalts der Informationen vorzubringen. 

 Kurz zusammenfassend bin ich, basierend auf den obengenannten Argumenten und in Übereinstimmung mit der Logik der Beweisführung der Antragstellerin, der Meinung, dass es den örtlichen Gerichten nicht gelungen ist, die richtige Balance zu finden zwischen der freien Meinungsäußerung der antragstellenden Firma und dem Recht, das Privatleben und den Ruf S.P.s zu respektieren, so wie es die Kriterien verlangen, die das Präzedenzrecht des Gerichts festlegt. Meines Erachtens haben die deutschen Justizbehörden die Wichtigkeit und das Ausmaß des Prinzips der freien Meinungsäußerung nicht gebührend berücksichtigt, was darauf hinauslaufen sollte, dass den Urteilen der nationalen Gerichte ein enger Spielraum der Wertschätzung gewährt wird. Dieser Umstand bedeutete, dass dieses Gericht seine Ansicht mit der des deutschen Gerichts hätte substituieren sollen (s. Aksu gegen Türkei [GC], Nr. 4149/04 und 41029/04, § 67, ECHR 2012, und Palomo Sánchez und Andere gegen Spanien [GC], Nr. 28955/0628957/0628959/06 und 28964/06, §57, ECHR 2011).

Ich bedauere diese beunruhigende Abweichung von der gängigen Auffassung der Rechtsprechung zutiefst.  

 

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„Bei aller Liebe“ on the road

Donnerstag, 14. September 2017

Getz (sagt man im Ruhrgebiet) geht’s los: Nächste Woche Lesungen in Hamburg, Marburg und Kassel. Und demnächst noch mehr.

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Ein paar Bemerkungen zu Duisburg

Dienstag, 15. August 2017

Die Mafia macht ihre besten Geschäfte, wenn es ruhig ist. Und heute spricht ja niemand mehr über die Mafia. Außer an Jahrestagen, so wie heute. Da wachen selbst die verschlafensten Tageszeitungen auf und erinnern sich schaudernd an jenen 15. August 2007, als plötzlich sechs tote Italiener vor dem Restaurant „Da Bruno“ lagen.

Ich war damals auch überrascht. Und das, obwohl ich seit langem wusste, wie aktiv die Mafia im Ruhrgebiet ist: Die Killer des 1990 ermordeten Antimafia-Staatsanwalts Rosario Livatino kamen aus Leverkusen. Und letzte Morddrohung gegen den ermordeten Antimafia-Staatsanwalt Falcone kam aus Wuppertal.

Ich hätte der Mafia in Deutschland aber eine so spektakuläre Tat nicht zugetraut. Denn es war ja klar, dass das die Deutschen aufschrecken würde. Extrem kontraproduktiv für die Mafia. Aber wahrscheinlich haben sie die Situation schon von Anfang an doch richtig eingeschätzt: Es wird am Anfang einen Aufschrei geben, dann gehen wir in Deckung, dann werden die Deutschen es wieder vergessen, und alles geht weiter wie immer. Weil die Beziehungen, die die ‘Ndrangheta stets gepflegt hat, also zu Politikern, Unternehmern, Geheimdiensten in West und vor allem Ost (sehr interessant sind übrigens die Verbindungen zwischen Stasi und ‘Ndrangheta), immer noch die besten sind.

Drogenhandel, Bauindustrie, Gastronomie, Giftmüllbeseitigung, Immobilienhandel – vor allem aber Geldwäsche. Die klassischen Geschäftsfelder der Mafia. Später kam noch die Windenergie hinzu. Öffentliche Gelder in ihre Taschen umzuleiten, ist die Königsdisziplin der Mafia – und da haben sich mit den europäischen Fördergeldern und dem gemeinsamen europäischen Markt viele neue Perspektiven ergeben.

An Ermittlungsergebnissen hat es in Deutschland auch 2007 nicht gemangelt. Indes, es fehlen die Gesetze. Auch hinter den angeblich „neuen Gesetzen“ zur Bekämpfung der Mafia verbirgt sich vor allem der Wahlkampf. In der sogenannten Neuregelung kommt das Wort „Mafia“ gar nicht vor. Staatsanwälte sind nach wie vor skeptisch. Außerdem ist jetzt der Zoll für die Verdachtsmeldungen wegen Geldwäsche zuständig. Und da wurde das Personal nicht nur halbiert, sondern hat auch keinen Zugriff auf polizeiliche Datenbestände. Wie der Bund deutscher Kriminalbeamter sagt: „Der Bundesfinanzminister hat uns einen Bärendienst erwiesen.“

Es müsste einen politischen Willen zur Bekämpfung der Mafia in Deutschland geben. Und den sehe ich nicht. Von vielen Politikern wird die Geldwäsche immer noch als ein Konjunkturankurbelungsprogramm gesehen. Nach dem Motto: Pecunia non olet. Die Mafia wird in Deutschland für eine Art von Folklore gehalten, selbst in deutschen Gerichten fehlen die wesentlichsten Kenntnisse.

Wir könnten von allein schon von der italienischen Antimafia-Gesetzgebung lernen und auch von den schlechten Erfahrungen: Seit 25 Jahren sitzt die Mafia im italienischen Parlament – und dagegen kämpfen die ehrlichen Italiener.

Nachdem ich verklagt und bedroht worden bin, habe ich versucht, dem ganzen etwas Positives abzugewinnen: Ich habe diese Erfahrungen in meine Romane einfließen lassen, ich hätte die Protagonisten meiner Romane nie so agieren lassen können, wenn ich manches nicht am eigenen Leibe gespürt hätte. Bei Schauspielern nennt man das „Method Acting“.

Außerdem finde ich es sehr interessant zu beobachten, wie sich sich die Mafia immer weiter entwickelt: Mit der Flüchtlingskrise hat sich für die Mafia ein neues Geschäftsfeld eröffnet. Das Zauberwort heißt emergenza: Notstand. Den gab es ja auch in Deutschland, in jenem Sommer 2015. Und genau davon handelt mein neuer Roman „Bei aller Liebe“.

Und hier auch noch ein Radio-Interview mit mir auf WDR 5 anlässlich Duisburg (etwas mehr als 7 Minuten, Sie schaffen das!)

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Jugend Rittet

Freitag, 11. August 2017

Ok, ich wusste schon, dass „Bei aller Liebe“ aktuell ist – aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell so hoch her gehen würde. Zwischen Deutschland und Italien. Allein schon mal orthografisch. Von „Jugend rittet“ bis „Jugend bettet“ – war alles drin: In so gut wie keinem Artikel der italienischen Presse wurde „Jugend rettet“ richtig geschrieben, nicht mal im Beschlagnahmungsbefehl der Staatsanwaltschaft von Trapani, die letzteren auf Geheiß des Untersuchungsrichters ausgestellt haben. Das muss jetzt hier so pingelig ausklamüsert werden, weil im Eifer des Gefechts (anders kann man die Berichterstattung darüber nicht bezeichnen) doch einiges durcheinander geraten ist.

Auf Facebook, Twitter und in Artikeln wurden Südkurven-Schlachten ausgetragen, Ninja Turtles gegen Shredder, hätte man meinen können. Dabei war es nur eine normale Ermittlung rund um die „Begünstigung illegaler Einwanderung“. Die zur Folge hatte, dass die „Iuventa“, das Schiff der NGO „Jugend Rettet“ beschlagnahmt wurde und, wohlgemerkt, gegen einzelne Mitglieder der NGOs  von „Jugend Rettet“, „Ärzte ohne Grenzen„, „Save the children“ und andere ermittelt wird.

Kurzum: Hier wird kein Rundumschlag gegen alle NGOs gefahren, es geht es auch nicht darum, Rettungsorganisationen zu kriminalisieren (mehr …)

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Bei aller Liebe. Endlich.

Samstag, 15. Juli 2017

Ist immer so ein intimer Moment, wenn man DAS BUCH, mit dem man mehr als ein Jahr verbracht hat, zum ersten Mal in der Hand hält. Wenn es sich aus einer Word-Raupe endlich in einen Roman verwandelt hat, den man in der Hand halten kann und dessen Rücken knackt, wenn man ihn zum ersten Mal aufschlägt. Als Motto ein paar Zeilen von Leonardo Cohen: „First we take Manhattan/Then we take Berlin“. Gewidmet habe ich den Roman Giovanni Spampinato, der 1972 von der Mafia ermordet wurde. Ab Dienstag in allen Buchhandlungen, yes.

Serena Vitale lässt Euch alle schön grüßen (Habe sie kürzlich mal wieder in Palermo interviewt, sie war verzickt wie immer, aber am Ende habe ich sie milde gestimmt, weil ich ihr eine besonders schöne Heiligenfigur mitgebracht habe: Sant’Ivo, Schutzheiliger der Staatsanwälte. Dass er aber erst vierundvierzig Jahre nach seinem Tod heilig gesprochen wurde, wusste sie schon)

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