Kategorie: Canal Grande

Taubenmassaker (strage di colombi)

Sonntag, 20. April 2008

Soeben entnahm ich meinem Lokalblatt, dem hoch geschätzten Gazzettino, dass es ab dem 30. April in Venedig verboten ist, Tauben zu füttern. Die Vereinigung der Taubenfutterverkäufer klagt vor dem obersten Verwaltungsgericht gegen diese Entscheidung. Und die venezianische Gesellschaft der Vegetarier hat zusammen mit der venezianischen Tierschützervereinigung einen Protestbrief an den italienischen Staatspräsidenten Napolitano geschrieben – mit dem Titel “Tauben – Schluss mit dem Massaker”.

Gott schütze Italien.

Notizen aus Veniceland

Donnerstag, 17. April 2008

Gerade hat mir eine Freundin erzählt, dass ihr Friseur, der sich in San Marco in einer Seitengasse befindet, demnächst schließt. Die Miete wurde von vier auf zehntausend Euro erhöht – ein Interessent möchte dort ein Bed&Breakfast eröffnen. Ist ja auch einleuchtend. Schließlich reist niemand nach Venedig, um sich hier die Haare schneiden zu lassen.

Die tote Ecke (l’angolo morto)

Dienstag, 01. April 2008

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Der Drang des Menschen, in eine Sackgasse zu laufen, ist ein Phänomen, das mir in Venedig schon an verschiedenen Stellen aufgefallen ist. Besonders ausgeprägt aber ist dieser Drang am Campo San Fantin, dort wo das Theater La Fenice steht. Wenn man im Antico Martini sitzt und isst, dann hat man Gelegenheit, unzählige Menschen dabei zu beobachten, wie sie in die Ausweglosigkeit laufen und zwar nicht zögerlich, nicht tastend, sondern zielstrebig, mit herausgestreckter Brust. Was keineswegs naheliegend ist, denn dieser Campo führt in sechs verschiedene Richtungen, nach San Marco, nach Rialto, in die Calle della Mandola, hinter die Fenice, in die Calle XXII Marzo – und erst zuletzt in diese tote Ecke, die sich links zwischen dem Theater und dem Antico Martini befindet.

Erst gestern sah ich einen Jogger über den Campo laufen, und als er näher kam, wusste ich: Gleich läuft er in die Ecke. Und so war es. Er trippelte dann kurz auf der Stelle, kehrte wieder um und lief beschämt weiter. Es hat etwas von candid camera, wenn man dasitzt und die Leute unbeirrt in die Sackgasse laufen sieht. Wenn sie merken, dass es nicht weiter geht, lachen sie meist etwas verlegen und machen dann ein Übersprungsfoto vor der Treppe – wodurch diese schöne, aber dennoch völlig durchschnittliche venezianische Treppe zu den meist fotografiertesten Treppen der Stadt gehört.

Jetzt könnte man sagen: Venedig ist ein Labyrinth, die Armen haben sich einfach nur verlaufen! Meine Feldstudien aber haben ergeben, dass sich dahinter keineswegs ein planloses Herumirren verbirgt, sondern Methode. Denn um sich nicht zu verlaufen, würde es reichen, dem Strom der Passanten zu folgen. Genau dies aber scheinen die Menschen, die so entschlossen in die Sackgasse laufen, abzulehnen. Man kann also davon ausgehen, dass es ein ganz bestimmter Menschentyp ist, den man in der toten Ecke wiederfindet: der Non-Konformist. Der auf keinem Fall mit dem Strom mitschwimmen will.

Buchhändler in Veniceland (librai a Veniceland)

Samstag, 22. März 2008

Gerade komme ich aus einer Buchhandlung hier in San Marco, sie existiert seit 150 Jahren und steht jetzt vor der Schließung, weil die Pacht von 1000 auf 5000 Euro erhöht wurde.

Nur Modeschöpfer wie Dolce&Gabbana oder Prada können sich solche Mieten leisten, sagte die Buchhändlerin. Denn selbst wenn niemand in diesen Läden einkauft, lohnt sich das Geschäft, weil sich schon das Schaufenster in Venedig als Werbung bezahlt macht. Mit Büchern allein kann man hier nichts verdienen, sagte sie und fügte hinzu: Wahrscheinlich bleibt uns nichts anderes übrig, als Karnevalsmasken und Muranoglas zu verkaufen.

Und das war nicht ironisch gemeint, denn unweit des Markusplatzes hat eine renommierte Kunstbuchhandlung nun ein Schaufenster eingerichtet, in dem Muranoglaskettchen und Masken angeboten werden: Auch dieser Buchhandlung war die Pacht verfünffacht worden – und nur dank des Verkaufs von Muranoglaskettchen kann sich der Buchhändler noch leisten, Bücher über Canaletto anzubieten.

Das tägliche Leben ist in Venedig schon lange nicht mehr vorgesehen, sagte die Buchhändlerin, es gibt hier keine Gemüsehändler mehr, keine Bäcker, keine Fleischer.

Und ich erinnerte mich daran, wie der venezianische Bürgermeister Cacciari wütend geworden war, als ich ihn in einem Interview nach dem Aussterben der Stadt gefragt hatte. Er, der ehemalige Kommunist, belehrte mich, dass die Marktgesetze dafür verantwortlich seien: Es gibt Gesetze, schrie er, und einen freien Markt! Wollen wir die Sowjetrepublik oder den freien Markt? Es erbitterte ihn, sich zu den venezianischen Niedrigkeiten äußern zu müssen. Er wollte die Welt erklären und nicht, warum es in San Marco keine Bäckerläden mehr gibt. Das ist Geschwätz, sagte er, venezianisches Geschwätz!

Ich habe dann das Buch “Mani sporche” gekauft, “Schmutzige Hände”, ein Buch, das auf 970 Seiten beschreibt, wie die italienische Politikerkaste von links bis rechts ihr Land in den letzten sieben Jahren aufgefressen hat. So viel zum venezianischen Geschwätz. Und während die Buchhändlerin das Buch einpackte, erzählte mir ihr Mann, wie neulich Abend zwei Touristen atemlos in die Buchhandlung gestürzt seien und nach dem schnellsten Weg zur Piazzale Roma gefragt hätten. Der Buchhändler erklärte ihnen den Weg und schlug ihnen vor, anstatt zu Fuß zu laufen, ein Vaporetto zu nehmen, die Vaporetti fahren schließlich die ganze Nacht durch zur Piazzale Roma und damit bis ans Festland.

Wie, fragten da die beiden Touristen, wird Venedig denn abends nicht geschlossen?

Zahlen (numeri) II

Dienstag, 18. März 2008

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Der Gazzettino (die venezianische Prawda) verkündete, dass Venedig im letzten Jahr erstmals von 21 Millionen Touristen besucht wurde, also von einer Million Touristen mehr als im Jahr zuvor. Davon blieben 8 Millionen über Nacht, die restlichen 13 Millionen waren Tagestouristen, vulgo mordi e fuggi,  Beiss-rein-und-hau-ab-Touristen. Nein, ich werde mich jetzt nicht beschweren. Seid willkommen, Millionen.  In Veniceland.

Reich werden (diventare ricco)

Donnerstag, 13. März 2008

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Es ist keine Kunst, mehr zu verdienen, als eine freischaffende Journalistin. Jeder Klempner verdient mehr als ich. Ich kann auch damit leben, dass meinem Freund Clemente Mastella (siehe auch: Amore I), dem ehemaligen Justizminister, angeklagt wegen Amtsmissbrauchs und Erpressung, sein Rücktritt mit 300 000 Euro versüßt wurde. Denn um diese Ablösesumme zu verdienen, muss man über ein gewisses Maß an krimineller Energie verfügen, und das ist nicht jedermanns Sache. Ganz legal reich werden jedoch kann man als Taubenfutterverkäufer am Markusplatz.

Wie das Denkmalschutzamt gestern bekannt gab, verdienen venezianische Taubenfutterverkäufer im Jahr 300 000 Euro, schwarz. Durchschnittlich 1000 Euro pro Tag. Und das ohne jedes Risiko: Der Rohstoff, das Körnerfutter, kostet pro Zentner etwas zwischen 17 und 27 Euro, ein Zentner Körner verwandelt sich (das ist jetzt nichts für Leute, die schon in der Schule an Textaufgaben scheiterten) in 1000 Taubenfuttertüten, bei einem Durchschnittsgewicht von 100 Gramm pro Tüte, die zu einem Preis von einem Euro an den Touristen verkauft werden.

Für Taubenfutterverkäufer ist der Markusplatz also eine Goldmine – die von 19 Verkäufern ausgebeutet wird, welche sich an 10 Verkaufsständen abwechseln, nicht mehr, nicht weniger: Die Taubenfutterverkäufer sind so etwas wie der Hartmannbund, eine Taubenfutterverkaufslizenz kann nicht erworben werden, sondern nur vererbt: Die venezianische Stadtverwaltung stellt keine neuen mehr aus, weil sie auf die im Vergleich zu den Tauben geringere Fruchtbarkeit der Taubenfutterverkäufer hoffte, um auf diese Weise der Taubenplage Herr zu werden. Weil dies aber erst schätzungsweise in 100 Jahren der Fall sein und der Markusplatz bis dahin in Taubenscheiße erstickt sein wird, bietet die venezianische Stadtverwaltung zusammen mit dem Denkmalschutzamt nun den Taubenfutterverkäufern ein Geschäft an: Wer auf seine Lizenz verzichtet, dem wird eine Ablösesumme zwischen 50 und 100 000 Euro gezahlt – ausgehend von den Einkommenserklärungen der Taubenfutterverkäufer, die als Verdienst nicht mehr als 1000 Euro pro Monat versteuern.

Mir stellen sich zwei Fragen:

Erstens: Warum sollten sich die Taubenfutterverkäufer auf ein solches Geschäft einlassen?

Zweitens: Warum bin ich keine Taubenfutterverkäuferin geworden? 

O sole mio

Sonntag, 02. März 2008

Che bella cosa ‘na jurnata ‘e sole,
Wie schön ist ein sonniger Tag,
n’aria serena doppo na tempesta!
Heitere Luft nach einem Sturm!
Pe’ ll’aria fresca pare già na festa
Schon wegen der frischen Luft scheint es ein Fest …
Che bella cosa ‘na jurnata ‘e sole
Wie schön ist ein sonniger Tag
Ma n’atu sole cchiù bello, oi ne’
Aber eine andere Sonne,viel schöner, Liebste,
O sole mio sta ‘nfronte a te!
Meine Sonne, scheint in deinem Gesicht!
‘O sole, ‘o sole miosta ‘nfronte a te
Aber eine andere Sonne,viel schöner, Liebste,
sta ‘nfronte a te!
Meine Sonne, scheint in deinem Gesicht 

Wenn man als Anwohner eines venezianischen Kanals damit geschlagen ist, O sole mio vierundzwanzig Mal täglich zu hören, gesungen von einem Rentner, der bereits um sieben Uhr morgens seinen ersten Spritz getrunken hat, dann tendiert man dazu, O sole mio zu verabscheuen. Dabei hat es das Lied nicht verdient. Denn nichts erklärt die italienische Seele besser – die immer heiter und melancholisch zugleich ist.

Hier in der legendären Aufnahme von Enrico Caruso, 1916.

Tod in Venedig

Mittwoch, 20. Februar 2008

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In der Nacht von Montag auf Dienstag ist im Hotel Des Bains ein Brand ausgebrochen Drei Stockwerke und die Präsidentensuite gingen in Flammen auf. Es heißt: ein Kurzschluss. Es heißt: Umbauarbeiten. Komisch eigentlich. Erinnert fatal an den Brand in der Fenice. Und an den Brand in der Stucky-Mühle: Unter Bürgermeister Cacciari wurde sehr öffentlichkeitswirksam der Beschluss gefasst, auf der Giudecca die leerstehende Industrieruine der Stuckymühle wieder aufzubauen. Tatsächlich kaufte dann der Bauunternehmer Francesco Caltagirone das Gebäude – und es war keine Rede mehr von den Wohnungen für Venezianer, stattdessen entstand hier, unterbrochen von einer kleinen Brandstiftung (“Wenige Wochen später wurde mit der äußeren Rekonstruktion der beschädigten Gebäudeteile begonnen, wobei man jedoch von den ehemals strengen Auflagen der Denkmalpflege im Inneren befreit war“), ein Hilton mit 400 Zimmern, ein Kongresszentrum für 2000 Personen und 138 Luxusferienappartements. Ein Brand kann eben manchmal sehr nützlich sein.

Der Italiener an meiner Seite sagt: Das ist Italien. Aber wahrscheinlich erliegt er der hier weit verbreiteten Neigung zur Selbstgeißelung. Eine Landplage.

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Nackt. (Nudo)

Dienstag, 12. Februar 2008

Venedig ist leer. So leer, dass man sich erschreckt, wenn einem jemand nachts in einer Gasse begegnet. Die wenigen Touristen, die sich nach Venedig verirren, werden sofort betäubt und dann in ein Muranoglasgeschäft verschleppt. Heute sprach ich mit der Galeristin Holly Snapp, und wir hatten das beklemmende Gefühl, zu Überlebenden zu gehören. Bald wird man auch uns unter Denkmalschutz stellen.

Ich habe mir vorgenommen, kein Touristenbashing mehr zu machen, und deshalb wünsche ich mir jetzt ein paar von den zwanzig Millionen Touristen zurück, aber nur, wenn sie mir versprechen, nicht zu viert nebeneinander in einer Gasse zu spazieren. Es ist traurig, Venedig nackt zu sehen. So tot. 

Venice Lounge

Sonntag, 03. Februar 2008

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Die Piazza gestern nacht. After hours party, was sonst. Wenn nicht das passende Etikett draufklebt, kann sich der Mensch ja nichts mehr darunter vorstellen. Fertigwörter für Fertiggefühle. Der Markusdom sah in der Lichtshow aus wie eine dieser entweihten Kirchen, die man zu Getränkecentern, Supermärkten oder zu Diskos, pardon, Lounges umfunktioniert hat. Venedig ist tot. Es lebe die Venice Lounge.