Archiv: Februar 2009

Unser alter Freund

Mittwoch, 25. Februar 2009

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Nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass ich ihn vor lauter vor lauter San Remo, Karneval und Mafia vergessen – und übersehen hätte, dass vor einiger Zeit ein interessantes Urteil im sogenannten Mills-Prozess ergangen ist – jener Prozess, gegen dessen Urteil sich Berlusconi in weiser Voraussicht schon letztes Jahr ein Immunitätsgesetz (lodo Alfano) maßschneidern ließ, das ihn jetzt tatsächlich vor einer Verurteilung schützte. Denn sein Freund, der britische Anwalt David Mills wurde von einem Mailänder Gericht wegen Korruption verurteilt, zu viereinhalb Jahren Haft, weil als erwiesen betrachtet wurde, dass er von Berlusconis Firmenimperium Fininvest 600 000 Dollar dafür bekam, eine Falschaussage gemacht zu haben: die Existenz von Berlusconis Offshore-Gesellschaften zu verschweigen.

Das läuft ja wie beim Brötchenbacken, wird sich Berlusconi gesagt haben, weshalb er dann gleich auch noch dafür sorgte, dass eine weitere Ermittlung wegen Amtsmissbrauch kurz vor der Einstellung steht: Berlusconi hatte den Fernsehspielchef der RAI, Antonio Saccà angerufen und ihn darum gebeten, sich für fünf junge Damen zu verwenden – was im Übrigen nichts ungewöhnliches ist: Die RAI war schon immer ein Versorgungswerk für abgelegte oder zukünftige Politikergeliebte. Aufsehen erregten diese Telefonate nur deshalb, weil das ehemalige Nacktmodell Mara Carfagnana von Berlusconi zur Gleichstellungsministerin berufen wurde.

Jetzt also stehen die Ermittlungen kurz vor der Einstellung. Dankenswerterweise war es den Anwälten Berlusconis gelungen, zuvor die Ermittlungen von Neapel, wo man ihm nicht ganz so wohl gesonnen war, an ein römisches Gericht verlegen zu lassen – mit der Begründung, dass Berlusconi seine Telefonate ja von Rom aus geführt habe. Die Abhörprotokolle der Telefonate, an denen sich nicht nur die Leser des Espresso labten, sollen vernichtet werden. Derart beflügelt, schloss Berlusconi dann noch schnell ein Atomstromabkommen mit Sarkozy ab.

Oppositionsführer Veltroni ist zurückgetreten, die italienische Linke ist entweder zerstritten oder zur Rechten übergelaufen (Clemente Mastella, Ex-Justizminister unter der Regierung Prodi, will jetzt für Berlusconi in das europäische Parlament einziehen) – die einzige Konkurrenz könnte Berlusca nur noch aus Roberto Benigni erwachsen, der in San Remo einen halbstündigen Monolog hielt und am Ende mit standing ovations gefeiert wurde. Benigni muss nur noch etwas an seinem Haarwuchs arbeiten.

P.S.: Bei dem Benigni-Video erst auf den roten, dann auf den grünen Knopf drücken. Ein paar Italienisch-Kenntnisse sind von Vorteil.

Luca war schwul (Luca era gay)

Sonntag, 22. Februar 2009

Gestern Abend habe ich mich beim Herumzappen in das Finale des Festivals von San Remo verirrt. Für mich ist der seit Jahrzehnten ungebrochene Erfolg dieses Schlagerfestivals (jeden Abend 13 Millionen Zuschauer!) so rätselhaft wie die Begeisterung für japanisches Schreitheater, aber man muss ja nicht alles verstehen. Auf jeden Fall glaubte ich meinen Ohren nicht. Denn da sang ein Typ ein Lied, das den Titel “Luca era gay” trug, also Luca war schwul, und wer jetzt glaubt, dass es sich hier um progressives Liedgut handele, also um eine traurige Outingballade oder um die Schilderung des tragischen Unfalltodes eines Homosexuellen, geschildert aus der Sicht seines Lebenspartners, der sah, wie Luca beim Bungeejumping abstürzte, oder vielleicht um die Schicksalsgeschichte des schwulen Luca, der eines Morgens beim Aufstehen entdeckt, dass er lieber Röcke tragen möchte, vulgo transsexuell zu sein, der irrt sich. Denn wir leben hier nicht im 21. Jahrhundert, sondern im Obskurantismus, dem Zeitalter der geistigen Dämmerung, indem es dem Vatikan sogar gelingt, Schlagertexte zu diktieren: Der Refrain von “Luca war schwul” geht weiter mit: “und heute ist er mit ihr zusammen”, was sich im Deutschen anders als im Italienischen (“Luca era gay, adesso sta con lei”) leider nicht reimt. Zwischen den beiden Refrains zieht sich noch eine schwere Kindheit hin – Vater trinkt, Mutter ist depressiv – aber, Gott sei Dank: Schwulsein ist heilbar. Jedenfalls in San Remo. Das Lied gewann den zweiten Platz.

Das Dorf. Il villaggio.

Samstag, 14. Februar 2009

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Wenn ich nach langer Abwesenheit wieder nach Venedig zurückkehre, fließt mein Herz vor Glück über. Darüber, endlich wieder über den Campo zu gehen und mit meinem Zeitungshändler über seine Ferien in Venezuela zu sprechen, mit meinem Gemüsehändler das Hochwasser der letzten Wochen zu beklagen, mit den Frauen von der Reinigung darüber zu rätseln, ob sie Endes des Monates nach Mexiko oder nach Thailand fahren sollen, ob Mexiko mit seinen Azteken wohl eher eine Reise wert sei als Thailand, das kulturell letztlich doch wenig ergiebig sei, wengleich man dort ganz gut esse, jedenfalls, wenn einem das thailändische Essen behage (Das kann doch keiner verdauen!, rief die Mutter, während die Tochter einwendete, dass es nur ein Problem des Knoblauchs sei, die Thailänder seien alle vom Knoblauch besessen). Später traf ich dann noch Giovannino, den Gondoliere, der mich küsste wie eine verloren geglaubte Tochter und mir voller Stolz von seiner neuen Wohnung erzählte, die er gerade gekauft habe, direkt unter der Wohnung seiner Mutter! Als ich einen Kaffee trank, traf ich in der Bar eine Opernsängerin, die über der Wohnung eines Freundes wohnt und die sehr eindrucksvoll den Akzent eines jordanischen Taxifahrers nachahmte, der ihr auf der Fahrt nach Petra einen Heiratsantrag gemacht hatte, in der Calle delle Botteghe traf ich eine Freundin, die mir davon erzählte, wie schwer es sei, eine geeignete Schule für ihre Tochter zu finden, und ich spürte die Wintersonne auf meinem Gesicht, und war glücklich darüber, auf einem Dorf zu leben.

Meine Haare

Donnerstag, 12. Februar 2009

Fernsehen ohne Bild kann auch schön sein. Denn wenn ich mich sehe, denke ich nicht über die Mafia nach, sondern über meine Haare. Ob ich sie mir mal wieder ganz kurz schneiden lassen sollte? Im Nacken vielleicht viel kürzer? Oder an den Seiten? Sind etwa die Seiten das Problem? Weil sie einfach zu dick sind? Ob es reicht, die Seiten etwas auszudünnen?

Eluana. Und die Camorra.

Dienstag, 10. Februar 2009

Nachdem ich von meiner Reise durch die Zeit und durch den Raum zurückgekehrt und wieder in meinem Bett aufwacht bin, wurde ich von zwei Nachrichten auf Radio Capital, meinem Lieblingssender, geweckt. Erstens: Eluana ist tot. Zweitens: Die Polizei verhaftete 35 Mitglieder des Camorra-Clans der Licciardi. Der Rest war jede Menge Obama und ein bisschen Israel, und eigentlich war mit dem Tod von Eluana und der Verhaftung der Camorristi auch schon alles Wesentliche über Italien gesagt: Zwei Kräfte beherrschen Italien – die Mafia und die Kirche.

Der Fall Eluana belegt exemplarisch die Macht des Vatikans in Italien. Und die Meldung über die Festnahme von 35 Camorristi beweist die Ohnmacht gegenüber der Mafia.

Eins zu eins. Der Talk

Dienstag, 10. Februar 2009

Stefan Parrisius hat ein Interview mit mir geführt – das eine Stunde dauerte und, zumindest mir wie fünf Minuten erschien: “Eins zu eins. Der Talk”. Man kann sich das Gespräch auch in voller Länge anhören (es lebe der öffentliche Rundfunk!)

Das neue Jahr

Donnerstag, 05. Februar 2009

Gestern erreichte mich eine Mail, in der mir jemand alles Gute für das neue Jahr wünschte. Noch lange dachte ich darüber nach, ich blickte auf die Palmen, die sich im heissen Fallwind bogen, beobachtete zwei schwarze Vögel mit rotgeränderten Flügeln, Vögel, die in den Palmen wohnen und deren Namen ich nicht kenne (der Italiener an meiner Seite sagt: Amseln. Aber für ihn sind alle Vögel, die keine Möwen sind, Amseln) und dachte: Ist es nicht kurios, im August alles Gute für das neue Jahr zu wünschen? Ich versuchte mich daran zu erinnern, wann ich zuletzt mit dem Absender zu tun gehabt hatte, es schien mir erst ein paar Wochen her zu sein, nicht acht Monate, was mich besorgte, weil es ja auch eine Alterserscheinung sein soll, wenn man ständig das Gefühl hat, das Leben verginge wie im Flug, wenn also acht Monate wie fünf Wochen vergehen.

Weil es sehr heiss war, beschloss ich, keinen weiteren Gedanken mehr daran zu verschwenden, schliesslich kann es nicht auch noch mein Problem sein, wenn Leute meinen, kurz vor Weihnachten ein gutes neues Jahr wünschen zu müssen. Dann ging ich schwimmen.

Und erst einen Tag später fiel mir ein, dass es ein elfstündiger Flug war, der mich in den August katapultiert hat, an das andere Ende der Welt. Keine Reise durch die Zeit, sondern nur durch den Raum. Gott sei Dank.