Archiv: Januar 2009

Wenn ich durch Deutschland reise XI

Sonntag, 25. Januar 2009

Gestern Abend aß ich in einer kleinen, netten Pizzeria zu Abend. Am Tisch neben uns saßen zwei Paare, ein verpartnertes Schwulenpaar und ein verpartnertes Heteropaar. Jedes Paar hatte sich eine andere Pizza bestellt, die Heteros hatten Austernpilze und Bresaola und die Schwulen Artischoken mit Schinken, die Pizzen wurden sehr exakt in der Mitte geteilt und dann getauscht, damit sich die Partner gebührend über die geschmackliche Einordnung der jeweiligen Pizza austauschen konnten: Bis zum Schluss herrschte allerdings Uneinigkeit darüber, ob die Schinkenpizza oder die Pizza mit Austernpilzen und Bresaola im Geschmack stärker sei.

Dann kam die Rechnung. Und die Partner versuchten selbige durch vier zu teilen, woran sie scheiterten. Offenbar war man in der Benutzung des Handys als Taschenrechner nicht geübt genug, denn man verrechnete sich wiederholt beim Dividieren, bis schließlich der Heteromann aus seiner Manteltasche beherzt einen Bleistift hervorzog und alles schriftlich teilte. Eine weitere Schwierigkeit bestand nun darin, die genaue Summe auf den Tisch zu legen. Mehrere Minuten vergingen damit, Fünfzig-Cent-Stücke zu zählen und hin und her zu schieben. Endlich lag die ausgewiesene Summe auf dem Tisch.

Erschöpft lehnten sich die verpartnerten Paare zurück und nippten an ihren Weinresten. Und der Heteromann bemerkte: Wenn man bedenkt, dass es Kulturen gibt, in denen einer sich darum reißt, die Rechnung für alle zu bezahlen.

Neuguinea?

Zoras Blog

Freitag, 23. Januar 2009

Zora del Buono schreibt seit kurzem einen Blog aus Savannah: schöne, ironische Beobachtungen des amerikanischen Alltagslebens.

Wenn ich durch Deutschland reise X

Donnerstag, 22. Januar 2009

Der Italiener an meiner Seite hat entdeckt, dass die Deutschen vom Kochen besessen sind. Morgens, wenn in Italien Trickfilme für Kinder im Fernsehen laufen, wird in Deutschland auf allen Kanälen gekocht. Wogegen im Grunde nichts sprechen würde, wenn die deutschen Fernsehköche nicht von einer einzigartigen Zerstörungswut getrieben würden: Alles wird klein gehäckselt, püriert und passiert, so dass die Garnele am Ende mit der Zucchina verrührt und in eine kleine Form gegossen werden kann. Würde man das Ganze in eine Tube füllen, könnte man sich damit auch das Gesicht eincremen.

Ob es die historischen Spätfolgen der Diktatur sind, dass ein deutscher Koch nicht einfach eine Garnele eine Garnele sein lassen kann? Und eine Zucchina eine Zucchina? Und dass er an alles was er zubereitet, sogar an Vanillepudding, Knoblauch hinzufügt? Und Petersilie? Und Zwiebeln? Obwohl jeder, der noch über einen Rest von Empfindungen verfügt, weiß, dass Knoblauch und Zwiebeln indigeribile sind, unverdaulich?

Ich verstehe das nicht, sagt der Italiener. Insgeheim befürchtet er, dass die Franzosen schuld sind. Die Franzosen sind fast immer schuld. Erst haben sie versucht, die halbe Erdkugel zu kolonialisieren, und dann haben sie die Küchen der ganzen Welt verpestet. Und die Deutschen hatten nach dem Krieg ja keine Widerstandskräfte mehr.

Venedig heute morgen (Venezia stamattina)

Samstag, 10. Januar 2009

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Mafia im Netz

Donnerstag, 08. Januar 2009

Die Mafia hat schon längst begriffen, dass ihr Propagandafeldzug nur dann erfolgreich sein kann, wenn er auch im Netz geführt wird. In der Repubblica wurde über den Erfolg von Facebook-Eintragungen berichtet, in der Bosse wie Totò Riina als Held gefeiert werden oder in denen die Unschuld von Mafiasöhnen gepriesen wird: “Was hat Euch Giuseppe Riina getan?” verteidigt Totò Riinas jüngsten Sohn, der nach seiner Haftentlassung in Corleone unter Polizeiaufsicht lebt – und der kürzlich von sich reden machte, weil er gerne in die Lombardei umziehen würde und sich beschwerte, in Sippenhaft genommen zu werden.

Der Fanclub von Giuseppe Riina zählt 85 eingeschriebene Mitglieder, kein Vergleich zu den 2228 Mitgliedern, die sich bei seinem Vater im Totò Riina Fan Club einschrieben. Es gibt Gruppen, die die sofortige Heiligsprechung des inhaftierten Bosses Bernardo Provenzano fordern und sich als Matteo Messina Denaro ausgeben, jenen noch flüchtigen Boss von Cosa Nostra, der so gerne zur Ikone stilisiert wird. Es gibt Facebook-Gruppen, die Roberto Saviano den Tod wünschen und andere, die die Freilassung des Camorra-Bosses Rafaele Cutolos
fordern.

Ob sich dahinter eine geheime Strategie verberge, wurde der nationale Antimafia-Ermittler Piero Grasso gefragt. Schon möglich antwortete er, schließlich lebe die Mafia schon lange nicht mehr in der Zeit, in der sie dadurch kommunizierte, indem sie dem Toten einen Stein in den Mund legte. Grasso erinnerte daran, dass vor nicht allzulanger Zeit einige Bosse in Palermo dabei abgehört wurden, wie sie planten, wichtige Journalisten zu kontaktieren, um diese für ihre Werbekampagne einzusetzen. Warum jetzt nicht auch das Netz?

Danke. Grazie.

Dienstag, 06. Januar 2009

Grazie a Antimafiaduemila.

Giuseppe Fava (1925 – 1984)

Montag, 05. Januar 2009

Stefano hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass heute der Todestag von Giuseppe Fava ist, dem sizilianischen Journalisten, der vor 25 Jahren in Catania von der Mafia ermordet wurde. Giuseppe Fava hat auch an dem Drehbuch zu Werner Schroeters Film “Palermo oder Wolfsburg” mitgearbeitet.

Giuseppe Favas Mörder warteten vor seiner Redaktion auf ihn, in Catania, in der Via dello stadio. Sie streckten ihn nieder mit fünf Schüssen ins Genick. Der Prozess gegen seine Mörder trug den erratischen Namen “Großer Bär 3″ und brachte Favas Mördern lebenslänglich ein – Urteile, die erst erst vor sechs Jahren vom Kassationshof in letzter Instanz bestätigt wurden.

Wenige Tage vor seinem Tod hatte Fava dem Journalisten Enzo Biagi ein Fernsehinterview gegeben, in dem Fava etwas gesagt hatte, was die Bosse ihm nicht verzeihen sollten: “Man sollte nicht den kleinen Gangster als Mafioso bezeichnen, der von deinem Geschäft Schutzgeld verlangt, das ist Kleinkriminalität, die es in allen Städten Italiens und Europas gibt. Das Phänomen der Mafia ist sehr viel tragischer und von größerer Bedeutung.”

Eitelkeit (vanità)

Samstag, 03. Januar 2009

Es gibt keine Idee, die zu blöde ist, um nicht irgendwann mal aufgegriffen zu werden. Oliviero Toscani, der ehemalige Benetton-Fotograf, hat das Wort “Mafia” als Markenzeichen eintragen lassen. Dies tat er in seiner Eigenschaft als Mitglied des Stadtrats von Salemi – einem sizilianischen Städtchen, dem das schwere Schicksal widerfuhr, nicht nur von der Mafia, sondern auch von zwei selbstgefälligen, nach Öffentlichkeit gierenden Männern heimgesucht zu werden: Seit kurzem ist Vittorio Sgarbi Bürgermeister von Salemi – ein wegen Betruges und Beleidigung vorbestraftes enfant terrible, der in allem, was er tat, glücklos war, dies aber lautstark. Zuletzt war Sgarbi in Mailand Kulturdezernt, zuvor Kulturstaatssekretär, davor Kunstkritiker – und dabei stets immer Schrecken aller Talkshows. Sgarbi wurde mit seinen täglichen Grobheiten berühmt: Sgarbi quotidiani – so hieß sein schwarzer Kanal auf Canale 5, wo er in den Neunzigerjahren geifernd alle imaginären Gegner beleidigte, allen voran die Staatsanwälte, die gerade damit begonnen hatten, tangentopoli aufzurollen, den größten Schmiergeldskandal der italienischen Nachkriegsgeschichte. Später versuchte Sgarbi den Antimafia-Pool von Palermo zu diffamieren – da der Antimafia-Pool unter der Leitung des Oberstaatsanwalts Giancarlo Caselli zum ersten Mal in der Geschichte Italiens mit verschiedenen Prozessen (unter anderem gegen Andreotti) begann, die Beziehung zwischen der Mafia und der italienischen Politik zu aufzuklären.

Als selbst nicht mal mehr Forza Italia die Ausfälle von Sgarbi ertrug, kam er auf die Idee, sich des kleinen sizilianischen Städtchens Salemi anzunehmen, wobei er sich Verstärkung in Oliviero Toscani holte. Über den, seitdem sich die Familie Benetton von ihm trennte, auch niemand mehr geredet hätte, wenn er nicht mal wieder eine seiner Geschmacksverirrungen als Provokation tarnen würde. Jetzt also die Mafia als Markenzeichen. Die Mafia wird es ihm danken. Sie liebt Folklore. Manche Leute bezahlt sie sogar dafür.