Heute ist der Schriftsteller Vincenzo Consolo gestorben. Ich traf ihn einmal durch reinen Zufall, auf der Terrasse des Hotel Palace in Palermo. Er saß da, im Abendlicht und sagte, ja, er kehre immer in sein Ithaka zurück, “und jedes Mal sehe ich, wie ein Stück meines Ithaka verschwindet. Viele Dinge verschwinden, das ist fatal, nichts bleibt fest, nichts kristallisiert sich, alles ist in Bewegung, alles verändert sich. Derjenige, der weggegangen ist, wünscht sich immer, dass diese Veränderungen allmählich vor sich gehen, er wünscht sich, dass sie Bereicherungen sind und keine Verluste. Aber das, was in Sizilien geschieht, passiert überall in der Welt. Wir sind alle Odysseus in dem Sinne, dass wir in unserer Welt unsere Fixpunkte verloren haben, wir haben unser Ithaka verloren, die Insel, auf die wir zurückkehren können, und deshalb sind auf der Welt von heute zu einer ewigen Wanderschaft verdammt, wir sind immer bereit, zu einer Reise aufzubrechen, die nie endet.”
Kategorie: Allgemein
Der Anti-Italiener
Giorgio Bocca 1920-2011
Ich wette, dass er Weihnachten nicht ausstehen konnte. Vielleicht fand er es deshalb passend, sich genau an diesem Tag von der Welt zu verabschieden. Bocca wurde in Italien als Monument der Unbeugsamkeit verehrt, einer, der sich immer schon der Schönfärberei, dem Weihrauch und der Absolution verweigert hat. Und der nur in Ausrufungszeichen redete: Mit der Beichte und den Sündenerlässen habe die katholische Kirche die Italiener rettungslos verdorben! Geblieben sei ein Volk von Dieben, ehrlos bis aufs Mark! Selbst im faschistischen Italien habe es noch einen Moralkodex gegeben, den alle mehr oder weniger respektierten! Jemand, der gestohlen hatte, war ein Dieb und sei verachtet worden. Und heute klauten selbst die Dilettanten. Diebe beklauten Diebe. Und die Jungen? Gleichgültig. Wollten einfach nur bequem leben. Nicht mal anständige Anarchisten gebe es mehr! Wie sonst sei zu erklären, dass Berlusconi immer noch lebt?
Das rief Bocca zum Warmwerden, das letzte Mal, als ich ihn im April dieses Jahres in seiner Wohnung in Mailand interviewte. Kein anderer Journalist zeichnete die zwischen Katholizismus, Kommunismus und okkulten Mächten schwankenden Gesichter Italiens so genau wie Giorgio Bocca. In zahllosen Büchern und Artikeln beschrieb er Italiens Häutungen: Nach dem Faschismus, als alle Widerstandskämpfer gewesen sein wollten. Nach dem Fall der Mauer, als der Democrazia cristiana das Gespenst des Kommunismus abhanden kam und den Kommunisten das Geld aus Moskau. Nach dem Schmiergeldskandal der 1990er Jahre, der die etablierten Parteien in seinen Schlund riss. Bocca kannte sie alle aus der Nähe, den siebenfachen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, den „Göttlichen“, laut späterem Urteil mafianahe, immer noch Senator auf Lebenszeit. Bettino Craxi, den verblichenen Sozialistenchef, der mit seinen Regierungsdekreten in den 1980er Jahren den Weg frei machte für Berlusconis Privatsender, das Fundament der Berlusconischen Familienholding „Fininvest“. Und der dafür sorgte, dass Berlusconi in die Geheimloge „Propaganda Due“ aufgenommen wurde – wo er sich an der Seite von Militärs, Geheimdienstlern, Mafiabossen und anderen Spitzen der Gesellschaft befand, die einen Rechtsputsch planten. Unter Berlusconi hatte Giorgio Bocca in den 1980er Jahren den Versuch einer Fernsehkarriere gemacht, die er beendete, als er merkte, wer Berlusconi ist: Ein Aas, ein Mann ohne Moral, ohne Ernsthaftigkeit, ohne Kultur! Vom klinischen Standpunkt aus gesehen: Ein Größenwahnsinniger!
Das Arbeitszimmer in Mailand sah mit seinen verschiebbaren Bücherregalen aus wie der Saal einer Universitätsbibliothek. Boccas Blick entging nichts, das Alter hatte noch keinen Schleier über seine Augen gelegt, funkelnd lauerten sie in den Augenhöhlen. Bis zu seinem Tod schrieb er wöchentlich zwei Kolumnen, im „Espresso“ und in der „Repubblica“. Die Espresso-Kolumne trug den programmatischen Titel „Der Anti-Italiener“ und wurde an jenem Vormittag von dem Assistenten gegengelesen, einem bärtigen jungen Mann, der füllig wie ein Sofakissen in seinem Sessel ruhte und den hageren und aufrecht sitzenden Bocca auf einen sinnlosen Satz hinwies.
Dann gibt ihm halt Sinn, schreib ihn um!, knurrte Bocca und versuchte sich der Haushälterin zu entziehen, die ihm den Pullover hochzog, um ihm vor dem Mittagessen eine Injektion in den Bauch zu jagen, ganz nebenbei. Doch nicht in Gegenwart einer Dame!, rief Bocca empört und zog sich den Pullover wieder zurecht.
Er selber sei jedenfalls gescheitert, sagte Bocca, als Journalist und was die Aufklärung der Italiener betreffe. Denn Berlusconi sei ja nicht Ursache, sondern Symptom. Das Illegale halte die italienische Gesellschaft zusammen, die Verschlagenheit! Nichts anderes. Alle anderen Werte der italienischen Einheit, das Militär, der Patriotismus seien verschwunden. Die Geschichte Italiens sei stets von einer Minderheit geschrieben worden, von den tausend Kämpfern unter Garibaldi und den Partisanen im Krieg. Sie haben es geschafft, ein bleiernes und egoistisches Volk zu bewegen! Italien braucht eine Reform der Italiener!, rief Bocca, Ausrufezeichen ausstoßend, bis es ihn kaum noch auf seinem Stuhl hielt.
Boccas bärtiger Assistent schnaufte. Und raschelte mit Papier.
Aber Sie waren es doch, der über die Existenz der beiden Italien schrieb, des anständigen und des betrügerischen, hörte ich mich sagen und fühlte mich wie eine harmoniesüchtige Moderatorin des Frühstücksfernsehens auf RAI Uno.
Ja, sagt Bocca, aber das habe ich nur geschrieben, um mir selbst Mut zu machen. In Wahrheit habe ich dieses anständige Italien nicht gefunden, nie.
Das stimmte zwar nicht, klang aber schön. Bocca war der letzte, der Palermos Polizeipräfekten Dalla Chiesa vor seiner Ermordung interviewte. Und seine Einsamkeit beschrieb.
Später aßen wir dann noch zu Mittag, Boccas Haushälterin war eine ausgezeichnete apulische Köchin. Bocca trank drei Gläser piemontesischen Rotwein, ich etwas weniger.
Weggehen oder bleiben?
Jemand hat ein selbstgebasteltes Video auf meine Facebook-Seite gestellt, eine kleine ironische Umfrage zum Thema: In Palermo bleiben oder weggehen? Palermo sei die schönste Stadt der Welt, sagt einer, ein anderer lobt das schöne Wetter, das einzigartige Meer, das unvergleichliche Essen – und wäre da nicht die italienische Wirtschaftskrise, die zu einer Jugendarbeitslosigkeitsquote von 30 Prozent und zum brain drain geführt hat, der in Italien “Flucht der Hirne” genannt wird, gäbe es für viele junge Italiener sicher keinen Grund, ein solch irdisches Paradies zu verlassen.
Tatsächlich aber arbeiten Millionen junger Akademiker und Wissenschaftler im Ausland: Das italienische Universitätssystem ist verknöchert und undurchlässig, das Arbeitsrecht sorgt dafür, dass keine Stellen frei werden, weil Festangestellte unkündbar sind, und die Gewerkschaften verstehen sich ausschließlich als Besitzstandswahrer, so dass für junge Italiener in dieser Gesellschaft kein Platz vorgesehen ist. (Außer sie sind unter 30, weiblich, langhaarig, langbeinig und vollbusig und verfügen über einen robusten Magen. Dann haben sie Chancen bei B.)
So gesehen, würde sich die Frage “Weggehen oder bleiben?” eigentlich von allein beantworten. Gäbe es da nicht “la mia terra”. Die Heimat. Der man sich in Italien zugehörig fühlt wie einem Blutsverwandten. Als ich zum ersten Mal gefragt wurde, ob mir nicht la mia terra fehlen würde, zuckte ich zusammen. In Italien aber gehört la mia terra zur Identität, ein Sizilianer bleibt Sizilianer, auch wenn er seit vierzig Jahren in Norditalien lebt, und vielleicht wurde er in Norditalien sogar noch sizilianischer, als er das in Sizilien jemals geworden wäre. Die Emigrazione - jene Jahre, als viele Italiener ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit verlassen mussten – ist bis heute ein nationales Trauma.
Aber vielleicht ist die gegenwärtige italienische Wirtschaftskrise für die jungen Italiener nicht nur Fluch, sondern auch Segen. Eine Chance, der terra, diesem egozentrischen Blutsverwandten, zu entkommen. Und sei es nur für ein paar Jahre. Um eine Fremdsprache zu lernen. Um den Horizont zu erweitern. Und um mit einem anderen Blick zurückzukehren.
Das Scheißleben
meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend” – heißt das Buch von Andreas Altmann, das ich soeben gelesen habe.
Wie immer war ich skeptisch. Altötting, Katholizismus und alte Nazis – too much. Dachte ich. Allerdings machte mich der Ausdruck “Rosenkranzkönig” neugierig. Kurze Inhaltsangabe des Buches hier. Interview mit Andreas Altmann hier. (Wenngleich ich nicht verstehe, warum ein Autor, der autobiographisch schreibt, stets dazu vernommen werden muss: Was er sich gedacht hat. Was er sich nicht gedacht hat. Warum er woran nicht gedacht hat. Als hätte das Buch eine Gebrauchsanweisung nötig. Hat es nicht. Aber gut.)
Es ist grandios, nicht nur wegen seines Titels. Es ist zärtlich, es ist brutal, es ist komisch, es ist klar, es ist so böse, grotesk und tragisch – wie das Leben eben oft ist. Aber eine unglückliche Kindheit allein reicht nicht aus, um so ein Buch schreiben zu können. Dazu gehört nicht nur Stilempfinden, sondern auch eine innere Haltung – und die kann man nicht erlernen.
Von Epidemien, Kaspern, Obsessionen. Und einem Traum.
Nach dem gestrigen Epidemie-Drama von Soderbergh wollten wir dann eigentlich nichts mehr anfassen, keine Türklinke, kein Wasserglas, wir wollten keine Tasche mehr auf dem Boden abstellen und schon gar nicht auf engstem Raum und bei großer Hitze Schlange stehen, was man sich da alles für Viren einfangen kann, wir dachten schon an die Unruhen, die auf dem Lido ausbrechen würden, wenn kein Gegenmittel gefunden würde, Horden marodierender Banden würden die Strandkabinen zerstückeln – aber glücklicherweise legte sich alles wieder, als wir in der Märchenstunde bei Poulet aux Prunes saßen, dem Film der Comic-Autorin Marjane Satrapi - der, wie der Guardian streng bemerkt, für die meisten Gaumen zu süß geraten sei. Tja. Was soll ich sagen: Mir hat der Film gefallen. Warum nicht auch mal schönes Kaspertheater? Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir kurz danach Opfer eins schrecklich eitlen, zermürbenden Kaspertheaters wurden: Al Pacinos Film Wild Salome. Eine italienische Nachrichtenagentur behauptet, er sei mit großem Applaus bedacht worden. Kann ich nicht glauben, aber auch nicht nachprüfen, weil wir geflohen sind, nach einer Stunde. Wir hätten schon misstrauisch werden müssen, als die Produktionsgesellschaft an die wartenden Journalisten Flyer verteilte, auf denen stand, dass der Film von Al Pacinos Obsession für Oscar Wilde handele. Nichts gegen Obsessionen, es gibt Menschen, die können sich nur in Schafe verlieben, andere sind damit geschlagen, sich ständig die Hände waschen zu müssen, dafür kann man nichts, aber muss man seine persönliche Obsession unbedingt auf einem Filmfestival ausstellen?
Heute dann das Flüchtlingsdrama Terraferma von Emanuele Crialese. Die Geschichte einer sizilianischen Fischerfamilie – die sich weigert, afrikanische Flüchtlinge im Meer untergehen zu lassen. Und auch hier, möchte ich wetten, wird der Guardian schreiben, dass es zu süß für die meisten Gaumen sei. Im italienischen Publikum aber waren viele hingerissen. Standing ovations. Vielleicht auch, weil es den Italienern gut tut, sich gerade jetzt an den Traum von der Menschlichkeit zu erinnern.
Der Mensch ist mies.
Venedig besteht im Moment aus: Blumenkohlquallen. Oops, she did it again. Und Filmfest. Heute habe ich den neuen Film von George Clooney gesehen, der den kryptischen Titel “Die Iden des März” trägt, (so fix sind die Österreicher von der Tagespresse, gerade standen sie noch mit mir in der Schlange, schon haben sie geschrieben. Für alle, die wie ich nicht wissen, was die “Iden des März” sind: Danke an Wikipedia!) Polit-Drama nennen es die Kollegen, ich würde eher sagen: Kammerspiel. Das in Hochhäusern, Wahlkampfbussen und Hotelzimmern spielt. Und im Wesentlichen davon handelt, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist. Sagte schon mein Großvater. Aber dennoch habe ich lange über den Film nachgedacht. Vielleicht, weil ich so viele Parallelen zum Antimafia-Kampf gesehen habe. Doppelagenten gibt es überall. Und Helden, die keine sind. Der Mensch ist mies.
Aber das ist kein Grund, aufzugeben.
Mafiaparadies Deutschland. Und ein paar Anmerkungen zur Mafiageschichtsklitterung.
Ein lesenswerter Artikel von Davide Brocchi: “Deutschland, ein Mafiaparadies”.
Lesenswert ist auch ein Kommentar zu Davides Artikel, wo jemand unter dem Kürzel “Sata” suggiert, der Autor schreibe die Unwahrheit, weil er in seinem Artikel erwähnt, dass der Staatsanwalt Scarpinato Chefankläger des Andreotti-Prozesses war. Anders jedoch als “Sata” behauptet, wurde Andreotti am Ende des Prozesses keineswegs freigesprochen. “Sata” glaubt dies dem (in der Tat leider falschen Eintrag) des Wikipedia-Artikels über Andreotti zu entnehmen. Das ist ein schönes Beispiel für Geschichtsfälschung. Das Märchen, dass Andreotti freigesprochen worden sei, kursiert (und wurde in Italien vor allem von der rechten Presse in Umlauf gebracht), seitdem das Urteil 2004 bestätigt wurde: Bestätigt wurde jedoch keineswegs der Freispruch, sondern die Tatsache, dass Andreotti bis 1980 die kriminelle Vereinigung Cosa Nostra unterstützt hat. Ein Verbrechen, das nun verjährt ist. Für die Jahre danach ließ sich laut Gericht kein Beweis für eine weitere Mafia-Unterstützung Andreottis finden.
Die Richter des Kassationshofes versuchten also, Andreotti gleichzeitig zu verurteilen und freizusprechen, was natürlich nicht geht. Um es beiden Seiten recht zu machen, fällten die Richter schließlich das sibyllinische Urteil, Andreottis Unterstützung der Mafia bis 1980 als bewiesen zu betrachten und ihn dafür als schuldig zu sprechen. Und ihn für die Jahre danach, die nicht unter diese Verjährungsklausel fallen, freizusprechen.
Andreotti ist also keineswegs freigesprochen worden. Seine Unterstützung der Mafia gilt durch alle Instanzen hindurch als bestätigt – und gleichzeitig als verjährt. Was natürlich in der Tat ein unbefriedigendes Urteil ist. Vor allem für Andreotti. Der sich einen 1a-Freispruch gewünscht hatte. Aber ihn nicht bekam.
Wer des Italienischen mächtig ist, kann das auch im (etwas) solider dokumentierten italienischen Wikipedia-Beitrag über Andreotti nachlesen.
In memoriam Amy Winehouse
Legends never die. Für den Italiener an meiner Seite, bei dem sie eine Sucht auslöste.
Duisburg. Und kein Ende.
Seitdem die Täter des Mafiamassakers von Duisburg gefasst wurden, ist das Thema “Mafia in Deutschland” für die meisten Deutschen ein abgeschlossenes Kapitel. Erst recht gilt das jetzt, wo die Täter zu lebenslang verurteilt wurden. Allerdings ist den wenigsten klar, dass die Geschäfte der Mafia schon kurz nach den Morden wieder ungestört weitergingen – und dass es sich bei dem Gerichtsurteil erst um ein Urteil in der ersten Instanz handelt. Die Mafia wird im Hintergrund alle Fäden ziehen, um die lebenslänglichen Urteile in der zweiten und dritten Instanz aufzuheben, an Verfahrensfehlern scheitern zu lassen – um sie in kürzere Haftstrafen umzuwandeln.
Interessant ist auch die Rolle des bewährten Mafia-Verteidigers (und ehemaligen Forza-Italia-Abgeordneten) Carlo Taormina. In den Ermittlungsunterlagen der Staatsanwaltschaft ist auch der Chat der beiden Strangio-Schwestern enthalten, in dem sie sich darüber äußern, dass nur ein versierter Verteidiger der Bosse vom Kaliber eines Carlo Taormina den Prozess zum Medienspektakel machen und die Medien entsprechend beeinflussen könne.
Leider ist es so, dass die Aufmerksamkeit der Medien sich in der Regel auf die erste Instanz erstreckt. Schon an der zweiten Instanz hat niemand mehr Interesse. Das weiß natürlich auch die Mafia.


verfasst von reski
