Das ist hoffentlich mein letzter Beitrag über den Untoten.
Kategorie: Agitation+Propaganda
Endlich
Das Lied der Stunde: Berlushka, bye-bye. Klingt wie Englisch, ist aber Italienisch. Am lustigsten ist die Stelle, wo auf die Parlamentarierin und Ex-Showgirl Gabriella Carlucci angespielt wird, die zur Oppositionspartei UDC übergelaufen ist und über die B. in den Mund gelegt wird: “Die einzige im Parlament mit weniger Neuronen als ich”.
Das Ende
Als ich heute morgen die Fotos des toten Gaddafi in den Zeitungen sah, mitsamt der pflichtschuldigen Kommentare, dass man so doch nicht mit ihm hätte umgehen sollen, dachte ich an den dunklen Fleck auf der Wiese in Lockerbie. Ich stand neben diesem Fleck, als eine von vielen Journalisten aus der ganzen Welt, die über Nacht nach Schottland geschickt worden waren. In der Hand hielt ich meinen Notizblock und notierte, dass der dunkle Fleck die Umrisse eines Menschen waren, ein Mensch, der mit den Knien voran vom Himmel gefallen war. Ich sah die Umrisse seiner Ellbogen und seines Kopfes, seine Knie hatten sich zehn Zentimeter tief in den weichen Boden dieser Wiese gebohrt. Nicht weit von dem Fleck entfernt, lag das Cockpit der “Maid of the Seas” auf einem Hügel.
Ich weiß noch, dass es sehr kalt war in Lockerbie. Wir liefen an rußgeschwärzten Grundmauern vorbei, an einem Krater, in dem sich Schlamm, Wasser und Kerosin gesammelt hatte, und wo Männer der Royal Air Force mit Spitzhacken und Schaufeln nach Wrackteilen suchten. Vor dem Rathaus, in dem die Toten und die Wertsachen der Opfer bis zur Identifizierung aufbewahrt waren, lagen Blumengebinde. Und eine Karte, auf der stand: “Auf Wiedersehen, mein Baby, ich liebe Dich”.
Vor zwei Jahren war ich zufällig an dem Tag in Rom, als Gaddafi die Stadt besuchte. Rom befand sich in einem Belagerungszustand, der Polizeipräfekt hatte für Gaddafis Sicherheit sogar ein Flugverbot ausgesprochen, alle Straßen waren gesperrt, damit Gaddafi samt Hofstaat und Hostessen bequem in den Park der Villa Pamphili gelangen konnte, wo er seine Zeltstadt aufgeschlagen hatte. Der Bürgermeister, der Parlamentspräsident, der Staatspräsident – alle drängte es, Gaddafi die Ehre zu erweisen. Und Berlusconi küsste ihm die Hand.
B.
Jedes Mal, wenn ich nach Italien zurückkehre, fällt mir auf, wie gut es tut, endlich mal wieder drei Tage lang nicht über B. gesprochen zu haben. Seine Wahnvorstellungen (“Ich will eine Revolution, bringen wir den Justizpalast von Mailand um die Ecke!”), neuesten Veschwörungspläne und Exit-Strategien zu ignorieren (Staatspräsident segnet die nötigen Gesetzesentwürfe ab, um B. Straffreiheit in allen gegen ihn laufenden Verfahren zu garantieren, es folgt eine kleine, freundschaftliche Regierungskrise, im März Neuwahlen) und keine weiteren Details über seine Hürchen, Erpresser und Sexualpraktiken erfahren zu haben. Denn kaum ist man wieder hier, befällt dich B. wie ein Grippevirus, jede Zeitung, jeder Radiosender, das ganze Netz ist von ihm verseucht, von Fernsehen ganz zu schweigen. B. quillt aus jeder Mauerritze, die Minister von seinen Gnaden, die Staatssekretäre seines Vertrauens, die Regionalpräsidenten, Oppositionsführer und sonstigen Lakaien, die Lega, der Vatikan, der Staatspräsident, die Chefredakteure der RAI, der Repubblica und des Giornale - alle tun so, als wollten sie ihn endlich loswerden. Getreu der bewährten und von Tomasi di Lampedusa strapazierten Devise: Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist.
Nebelhafen
Gerade habe ich ein Italien-Stück abgeliefert. Die Redaktion machte sich schon Sorgen, dass uns B. vor Drucklegung abhanden kommen könnte. Ich habe sie trösten können: Er wird uns mindestens noch bis 2013 erhalten bleiben. Gerade haben es seine Anwälte geschafft, die Ermittlungen wegen der Erpressungen seitens der Hürchen, Protesenhersteller und sonstiger Busenfreunde von Neapel an das B. nahestende römische Gericht zu verlegen, auch genannt: Der Nebelhafen.
Das Ende der Saison
Seit Donnerstag ist die Strandsaison beendet. Und das, obwohl es hier immer noch 31 Grad warm ist. Die Damen meiner Badekabine werden mir fehlen. Vor allem ihre Kommentare zu B., zu dem gefühlt fünfhundertsten Sex-Skanal, der tausendvierhundertsten Korruptionsaffäre, und der siebenmillionsten verpassten Gelegenheit für die Opposition, B. abzusägen. Stattdessen wiederholt sie seit 17 Jahren gebetsmühlenartig: “Wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie vielleicht zurücktreten. Für den Fall, dass es Ihnen aber doch etwas ausmachen sollte, können wir jedoch auch eine andere Lösung finden. Etwa eine Große Koalition. Zum Wohle Italiens. Und mit dem Abhören der Telefone muss natürlich endlich Schluss sein. Da haben Sie völlig Recht. Wir werden uns schon einigen!”
Dosenbier
Gestern noch eine Killer-Geschichte: Texas Killing Fields. Aber definitiv die letzte. Leichte Überdosis an knackenden Nasenbeinen, explodierenden Schädeln und Dosenbier. Der Film wurde hier schon vernichtet. Und ich habe bis zum Ende gehofft, dass er doch noch eine irgendwie überraschende Wendung nehmen würde. Hat er aber nicht.
Heute dann: The winner is. Ich wette, dass es genau der Wettbewerbsbeitrag ist, den ich nicht gesehen habe. Ich bin ein Medium: Wenn ich beschließe, einen Film nicht zu sehen, hat er beste Chancen zu gewinnen. Faust etwa, oder Shame. Wetten?
Die letzten Außerirdischen
Ja, ich hatte einen Rückfall. Um meinem Ziel näherzukommen, eines Tages beim italienischen Staatspräsidenten eingeladen und mit einer Staffel der Frecce tricolori als eine durch nichts zu erschütternde Sympathisantin des italienischen Films gefeiert zu werden, habe ich es heute wieder versucht, mit dem dritten und damit letzten italienischen Wettbewerbsbeitrag: l’ultimo terrestre, zu deutsch, der letzte Erdenbewohner. Was soll ich sagen. Der Film war nicht schlecht, er fing sogar sehr lustig an, mit Hörern, die im Radio ihre Sorgen über die bevorstehende Landung der Außerirdischen mitteilen, etwa die Frage, ob die Außerirdischen auch in italienischen Fußballclubs zugelassen werden sollten, ja oder nein, angesichts der Tatsache, dass da ja auch schon Franzosen und Holländer spielten. Aber leider waren das auch schon fast die witzigsten Stellen. Es fehlte an einer gewissen Logik, die selbst einem Film, der erklärtermaßen absurd ist (Außerirdische landen in Italien, ein in Hinblick auf die Liebe etwas gestörter Mann kommt mit ihnen in Kontakt) unerlässlich ist. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was mit der Metapher von den Außerirdischen gemeint sein könnte: Berlusconis Mischpoke? Oder das Gegenteil von Berlusconi? Oder gar kein Berlusconi? (In diesen Tagen quellen die Zeitungen wieder über, B.’s- Skandale, Hardcore-Telefonate und sechs Rüstungsschiffe als Geschenk für Panama, man wird hier von B. und seinen Manien auf Schritt und Tritt verfolgt, er steckt in jedem Cappuccino). Auf jeden Fall fühlte ich mich während des italienischen Beitrags so, als würde ich jemandem dabei zusehen, der haspelnd versucht, einen Witz zu erzählen, wobei ich am Ende höflich lache, weil ich ihn für seine Mühe belohnen will.
Besser war Killer Joe von William Friedkin, dem Regisseur von Der Exorzist und French Connection: Die Geschichte einer amerikanischen Trash-Familie, die versucht, einen Mord in Auftrag zu geben, um sich dank der Lebensversicherungsprämie der Toten endlich ein schönes Leben zu machen. Das klappt dann nicht ganz. Es werden für meinen Geschmack etwas zu viel Nasenbeine gebrochen und die Sache mit dem Hühnerschenkel (mehr verrate ich hier nicht) war einen Kick zu blutig, um noch als schwarzer Humor durchzugehen. Aber. Die Schauspieler einschließlich des Pitbulls T-Bone waren grandios. Gina Gershon als Schlampe etwa. Anders als die Kollegen von dpa fand ich auch Matthew McConaughey in seiner Rolle als beschränkter Killer nicht schlecht, gut, er hatte nur einen Gesichtsausdruck, und der reicht für diese Rolle auch völlig aus. Doch allein für die Winzigkeit, wie Dottie, die bizarre Tochter der Familie (Juno Temple) angesichts der Aussicht, dass ihre Mutter umgelegt werden soll, ganz kurz und fies die Oberlippe hochzieht, lohnt es sich, den Film zu sehen.
Teufel. Schlamm. Und eine einfache Geschichte.
Ich weiß nicht, welcher Teufel mich gestern in den Film von Ermanno Olmi getrieben hat: “Il Villaggio di Cartone“. Flüchtlingsdrama+Katholische Kirche=Vollnarkose. Natürlich gebiert eine Afrikanerin wieder vor der Kamera ein Kind, wie schon in Terraferma von Emanuele Crialese. Der Priester sieht aus wie der liebe Gott, die afrikanischen Flüchtlinge suchen in seiner Kirche Zuflucht und müssen vor der Kamera ständig ein lebendes Altarbild darstellen und ohne Ende Bibelsprüche deklamieren, gut, wir leben in Italien, aber müssen wir dafür bestraft werden?
Doch woanders ist es auch nicht besser. Jedenfalls nicht, was das Wetter betrifft. In Wuthering Heights von Andrea Arnold (sehr frei nach dem Roman Sturmhöhe von Emily Bronte erzählt), verläuft ein wesentlicher Teil des Zwei-Stunden-Films im Schlamm des Yorkshire. Die Regisseurin hat einen ausgeprägten Kunstwillen, daher der Schlamm und sehr viele Nahaufnahmen von Farn, Fasanenfedern und allerlei Flechten. Es wird kaum geredet. Sehr eindringlich sind jedoch die Geräusche, etwa die knackender Genicke (Kaninchen) oder von Köpfen (Menschen), die gegen eine Holztür geschlagen werden, was sehr an eine Performance von Martina Abramovic erinnert. Es ist vielleicht gemein, den Film darauf zu reduzieren, aber auch erleichternd. Aber dennoch: kein schlechter Film. Nur etwas anstrengend.
Dann aber wurde ich für meine Ausdauer belohnt, mit dem schönen Film Tao Jie, a simple life. Ein chinesischer Film – den ich nicht gesehen hätte (jahrelange Überdosis chinesischer Sozialdramen in Venedig), wenn mich die Kolleginnen nicht reingeschubst hätten. Ah Tao hat ihr Leben als Haushälterin einer Familie in Hongkong verbracht. Als sie alt und pflegebedürftig wird, möchte Ah Tao in ein Altenheim gehen – was in Hongkong vier Quadratmeter pro Person bedeutet, in Boxen, die durch Stellwände abgeteilt sind. Von ihren Angehörigen lebt niemand mehr, und die Familie, für die Ah Tao gearbeitet hat, ist nach Amerika gezogen – bis auf einen Sohn, Roger, der Ah Tao nun regelmäßig besucht. Kein Sozialdrama, sondern eine einfache, anrührende Geschichte über das Leben und wie es zu Ende gehen kann.
Gestern Abend schickten mir die deutschen Kolleginnen noch eine sms: “Schaust Du morgen früh wieder kamikazemäßig den Italiener?” Habe ich nicht. Der zweite italienische Wettbewerbsbeitrag (Cristina Comencini: “Wenn die Nacht”) wurde, wie ich hörte, auch ohne mein Zutun ausgepfiffen.
Scheißland
Auf der Flucht vor der Wirklichkeit und eingedenk der Erniedrigung von gestern stand ich heute morgen schon sehr früh Schlange – dieses Mal für Cronenbergs “A Dangerous Method”: nach dem romantischen und dem Polit-Drama nun also das Psychiater-Drama – und las die neuesten Abhörprotokolle in der italienischen Presse. In denen B. Italien ein “Scheißland” nannte. Aus dem er bald verschwinden werde. Die Staatsanwälte (kommunistisch) könnten ihm nicht mehr vorwerfen, als dass er ficke.
Die Staatsanwälte hatten B. abgehört, weil er mittlerweile von so vielen guten Freunden erpresst wird, von Hürchen und Tunten, von Mafiosi, Zahnhygienikerinnen und den Kumpels seiner Geheimlogen – nach der P2 die P3 und P4 – dass B. von seinen Gegnern inzwischen nicht mehr Psychozwerg, sondern voller Mitleid Silviomat genannt wird.
Während der 99 Minuten im Kino hatte ich Gelegenheit, über den letzten Ausfall des Silviomats nachzudenken. Was naheliegend ist, in einem Film, in dem ziemlich viel von Defäkieren, Sex und analen Phasen geredet wird. Der Cronenberg-Film wird übrigens bereits als Favorit gehandelt, heißt es. Würde mich nicht wundern, denn Kiera Knightley reckte den ganzen Film über so angestrengt zitternd ihren Unterkiefer nach vorn, dass allein diese Leistung gewürdigt gehört.
Scheißland. Ich denke, dass weder Freud noch Jung B. als Patienten akzeptiert hätten. Sein Unterbewusstsein wäre ihnen einfach zu dürftig gewesen: Wie banal! Was für minderwertige Neurosen haben Sie denn! Dritte-Wahl-Neurosen!, hätten Freund und Jung zu B. gesagt und ihn wieder nach Hause geschickt. So etwas kuriert Ihnen doch jeder Hausmeister!

verfasst von reski



