Archiv: August 2009

Rita Atria

Samstag, 29. August 2009

Heute erscheint mein Buch “Rita Atria. Eine Frau gegen die Mafia” auf Holländisch. In der Übersetzung von Marcel Misset.

   Das Buch hat eine besondere Bedeutung für mich: Es war meine Premiere, mein erstes Buch – gewidmet einer Heldin, die sie sich Aristoteles nicht besser hätte ausdenken können. Eine Heldin, die erst nur Rache will, aber nach und nach begreifen muss, wie sinnlos ihre Rache ist – als sie versuchte, den Tod ihres Vaters und ihres Bruders damit zu vergelten, in dem sie gegen die Mafia in ihrem Dorf aussagte. Eine Heldin, die an dieser Rache zerbricht und ihr Leben verliert. Literaturtheoretisch lässt sich schön über Rita Atria schreiben. Aber leider ist ihre Geschichte wahr. 

  Und sie ist ganz und gar gegenwärtig. Nicht oft hat man als Journalist Gelegenheit, Geschichten zu schreiben, die der Zeit widerstehen. Die den Tag überdauern, nicht verwelken, nicht verwittern. Aber ich kann nicht stolz darauf sein, dass das, was ich damals über Ritas Schicksal geschrieben habe, uns auch heute noch betrifft.  Vielmehr hätte ich mir gewünscht, Ritas Geschichte heute zu lesen, um am Ende sagen zu können: Gott sei Dank hat sich heute alles verändert! Unfassbar, wie sehr sich seither Italien gedreht hat!   

    Ich würde gern in einem Italien leben, das mit jenem Land des Jahres 1992 nichts mehr zu tun hat, in dem die beiden sizilianischen Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino von der Mafia in die Luft gesprengt wurden. Ich wünschte mir, dass die Geschichte von Rita Atria zur Historie geronnen wäre: Die Geschichte eines mutigen, jungen Mädchens, das zum Vorbild für viele wurde. Mafiaaussteiger, die immer mehr wurden – bis sie das Netz des organisierten Verbrechens, das dieses Land stranguliert, zerrissen hätten. 

   Tatsächlich aber gibt es heute kaum noch Mafiaaussteiger. Und die wenigen werden schlecht beschützt. Es lohnt sich nicht mehr, der Mafia den Rücken zu kehren; denn das Kronzeugengesetz, die schärfste Waffe im Kampf gegen die Krake, die das Land in ihren Fängen hält, wurde nach und nach rückgängig gemacht. Es ist eines von vielen Antimafiagesetzen, die nach und nach ihrer Wirksamkeit beraubt wurden. 

   In all den Jahren nach Ritas Tod 1992 wurde ich Zeugin davon, wie schnell sich die Mafia wieder von dem Schlag erholt hat, den ihr der italienische Staat nach den Attentaten auf Falcone und Borsellino versetzt hatte. Rasch waren die Bosse und ihre mörderische Entourage wieder in die Gewänder der Unsichtbarkeit geschlüpft, in der sie über Jahrhunderte überlebt haben: bürgerlich unter Bürgerlichen, intellektuell unter Intellektuellen, adelig unter Adeligen.  

   Maskiert bis zur Unkenntlichkeit gelang es der Mafia auch, von Italien aus ganz Europa zu erobern: Die Niederlande, Belgien, Deutschland, Frankreich, Spanien – Europa hat keine Grenzen mehr. Das nutzt ganz besonders dem organisierten Verbrechen. Das Massaker von Duisburg war ein Menetekel. Ein Wetterleuchten. Eine Warnung. Einen winzigen Augenblick lang zeigte die Mafia ihr wahres Gesicht. Aber schon kurz danach trat sie zurück in den Schatten: Die mutmaßlichen Mörder von Duisburg wurden in Amsterdam verhaftet, wo sie ein unauffälliges Leben in einem Mietshaus führten – und wenn sie vom Einkauf im Supermarkt zurückkehrten, zogen sie ein kleines Einkaufswägelchen hinter sich her, ganz so wie holländische Hausfrauen. 

   War Ritas Kampf also sinnlos? Hat sie vergeblich geglaubt, einen Sieg gegen die Mafia erringen zu können? 

   Nein, sage ich, trotz allem. Denn sie hat aufbegehrt gegen das Kartell des Schweigens und gegen die Angst, gegen ihre eigene, gegen die der anderen. Die Angst aber ist das größte Kapital der Mafia, das Schweigen der Mehrheit über die Untaten der wenigen ist die Überlebens-Versicherung der Mafia. Oder, wie es der ermordete Staatsanwalt Giovanni Falcone formulierte: „Wer Angst hat, stirbt jeden Tag. Wer keine Angst hat, stirbt nur ein Mal.“ 

Rita Atria hat grenzenlosen Mut bewiesen, als sie sich entschloss, gegen die Mafia in ihrem Dorf auszusagen – und in ihrer Unerbittlichkeit schreckte sie auch nicht vor einer Analyse der Mafia in sich selbst zurück. Nicht viele hätten den Mut gehabt, der Rita noch über ihren Tod hinaus auszeichnet. Sie lebte nicht in der beschützten Welt von Amsterdam, Hamburg, Paris: Sie lebte in einem kleinen, sizilianischen Dorf, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint und dessen Mauern seit Jahrhunderten Mafia atmen. Sie lebte in einer Mafia-Familie. Sie hat sich das Herz herausgerissen. 

Verklage uns doch alle. Denunciaci tutti

Samstag, 29. August 2009

Berlusconi will jetzt auch die ausländische Presse verklagen

Grillos renitente Zellen

Freitag, 28. August 2009

Jetzt im Vorwärts.

Santa Mafia

Dienstag, 25. August 2009

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Heute war es in der Post. Ab dem 14. September in Italien erhältlich. Bin gespannt. Schlimmer als in Deutschland wird es ja wohl nicht werden. Es sei denn, der Vatikan lässt mich verschleppen. “Santa Mafia” heißt: Heilige Mafia. Und im Untertitel steht: “Von Palermo bis Duisburg: Blut, Geschäfte, Politik und Frömmigkeit”.  

Das Vorwort hat Vincenzo Macrì geschrieben, der stellvertretende Leiter der nationalen Mafia-Ermittlungsbehörde in Rom. Mehr auch auf der neuen Seite zur italienischen Ausgabe. 

Und jetzt wird die Mafia in Deutschland entdeckt

Dienstag, 25. August 2009

Rheinische Post

DDP

AP

Szene Profis

Allgemeine Hotel- und Gastronomiezeitung

Eisenach

Der Westen 

Westfälische Rundschau

Yahoo News

Ostseezeitung

Abendzeitung

WDR

Innenministerium NRW

Die Mafiosi von nebenan. I mafiosi della porta accanto

Dienstag, 18. August 2009

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Jetzt ist mein ZEIT-Dossier über die Mafia in Deutschland online

Sprengstoff aus Deutschland. L’esplosivo dalla Germania

Samstag, 15. August 2009

Enrico Fierro hat in der Unità enthüllt, dass der Sprengstoff für das am 19. Juli 1992 begangene Attentat auf den Staatsanwalt Paolo Borsellino aus Deutschland kam. Der Boss Bernardo Provenzano hatte sich direkt an die Clans der ‘Ndrangheta in Deutschland gewendet – weil Cosa Nostra auf diese Weise der Aufmerksamkeit der italienischen Ermittler zu entgehen hoffte. Nur wenige Tage vor seinem Tod war Paolo Borsellino nach Deutschland gereist, um wegen der Mörder des Staatsanwaltes Rosario Livatino zu ermitteln, die sich in Deutschland versteckten. Bei dieser Gelegenheit habe er von Kollegen des BKA erfahren, dass Emissäre von Cosa Nostra nach Deutschland gereist seien, um “hochgefährlichen Sprengstoff militärischer Herkunft in gewaltiger Menge” zu kaufen – Sprengstoff, der teilweise bereits nach Italien geschafft worden sei. Als Borsellino von dieser Deutschlandreise zurückkehrte, sagte er: “Der Sprengstoff für mich ist bereits angekommen.”

Ein scheinbar kleines Detail aus der Mafiageschichte. Scheinbar. 


Wenn der Staat mit der Mafia verhandelt.

Samstag, 08. August 2009

Totò Riina hat gesprochen. Aber nur ganz kurz. 

Die Konsulin. La console

Mittwoch, 05. August 2009

Wir nannten sie nur “La Console” – und das mit jener Zuneigung, mit der in Italien der Titel oft den Namen ersetzt. Seitdem ich Angelika Völkel, die deutsche Generalkonsulin von Neapel,  im November vergangenen Jahres bei der Vorstellung meines Buches im Goetheinstitut  kennengelernt habe, gehörte sie für mich zur Stadt. Nie werde ich vergessen, wie sie aufstand und dem anwesenden italienischen Publikum erklärte, was das Besondere sei, das mein Mafiabuch auszeichne. Und nie werde ich vergessen, dass sie sich sofort bereit erklärte, in Nocera eine Rede zu halten, als mir der Premio Civitas verliehen wurde. (Hier auch die Rede auf Deutsch, ein freundlicher italienischer Kommentator von ZEIT-ONLINE hat sie übersetzt).

Als wir am Morgen der Preisverleihung in dem weißen Generalkonsulats-Mercedes nach Nocera chauffiert wurden, fühlten wir uns fast wie Königinnen auf Staatsbesuch. In diesem Mercedes durchquerte die Konsulin ganz Süditalien auf diplomatischer Mission  -  Missionen, von der sie uns mit der ihr eigenen Ironie erzählte. Ich mochte ihr unprätentiöses, spöttisches Preussentum – das sich nicht so leicht beeindrucken lässt. Schon gar nicht von einem weißen Mercedes. Sie erzählte uns, dass sie noch bis spät nachts an dem Manuskript gefeilt hatte. Und ich weiß noch, wie ich schlucken musste, als sie dann im Rathaus von Nocera sagte, wie sehr sie sich über diese Auszeichnung für ihre Landsmännin freue. Und dass sie mich darum beneide, Italien zu meinem Lebensmittelpunkt gemacht zu haben. 

Sie liebte Italien. Und sie liebte Neapel – mit jener Weitherzigkeit, zu der nur unprätentiöse, spöttische Preußen fähig sind. 

Am 30. Juli hat sie sich in Neapel das Leben genommen.