Archiv: Oktober 2008

stern.de

Donnerstag, 09. Oktober 2008

Johannes Gernert hat für Stern-online ein Interview mit mir geführt. Und freundlich auf mein Buch hingewiesen.

Wenn ich durch Deutschland reise VI

Mittwoch, 08. Oktober 2008

In Deutschland aber schießen nicht die Mafiosi. Sondern die Wildschweine. Der Blutsonntag von Rüsselsheim.

querverbindende Rache (vendetta trasversale)

Montag, 06. Oktober 2008

Dass abtrünnige Mafiosi durch die Ermordung ihrer engsten Verwandten an ihren Aussagen gehindert werden sollen, hat in Italien eine lange Tradition. Während der sizilianische Mafioso Tommaso Buscetta, wichtigster Kronzeuge des Antimafia-Staatsanwaltes Giovanni Falcone, gegen die Mafia aussagte, ermordete die Mafia 14 seiner Verwandten, darunter zwei Söhne und zwei Neffen. Und der elfjährige Sohn des abtrünnigen Mafiosos Santino Di Matteo wurde zwei Jahre in einem unterirdischen Verließ gefangen gehalten, bis man ihn schließlich erwürgte und seine Leiche in Salzsäure auflöste. Santino Di Matteo war einer der Kronzeugen des Capaci-Prozesses, der Ermordung des Staatsanwalts Falcone. Einem anderen abtrünnigen Mafioso, Giovanni La Barbera, der ebenfalls im Capaci-Prozess aussagte, wurde der Bruder umgebracht. Im Italienischen nennt man diese Morde „vendetta trasversale“, was soviel wie “querverbindende Rache” heißt.

Dabei macht die Mafia nicht mal vor denjenigen Halt macht, die sich des Schutzes des Staates verweigern (der allen Familienangehörigen von Kronzeugen angeboten wird) oder die sich gar öffentlich von ihren abtrünnigen Verwandten distanzieren: Sie werden dennoch umgebracht.

Die meisten Toten der „querverbindenden Rache“ werden zur Zeit in Kampanien gezählt: Anders als in Sizilien und Kalabrien, wo es so gut wie keine abtrünnigen Mafiosi mehr gibt, entschließen sich viele Camorristi, mit der Justiz zusammenzuarbeiten – nicht zuletzt, um ihr eigenes Leben zu retten. Nicht aber das ihrer Verwandten: Väter, Neffen, Lebensgefährtinnen, Brüder und Schwestern von abtrünnigen Camorristi wurden ermordet. Zuletzt der Onkel eines abtrünnigen Mafiosos, der mitten in Casal di Principe erschossen wurde, jenem Dorf, das zum Machtzentrum der Camorra wurde – und in dem seit einigen Tagen 500 italienische Soldaten patrouillieren.

Wenn ich durch Deutschland reise V

Sonntag, 05. Oktober 2008

Ich habe eine schleichende Italienisierung Deutschlands festgestellt. Damit meine ich nicht den grassierenden Latte-macchiato-Wahn, auch nicht die chronische Verspätung der Züge. Sondern die Tatsache, dass die wenigsten Züge auf dem Gleis abfahren, auf dem sie im Fahrplan angekündigt sind. Und obwohl mich meine italienische Lebenserfahrung lehrt, dem Augenschein zu misstrauen und nichts als gegeben hinzunehmen – der Zug wird von Gleis neunzehn, möglicherweise auch von Gleis vierunddreißig oder vielleicht gar nicht abfahren, die einzige Gewissheit ist, dass der Zug nicht von Gleis siebzehn abfahren wird – begann ich an Gleis siebzehn zu warten.

Ich bin eben Optimistin. Der Italiener an meiner Seite sagt: unbelehrbar. Als ich bemerkte, dass der Zug auf dem Anzeiger für die Abfahrtzeit nicht ankündigt war, fühlte ich mich obrigkeitshörig. Fahrplangläubig. In Italien glaubt man an Wunder, in Deutschland dem Fahrplan.

Aus dem Lautsprecher drang schließlich eine Stimme, die klang, als versuchte jemand zu sprechen, dessen Mund mit Paketband zugeklebt wurde. Verwirrung machte sich breit: Gleis sechzehn oder dreizehn? Ich stürzte in einer Wolke von Mitreisenden von Gleis zu Gleis. Wie in Italien.

Bücher, die glücklich machen

Freitag, 03. Oktober 2008

Heute las ich im Zug das wunderbare Werk von Alan Bennett: “Die souveräne Leserin” – in der die Queen als Leserin auftritt. Es ist ironisch, es ist tiefsinnig, es ist komisch. So wie es nur Engländer hinkriegen.

Wenn ich durch Deutschland reise IV

Donnerstag, 02. Oktober 2008

Ich war geheißen, mir das Ticket nach Regensburg von einem Fahrkartenautomaten ausdrucken zu lassen. Was mich sofort in Panik versetzte, weil ich davon ausging, dass drei von vier Fahrkartenautomaten nicht funktionstüchtig sein würden. Non funziona, tauchte vor meinem geistigen Auge auf. Ich würde den Zug verpassen. Ich müsste Schlange stehen vor einem Fahrkartenschalter. Ich käme zu spät zur Lesung. Ich müsste die Buchhändlerin anrufen und ihr klarmachen, dass ich einen späteren Zug nehmen würde. Vermutlich wären dann bereits alle Besucher meiner Lesung, die Wind und Wetter getrotzt hatten, längst wieder auf ihre Fahrräder gestiegen und nach Hause gefahren. Sie waren begierig gewesen, etwas über die Mafia zu erfahren, und jetzt blieb ihnen nichts anderes übrig, als im Fernsehen eine Koch-Show zu sehen. Ich würde ankommen, wenn die Buchhändlerin bereits die Stühle weggeräumt hätte und das Licht ausmachen würde.

Der Fahrkartenautomat nahm sich widerspruchslos meiner Wünsche an. Ich misstraute ihm dennoch. Er kündigte an, drei Belege auszudrucken. Er druckte aber nur zwei Belege. Ich hatte geahnt, dass er mich betrügen würde. Wieder gab ich die Auftragsnummer ein, nunmehr verzweifelt. Der Zug. Die Lesung. Die Buchhändlerin.

Keine Belege mehr vorhanden, verkündete mir der Fahrkartenautomat. Als ich kurz davor war, mich auf die Gleise zu werfen, bemerkte ich, dass zwei der Fahrkarten zusammengeklebt hatten.

Der Fahrkartenautomat, von dem ich angenommen hatte, dass er mich betrügen würde, war ein aufrichtiger, deutscher Fahrkartenautomat.

Wenn ich durch Deutschland reise III

Donnerstag, 02. Oktober 2008

Nach der Lesung waren wir zum Abendessen geladen. In eines jener eleganten Berliner Hallenlokale, in denen man von Neonlicht angestrahlt in Schaufenstern an Plexiglastischen auf Plexiglasstühlen sitzt und rohen Fisch auf Kartoffelpüree ißt, und wo man schreien muss, um sich zu verständigen, weil jedes Wort gegen die Schaufensterscheiben und das Plexiglas hallt.

Wie war das Essen?, fragte mich später der Italiener an meiner Seite. Fusionsküche, schrie ich ins Telefon. Was?, rief er. Konfusionsküche? Haha. Was soll das denn sein? Roher Fisch, sagte ich. Und Kartoffelpüree.

Wenn ich durch Deutschland reise II

Mittwoch, 01. Oktober 2008

Morgens hatte ich noch in der Repubblica von den sechs Afrikanern gelesen, die in Castelvolturno erschossen worden waren. Im Laufe eines Monats sind in der Nähe von Neapel 16 Menschen von der Camorra ermordet worden. Und dann kam ich in Hamburg an, und mein Blick fiel auf ein Geschäftsschild: “Tierbestattungen Rosengarten”. Glückliches Deutschland, dachte ich.

Wenn ich durch Deutschland reise I

Mittwoch, 01. Oktober 2008

Wenn ich durch Deutschland reise, fühle ich mich immer ein bißchen wie Alice im Wunderland. Zwanzig Jahre Italien gehen an einem nicht spurlos vorbei. Das merkte ich, als ich neulich in Köln auf die Wiese eines Parks starrte und nicht fassen konnte, dass auf der ganzen Wiese kein einziges Stück Papier lag. Keine Pappkartons. Keine Mülltüten. Keine alten Matratzen. Keine ausrangierten Kühlschränke. Einfach nur eine grüne Wiese. Auf der man spazieren ging.

Die Palmengrenze

Mittwoch, 01. Oktober 2008

Es war der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia, der Anfang der Siebzigerjahre die Theorie von der Palmengrenze prägte: Gemäß einer geologischen Theorie verschiebe sich die Verbreitungsgrenze der Palme aufgrund der Erderwärmung jedes Jahr mehrere hundert Meter weiter nach Norden. Palmen würden also in absehbarer Zeit auch an Orten wachsen, an denen sie heute undenkbar seien. Und genau so verhalte es sich mit der Verbreitung der Mafia. Sie existiere bereits in Norditalien, und werde weiter nach Norden ziehen. Weil sie kein Gegenstaat sei, sondern sich in den Eingeweiden des Staates einniste.

Jetzt wachsen Palmen auch schon in Duisburg und in Erfurt.