Kategorie: Canal Grande

Sie war schon da

Donnerstag, 04. März 2010

Wo, wenn nicht in Venedig, kann man einen Film drehen, der den programmatischen Titel “The Tourist” trägt? Seitdem fühle ich mich verfolgt. Egal, wo ich hinkomme, Brangelina war schon da. Fahre ich über den Canal Grande, sehe ich überall die schwimmenden Sichtblenden, die alle Paparazzi der Welt darauf aufmerksam machen sollen, dass hier Palazzo Mocenigo steht, in dem Brangelina wohnt. Gehe ich zum Sport, erzählt mir mein Trainer, dass ein ganzes Fitnesstudio in den Palazzo Mocenigo geliefert worden sei, weil Brangelina nicht einfach so in ein Sportstudio gehen kann, obwohl ihr angeboten wurde, extra für sie am Sonntag zu öffnen. Gehe ich zu La Perla, flüstert die Verkäuferin, dass gerade die Ware für Brangelina abgeholt worden sei, weshalb man sich bei La Perla besonders geehrt, ja geadelt fühle, gehe ich zu meiner Nageltechnikerin, erzählt sie mir voller Neid, dass eine Kollegin vom Festland für Brangelinas Fingernägel angeheuert werden sollte, auf Acrylbasis, was die Kollegin allerdings abgelehnt habe, nicht wegen des Acryls, sondern weil sie nicht verstehen konnte, warum sie sich verpflichten sollte, für Brangelinas Nägel vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung zu stehen. Gehe ich in die Bar, um einen Espresso zu trinken, erzählt mir der Barmann, wie halb Venedig dafür angestanden hat, als Komparsen in Brangelinas Film aufzutreten, und sogar jene venezianische Adelige sei akzeptiert worden, die von allen immer nur Bag Lady genannt wird, weil sie so aussieht, als hätte sie gerade in einer Mülltonne nach Essensresten gesucht. Treffe ich eine Freundin, erzählt sie mir, dass sie Florian Henkel von Donnersmarck (vulgo Brangelinas Regisseur) auf einer Party traf, weshalb sie besinnungslos vor Bewunderung den Faux-Pas beging, in seiner Gegenwart das böse Wort Remake zu benutzen, welches der Film ja schließlich ist, nämlich von dem französischen Original “Anthony Zimmer”. Schlage ich den Gazzettino auf, springt mir Brangelina entgegen, die soeben den Palazzo Grassi besichtigt hat und ihre Kinder wie Stoffhasen hinter sich herschleift, und weil sie für die ganze Familie sogar Eintrittskarten gekauft hat, wird sie bald zur Ehrenbürgerin ernannt.

Die italienische Post

Sonntag, 22. November 2009

Ich habe mich daran gewöhnt, dass manche Briefe an mich nie ankommen. Von Päckchen ganz zu schweigen. Vor allem die Päckchen mit Nürnberger Lebkuchen, die mir meine Tante Ruth zu Weihnachten schickt. Oder Päckchen mit CDs. Überhaupt kommen Päckchen, deren Inhalt sich ertasten oder erschütteln lässt, nicht an. Man könnte sich damit abfinden. Und auf UPS umsteigen. Aber die wahre Perfidie der italienischen Post besteht darin, dass sie, wenn niemand mehr an sie glaubt, einen Brief ankommen lässt, der in ungelenker Handschrift und Orthographie adressiert ist an: Petra Reski (scrittrice tedesci), Marco, Venedig, Venezia (Veneto).

Als ich den Absender las, erinnerte ich mich an das greise Ehepaar aus Hamburg, das ich vor einiger Zeit im Vaporetto getroffen hatte, und das ich zu seinem Hotel begleitet hatte. Am nächsten Morgen hinterlegte ich im Hotel zwei Bücher, als Erinnerung. Und noch lange dachte ich darüber nach, dass Venedig und Chioggia in der Erinnerung dieses Ehepaars als ewige Sehnsuchtsorte fortgelebt hatten. Ein halbes Jahrhundert lang. Und jetzt war das Paar in dieses Arkadien zurückkehrt. Für zwei Tage.

 

Liebe Frau Reski!

Vielen herzlichen Dank für die tollen Bücher, sowie für Ihre nette Begleitung zu unserem Hotel. Venedig im Dunkeln, wir kennen Venedig nur am Tage, sind vor 50 Jahren 4x mit dem Vaporetti von Chioggia nach Venedig gefahren für einen Tag. Diese 2 Tage Venedig, es war für uns wie 14 Tage Urlaub. Am ersten Tag sind wir morgens nach Chioggia gefahren, Schiffe fuhren nicht mehr, die Saison war beendet. So sind wir leichtsinnig geworden und mit dem Wassertaxi nach Chioggia gefahren auf der Lagune im Sonnenschein war so herrlich, mit dem Bus wäre es zu spät geworden, dunkel jetzt. Aber es sehr, sehr schön Chioggia u.Sottomarina. 1975 waren wir zuletzt da, da hat unser Freund geheiratet. Leider haben wir keinen mehr angetroffen, wie hatten so viele Italiener als Freunde, haben am Strand Boccia und Tamborelli zusammen gespielt, abends waren wir alle zusammen zum Tanzen im “Astoria” Tanzpalast, das “Astoria” ist ja noch da, auch unsere Pension “Gioia” ist auch noch da, wo wir vor 50 Jahren Urlaub gemacht haben. Es war ein Erlebnis für sich. Am zweiten Tag sind wir nach dem Markusplatz gegangen, haben uns schön hingesetzt, Café getrunken, alles noch mal genossen, mittags haben wir an der Rialtobrücke zu Mittag gegessen, wie vor 50 Jahren, nur es war ein anderer Besitzer dort. Es wirklich ein kleiner, gelungener Ausflug. Liebe Frau Reski, wir wünschen Ihnen u. tuo Marito eine schöne Adventszeit, alles Liebe, alles Gute, die “netten Hamburger”.

Und dann hätte ich fast geheult.

Hochwasser für Anfänger (Acqua Alta per principianti)

Mittwoch, 10. Dezember 2008

cimg0866

Heute morgen lag das Hochwasser bei 1,30 Metern, beinahe eine quantité négligeable – bei 1,30 kann man sich noch mit kniehohen Gummistiefeln schützen. Weniger beruhigend ist die Aussicht, dass es in den nächsten Tagen noch steigen soll. Meine Gummistiefel sind eigentlich Reitstiefel und stehen selbst im Hochsommer neben unserer Haustür – als Zeichen der Beschwörung. Denn sobald ich sie in den Schrank räume, werden wir überschwemmt. Und das nicht mehr nur im November und März, den klassischen Hochwassermonaten, sondern auch Anfang Juni oder im Dezember. Die Venezianer sagen dann: Non c’è più religione!, was soviel heißt wie: Es gibt alles. Nicht mal das Hochwasser ist mehr glaubensfest: verlässlich einsetzend im Frühjahr und im Herbst.

Was anderswo ganze Armeen und Bundeskanzler auf den Plan ruft, ist in Venedig Alltag. Es beginnt mit der Sirene, die klingt, als stünde ein Bombenangriff bevor. Wenn das Signal ertönt, steht ein Hochwasser über 110 Zentimetern bevor und den Venezianern bleiben noch drei, vier Stunden Zeit, ihre Ware hochzustellen und ihre Büros zu sichern – was besonders dann nicht einfach ist, wenn die Stadt nachts vom Hochwasser heimgesucht wird. Ertönt die Sirene nach einiger Zeit noch mal, droht ein außergewöhnliches Hochwasser von über 1,40 Metern. Ab 1,60 Meter wird der Notstand ausgerufen – der zur Folge hat, dass die Venezianer die Schäden, die das Hochwasser verursacht hat, geltend machen können. Und weshalb Bürgermeister Massimo Cacciari gegenwärtig der meistgehassteste Mann in Venedig ist, weil er den Wasserstand des letzten katastrophalen Hochwassers auf 1,57 Meter runtergelogen haben soll.

Die venezianischen Geschäftsleute sind diejenigen, die am meisten unter dem Hochwasser zu leiden haben: Das Erdgeschoss wird in Venedig traditionsgemäß nicht bewohnt, sondern dient fast immer als Lager, Geschäftsraum oder Büro. Für den durch das Hochwasser entstehenden Schaden kommt keine Versicherung auf. Also stellen die Venezianer ihre Waren hoch, wenn die Alarmsirenen heulen, ziehen ihre Gummistiefel an, pumpen das Wasser aus ihren Läden, waschen schließlich alles mit Süßwasser ab – und hoffen, dass sich der Wind dreht.

Denn zu Hochwasser kommt es nicht, weil es zu stark geregnet hat, sondern weil Luftdruck und Wind aus Südost Wasser in die Lagune drücken – wie in jener Novembernacht im Jahre 1966, als sich dieses Zusammenspiel von Luftdruck und Wind für Venedig verheerend auswirkte: Eine vom Schirokko aufgepeitschte Sturmflut der Adria ließ das Wasser der Lagune bis auf 1,94 Meter über den normalen Pegelstand steigen. In den Gassen des Stadtzentrums stand das Wasser brusthoch. Strom, Gas und Telefon fielen aus.

Seit Jahrzehnten gehen über der Stadt ganze Generationen von Projekten, Absichtserklärungen und Plänen nieder, die gepriesen, bitter bekämpft, verworfen und wieder gefeiert werden. Je nach politischer Großwetterlage. Zuletzt brachte das Consortio Venezia Nuova, ein Zusammenschluß privater Industrie- und Baufirmen, das Projekt “Mose” hervor: Bewegliche Wassertore am Meeresgrund, die bei einer großen Flut wie Dämme funktionieren sollen. Die Umweltverträglichkeit der teuren Schleusen (4,3 Milliarden Euro) ist jedoch noch keineswegs geklärt: der notwendige Wasseraustausch in der Lagune wird durch sie gefährdet. Hinzu kommt, dass „Mose“ lediglich Hochwasser ab 110 Zentimetern verhindern würde, alle anderen Hochwasser aber weiter ungehindert in die Stadt fließen.

Bis eines fernen Tages eine Lösung gefunden wird, balancieren die Venezianer also über die passarelle, die Hochwasserbänke. Und glücklicherweise dauert der Ausnahmezustand immer nur ein paar Stunden – bei Ebbe fließt das Hochwasser wieder ab. Bis dahin sollte der Venedigbesucher entweder mit einem guten Buch im Bett liegen bleiben oder den Portier darum bitten, Gummistiefel zu besorgen. Im Hotel weiß man auch genau, um wieviel Uhr das Wasser wieder abfließt.

Wer unterwegs vom Hochwasser überrascht wird, kann bei den fliegenden Händlern Wegwerf-Stiefel kaufen: Plastikstiefel, die über die normalen Schuhe gezogen werden und die im wesentlichen aus einer Plastiksohle und einer Plastiktüte bestehen. Droht abends vor dem Abendessen Hochwasser, so empfiehlt es sich, die Stiefel bereits mit ins Restaurant zu nehmen. Venezianer verstecken sie meist in Einkaufstüten.

Zu den Benimmregeln im Hochwasser gehört: Im Wasser langsam laufen, ohne zu planschen oder Bugwellen zu verursachen – mit Rücksicht auf die anderen Passanten, die vielleicht nicht ganz so hohe Gummistiefel tragen wie Sie – und mit Rücksicht auf die Venezianer, die das Hochwasser nicht wirklich lustig finden. Nie auf den Hochwasserbänken stehenbleiben! Egal wie schön das Fotomotiv ist. Man riskiert sonst, von den Bänken ganz gemein heruntergeschubst zu werden. Und weil die Touristen das Hochwasser so amüsant finden, denkt das venezianische Fremdenverkehrsbüro auch bereits darüber nach, aus der Not eine Tugend zu machen: Extra-Hochwasser-Pakete für die, die schon alles hatten – außer Wasser unterm Bett. Zehn Prozent Rabatt und ein paar Gummistiefel gratis für Hochwasser-Touristen.

Was meine Reitstiefel betrifft, so haben sie leider einen entscheidenden Nachteil: Sie sind nicht rutschfest. Falls Sie also wissen, wo es den ultimativen, eleganten, rutschfesten Hochwasser-Gummistiefel zu kaufen gibt: Geben Sie mir ein Zeichen!

Venedig, the day after.

Dienstag, 02. Dezember 2008

cimg0861

Metapher (metafora)

Sonntag, 11. Mai 2008

Und wie leben Sie so in Venedig?, fragte Frank A. Meyer, seines Zeichens Chefpublizist des Schweizer Pressehauses Ringier. Ganz gut, sagte ich – weil die Lebenserfahrung mich gelehrt hat, dass auf diese unverfänglich klingende Frage entweder ein Venedig-Delirium folgt oder ein Venedig-Bashing. Dazwischen gibt es nichts.

Vermutlich leben Sie so wie Mickey Mouse in Disneyland, stellte er fest. Schönes Bild, sagte ich. Und während ich mir das Gewicht der riesigen Mickey-Mouse-Ohren vorzustellen versuchte und dachte, dass man unter der Mickey-Mouse-Maske sicher schnell zu schwitzen beginnt und auch leicht vornüber kippt, wenn man den schweren Mickey-Mouse-Kopf nur etwas neigt, erzählte er, dass er nicht mehr nach Venedig reise, weil es ihm zu teuer geworden sei, man würde schlechterdings beraubt, und das lasse er sich nicht mehr gefallen.

Wenn man in Venedig lebt, ist man mit zwei Flüchen geschlagen: Dass man sich nie über Venedig beklagen darf, weil man sonst als undankbar, verzogen und abnorm gilt. Und dass sich alle über Venedig beklagen, sobald sie wissen, dass man in Venedig lebt.

Frisör (parrucchiere)

Mittwoch, 07. Mai 2008

Nachdem bereits meine Nageltechnikerin und mein Pilates-Trainer in diesem Blog vorgestellt wurden, regte mich das Outing von Frau Bus als Frisurendesaster dazu an, über meinen Friseur Luca zu reden. Ein dünner Mann, der über gefährlich viel kreatives Potenzial verfügt. Wobei ich nicht allzu wählerisch sein darf: Die erste Schwierigkeit in Venedig besteht darin, in dem Meer von Bed&Breakfast, Karnevalsmasken und Pizza zum Mitnehmen überhaupt noch einen Friseur zu finden. Sie verstecken sich in Nebengassen, in Hintereingängen, und wer nicht jemanden kennt, der einen Friseur kennt, der muss sich die Haare bis zum Hintern wachsen lassen. Was in Italien ohnehin sehr weit verbreitet ist. Italienerinnen haben bis auf wenige, hormonell bedingte Ausnahmen, lange Haare. Dicke, lange Haare, die beim Föhnen gnadenlos über dicke Bürsten gezogen werden, weshalb die Frage nach einem Schnitt sich in der Regel erübrigt.

Die Lange-Haare-Manie hat mich vor einigen Jahren so infiziert, dass ich mir von dem Friseur hinter der Fenice-Oper Haare ankleben ließ, in einer viele Stunden dauernden Operation, an deren Ende ich aussah wie eine Mischung aus Ludwig dem XIV. und der Madonna von Loreto.

Nach einem Monat machte ich allerdings den Eindruck, als hätte ich knapp eine komplizierte Hirnoperation überlebt, denn auf meinem Kopf gab es jede Menge, zwei-Euro-große kahle Stellen – die entstanden waren, nachdem sich die angeschweißten Strähnen als zu schwer erwiesen hatten und nach und nach von mir abgefallen waren. Die Strähnen hatten überdies die Eigenart, sich nicht nur nachts im Bett von meinem Kopf zu lösen, sondern manchmal auch mitten am Tag, beim Zeitungskaufen auf dem Campo Sant’Angelo etwa, mein Zeitungshändler sah diskret beiseite, als ich meine abgefallene Strähne aufhob.

Neben den langen, dicken Haare liegt die zweite Stärke der Italienerinnen in dem Wagemut, mit dem sie sich ihre Haare färben. Ich kenne hier keine einzige Frau, die ihre Naturhaarfarbe trägt. Das ermunterte mich dazu, mir endlich die Haare blond färben zu lassen (Ich war in meinem Sportstudio die letzte Brünette) – und diese Entscheidung macht mich bis heute glücklich. Im Prinzip. Jedenfalls dann, wenn ich es geschafft habe, mit Luca, meinem Friseur, die Hermeneutik der Frage geklärt zu haben, welches Blond das richtige Blond ist. Mausgraublond, Rühreiblond, Sauerkrautblond, Wasserrattenblond?

Und den Schnitt? Den lasse ich in Deutschland machen.

beiß-rein-und-hau-ab (mordi e fuggi)

Dienstag, 06. Mai 2008


Letztes Wochenende wurde Venedig von 80 000 Tagestouristen überrannt, vulgo mordi e fuggi genannt, Beiß-rein-und-hau-ab-Touristen. Das ist keine Ausnahme, sondern venezianischer Alltag: Die Tagestouristen machen 80 Prozent aller Besucher aus. Jedoch nur, was ihre rein körperliche Präsens betrifft. Am Umsatz sind sie lediglich zu 30 Prozent beteiligt.

Diese trocknen Zahlen nenne ich nur aus dem Grunde, weil ich jedes Mal, wenn ich auf dem Boden essende Menschen sehe, an meine ostpreußische Großmutter denken muss. Meine Großmutter reiste nicht oft, mal an die Mosel, mal in den Schwarzwald. Als Bergmannswitwe hatte sie nicht viel Geld, aber wenn sie reiste, dann ging sie in einem Restaurant essen. Und sei es nur Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat. Sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, auf dem Boden sitzend mitgebrachte Brote zu verspeisen. Schon gar nicht inmitten von Taubendreck. Komisch eigentlich.

Venice Lounge II

Samstag, 03. Mai 2008

Gerhard Matzig beklagt in der Süddeutschen Zeitung die Loungepest – eine Klage, der ich mich umstandslos anschließen möchte: Nieder mit der Lounge!

Ein Blick in ein Wörterbuch hätte gereicht, um ihren Siegeszug zunichte zu machen. Lounge heißt „Aufenthaltsraum“, wahlweise auch „Wohndiele“ oder „Wartehalle“. Aber jetzt ist es zu spät, um im Wörterbuch nachzuschauen, der Launsch-Virus hat die ganze Welt infiziert, und seit kurzem befindet sich ein solcher Aufenthaltsraum sogar bei uns gegenüber am Kanal. Früher war dort das Cinema Centrale, und heute ist es eine Lounge – das heißt: Man hat den Putz von den Wänden geschlagen, ein paar Sofas aufgestellt, jene, auf denen man weder liegen noch sitzen kann, man hat die Bar von hinten beleuchtet und Fahrstuhlmusik, vulgo Buddha-Bar, aufgelegt, fertig. Ich habe die Vermutung, dass es sich hierbei um eine psychohygienische Maßnahme handelt: Venedig macht vielen Menschen Angst, nichts ist hier wie in anderen Städten, es gibt keine Autos, keine Hertie-Karstadt-Fußgängerzonen, Gassen enden im Wasser – da ist die Lounge schon fast etwas wie ein kleines Stück Bielefeld.

Bis vor wenigen Jahren noch war Venedig ein loungefreier Ort, auf der Erde vielleicht der letzte dieser Art. Es gibt hier Millionen von Bars und Cafés, man kann auf einem Campo sitzen, einen Prosecco trinken, dabei auf einen gotischen Palazzo blicken, auf eine Renaissance-Treppe und auf eine Rokoko-Kirche, darüber wölbt sich ein Canaletto-Himmel – da erschien der Gedanke an eine Lounge irgendwie unpassend. Die Lounge wurde in Ländern hervorgebracht, die im Wesentlichen aus Industrieruinen und einer Neigung zu starken alkoholischen Getränken bestehen, in Glasgow oder Liverpool macht so eine Lounge durchaus Sinn, das Wetter ist schlecht, der Blick auf englische Backsteinreihenhäuser auf Dauer deprimierend, und die industrielle Revolution liegt eine ganze Weile zurück, da drängte sich die Erfindung der Lounge geradezu auf.

Wäre die Lounge auf den angelsächsischen Sprachraum begrenzt geblieben, dann hätten Sie hier ein Loblied auf die Lounge lesen können, ich hätte sie als angelsächsische Seltsamkeit gepriesen, als liebenswerte Schrulle, denn nur Exzentriker können auf die Idee kommen, einen Abend in einer Wartehalle zu verbringen, in jener halb liegenden, halb sitzenden Lounge-Stellung, in der Hand ein Mischgetränk, vulgo Caipi, ein Abend, bei dem man entweder schweigt, was die eleganteste Lösung ist, oder schreit, weil der Geräuschpegel in einer Lounge infolge der unverputzten Wände so hoch ist wie der einer sechsspurigen Autobahn. Jetzt könnte man sich fragen: Warum sollte ich freiwillig einen Abend auf einer sechsspurigen Autobahn verbringen? Tja. Keine Mode ist zu blöd, um nicht befolgt zu werden. Man muss sich nur die triumphale Wiederkehr der Leggings vor Augen führen. Noch vor wenigen Jahren war dieses Kleidungsstück international geächtet, und jetzt gibt es keine Frau, deren Beine zu kurz sind, um nicht in Leggings daherzukommen.

Genauso hat sich die Loungepest wie ein Ölfleck ausgebreitet: Nicht mal Niederbayern ist loungefrei, es gibt Lounge-Gasthöfe, Lounge-Restaurants, Lounge-Pensionen, die Bundesbahn loungt, selbst Länder wie Bulgarien sind durch und durch unrettbar verloungt, allein in Sofia habe ich Hunderte von hintergrundbeleuchteten, unverputzten, Mischgetränke verabreichenden Etablissements gezählt, von China will ich gar nicht reden, in China gibt es mindestens 1,3 Milliarden Lounges. Und Berlin ist eine einzige Lounge. Wobei ich da nachsichtig bin, vielleicht verwächst sich die Lounge eines Tages noch, lange ist es nicht her, dass die Mauer gefallen ist: In Berlin gab es viele Entbehrungen, die Luftbrücke, das schlechte Essen in der DDR, die zugezogenen Schwaben hatten auch keine leichte Jugend, da kann man schon mal eine Wohndiele mit Weltläufigkeit verwechseln.

Manchmal stehe ich abends am Fenster und sehe den Menschen dabei zu, wie sie auf dem kleinen Anlegersteg vor der Lounge eine Zigarettenpause machen. Neulich ist einer dabei in den Kanal gefallen. Manchmal ist Venedig wild und gefährlich.

Taubenmassaker II (strage di colombi)

Donnerstag, 01. Mai 2008

Seit gestern dürfen in Venedig keine Tauben mehr gefüttert werden. Der einzige, der das beweint, ist der Spiegel.

Zu viel Wasser (troppa acqua)

Sonntag, 27. April 2008

Obwohl die segensreiche Wirkung des Mineralwassertrinkens unter Experten durchaus umstritten ist, hat sich diese Erkenntnis unter Venedig-Besuchern noch nicht durchsetzen können. Selbst unschuldige Kinder werden missbraucht und geistern mineralwasserflaschenbewaffnet durch die Gassen, angestiftet von der Mineralwassermafia, derzufolge der Mensch vertrocknet, wenn er sich ohne den Schutz einer Flasche Mineralwasser in die Fremde begibt. In Venedig kann man sogar vereinzelten, von exzessivem Mineralwasserkonsum schwer geschädigten Menschen begegnen, die sich für lebende Kunstobjekte halten. Als ich heute morgen zum Vaporetto in der Calle Vallaresso ging, kam mir eine Frau entgegen, die Lockenwickler trug und Joggingschuhe, um ihre Hüften wand sich ein Patronengürtel, in dem Mineralwasserflaschen wie kleine Handgranaten steckten. Sie trippelte auf der Stelle. Dann nahm sie einen Schluck Mineralwasser, trippelte und trank wieder. Sie trank und trippelte so lange, bis alle ihre kleinen Handgranaten geleert waren. Schließlich verschwand sie im Hotel Luna. Vermutlich musste sie mal.

Die Mineralwasserflasche stellt die Menschheit vor ein ähnlich großes Rätsel wie die schwarzen Löcher im Universum: Wie konnte dieser Irrglaube entstehen? Warum glaubt der Mensch, sobald er reist, sich mit einer Mineralwasserflasche bewaffnen zu müssen? Um den Durst zu löschen? Das kann keineswegs der Grund sein, schließlich nimmt niemand freiwillig abgestandenes, lauwarmes, nach Plastik schmeckendes Mineralwasser aus der Flasche zu sich, wenn sich alle zwei Meter die Möglichkeit bietet, in einem Café gegen ein geringes Entgelt kühles, frisches, sprudelndes Mineralwasser aus einem Glas trinken zu können.

Die Mineralwasserflasche muss einen höheren, gar spirituellen Sinn haben, sonst würden sich nicht ganze Völker mit ihr belasten, sobald sie sich auf Reisen begeben. Auffällig ist, dass sie selten freiwillig aus der Hand gegeben wird. Der Tourist trägt seine Mineralwasserflasche wie ein Schutzschild vor sich her, wie ein Amulett. Doch wovor soll sie ihn schützen? Vor dem bösen Blick der Einheimischen? Vor zu viel Schönheit? Es soll ja Menschen geben, die beispielsweise die Schönheit von Florenz verrückt macht. Eine florentinische Psychiaterin, die Professorin Graziella Magherini, hat 106 Patienten behandelt, die in Florenz unter Schwindel bis hin zu veritablen Nervenkrisen litten, was die Psychiaterin auf allzu intensiven Kunstgenuss zurückführte. Sie verschrieb ihnen leichte Psychopharmaka – und kann die Mineralwasserflasche nicht vielleicht Psychopharmaka ersetzen? Ein Schluck Mineralwasser – und schon lässt sich der Anblick von Michelangelos David leichter ertragen. Besonders, wenn man seinen Ehemann daneben stehen sieht.

Was empfindet man beim Anblick von Verrocchios geflügeltem Knaben, wenn man mit einen Sohn geschlagen ist, der aussieht wie ein Neufundländer, Schuhgröße 61 trägt und Hosen, die im Schritt bis zum Boden durchhängen? Ein Schluck Mineralwasser, und schon ist der Sohn weggeschwitzt. Was verspürt man beim Anblick der badenden Nymphen eines Palma Il Vecchio (Engelshaar, leuchtender Blick), wenn man selbst an einer geheimnisvollen Drüsenkrankheit leidet, die macht, dass einem Bermudashorts wachsen und weiße Socken in den Sandalen und eine Gürteltasche am Bauch? Ein Schluck Mineralwasser, und schon ist man unsichtbar. Heißt es nicht auch: „Eine Mineralwasserflasche in der Hand macht schlank“? Man muß nur genügend lauwarmes Mineralwasser zu sich nehmen, dann lässt sich im Urlaub alles ertragen.