Archiv: Oktober 2008

Der Mafioso als Vater (Il mafioso come padre)

Freitag, 31. Oktober 2008

Kürzlich kam es zu einer revolutionären Entscheidung der Staatsanwaltschaft Reggio Calabria: Sie entzog einem untergetauchten Mafioso das Vormundschaftsrecht über seine Kinder. Diese Entscheidung ist deshalb revolutionär zu nennen, weil in Italien bislang das ungeschriebene Gesetz galt, dass die Familie heilig und unantastbar ist: Auch wenn der Vater ein international gesuchter Mafioso war, wurden seine Qualitäten als Vater nicht angezweifelt. Nicht mal von den Ermittlungsbehörden. Jetzt haben die Staatsanwälte aus Reggio Calabria dieses ungeschriebene Gesetz mit dem Hinweis gebrochen, dass die Erziehungsziele eines Mafiosos ganz gewiss nicht die seien, die sich günstig auf die Entwicklung der Kinder auswirkten. Die Kinder von Mafiosi lebten in einem “permanenten Zustand der Sklaverei” schrieben die Staatsanwälte. Es handele sich bei dieser Entscheidung allerdings erst um einen Teilsieg: “Wir haben noch weitere Probleme zu lösen”, schrieben die Staatsanwälte, “etwa das der Ehefrauen der Mafiosi, die ja zuallerst die Mafiakultur auf ihre Kinder übertragen. Aber wir geben nicht auf.”

Leben in Venedig (Vivere a Venezia)

Sonntag, 26. Oktober 2008

Die traditionsreiche Buchhandlung “La Tarantola” am Campo San Luca – deren Schicksal ich bereits im März beschrieben habe, schließt nun endgültig.

Fondaco dei Tedeschi

Sonntag, 26. Oktober 2008

Der Fondaco dei Tedeschi war einst die Handelsniederlassung der Deutschen in Venedig. Bis vor kurzem befand sich hier die venezianische Hauptpost. Schon lange kursierten Gerüchte, dass diese Immobilie verkauft werden sollte – dies im Rahmen des allgemeinen Bestrebens der venezianischen Stadtverwaltung, in Venedig auch noch die letzten Spuren alltäglichen Lebens zu tilgen. Jeder in Venedig wusste, dass verschiedene Unternehmensgruppen um diesen Immobilien-Leckerbissen direkt neben der Rialtobrücke erbittert kämpften.

Ich erinnere mich noch daran, wie wütend Massimo Cacciari, Venedigs Bürgermeister, geworden war, als ich das Aussterben der täglichen Lebens in Venedig ansprach. Damals habe ich ihn auch nach dem Schicksal der Hauptpost gefragt. Er werde sich für ihren Erhalt einsetzen, versicherte er.

Offenbar war sein Einsatz nicht sehr überzeugend, denn die Benetton-Gruppe hat den Fondaco dei Tedeschi gekauft. Und der Bürgermeister wird seine Unterschrift unter eine kleine Änderung setzen, welche der Benetton-Gruppe die gewerbliche Nutzung des Gebäudes erlaubt. Eine kostbare Unterschrift.

Mafiazugehörigkeit (associazione mafiosa)

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Auf meinen Lesungen merke ich immer wieder, wie erstaunt die Deutschen sind, wenn sie erfahren, dass Mafiazugehörigkeit in Deutschland nicht strafbar ist. Es gibt zwar den Strafbestand der kriminellen Vereinigung – aber abgesehen davon, dass die Höchststrafe dafür lediglich fünf Jahre betrifft, wird ein Mafioso in Deutschland klug genug sein, um alle Verdachtsmomente auszuschalten, weshalb derer man ihn möglicherweise der Bildung einer kriminellen Vereinigung beschuldigen könnte. Was nicht sehr kompliziert ist.

Die Mafia spekuliert darauf, dass in Deutschland Beweise für konkrete Straftaten vorliegen müssen, um einen Mafioso zu verhaften. Das können Schmauchspuren sein, DNS-Spuren, Fingerabdrücke: Anders als in Italien, wo der reine Verdacht auf Mafiazugehörigkeit ausreicht, um Mafiosi festzunehmen und auch ihre Besitztümer zu beschlagnahmen, müssen in Deutschland konkrete Beweise für konkrete Straftaten vorliegen.

Deutschland ist ein liberaler Rechtsstaat, in dem der Schutz der bürgerlichen Freiheiten höchste Priorität hat – zu Recht, finde ich. Allerdings konnten die Gesetzgeber auch nicht ahnen, dass die Mafia sich eines Tages nicht mehr nur auf Italien beschränken, sondern sich auch in Deutschland einnisten würde: Gerade weil sie hier von der liberalen Gesetzgebung profitiert. Selbst wenn die deutschen Ermittler von ihren italienischen Kollegen wissen, dass es sich bei dem Besitzer einer Pizzeria um ein, sagen wir, aktenkundiges Mitglied eines ‘Ndrangheta-Clans handelt – so bedeutet das in Deutschland erst mal: nichts. Insofern dieser kalabrische Pizzeria-Betreiber nicht falsch parkt, bei rot über eine Ampel fährt oder das Wechselgeld falsch herausgibt, hat er nichts zu befürchten. Er kann sich in seiner Pizzeria auch mit anderen Clanmitgliedern treffen und mit ihnen die eine oder andere geschäftliche Angelegenheit besprechen: Anders als in Italien dürfen öffentliche Lokale in Deutschland nicht abgehört werden. Was aber nicht ausschließt, dass die Telefonate des Pizzeriabetreibers irgendwann möglicherweise von italienischen Ermittlern abgehört werden, die diese Unterhaltung wiederum ihren deutschen Kollegen melden. Aber insofern die deutschen Ermittler in dieser telefonischen Unterhaltung keine Beweise für eine in Deutschland erfolgte Straftat sehen, passiert ebenfalls: nichts.

So ist es zu erklären, dass in Deutschland allein die kalabrische ‘Ndrangheta über ein Netz von 300 Pizzerien verfügt.

FAZ

Dienstag, 21. Oktober 2008

Die FAZ hat mein Mafiabuch besprochen. Sollte es mir mal schlecht gehen, werde ich mir diese Kritik wieder durchlesen.

Solidarität mit Roberto Saviano (solidarietà con Roberto Saviano)

Dienstag, 21. Oktober 2008

“Jedes Buch über die Mafia ist eine Niederlage für die Mafia”, sagte Roberto Saviano, der junge Autor von Gomorrah, der seit der Veröffentlichung seines Buches unter Polizeischutz leben muss. Jetzt hat man in Italien zu einer Unterschriftenaktion für ihn aufgerufen. Hier ist der Link zum Unterschreiben.

Wenn ich durch Deutschland reise VIII

Dienstag, 21. Oktober 2008

Ja, und dass es so etwas gibt, das hatte ich in Italien auch vergessen.

Wenn ich durch Deutschland reise VII

Montag, 20. Oktober 2008

Das Schicksal wollte, dass ich in Frankfurt zu einem Empfang mit der Bundesjustizministerin Brigitte Zypries geladen war. Auf dem Weg dorthin musste das Taxi warten: Die Polizei hatte die Kreuzung gesperrt, damit mehrere von einer Motorradstaffel eskortierte und beflaggte Panzerlimousinen vorbeifahren konnten. In denen ich die Bundesjustizministerin mitsamt ihrer Leibgarde, Redenschreibern und Kofferträgern vermutete. Blaulicht flackerte an uns vorbei, ich hörte einen Polizisten in sein Funkgerät flüstern, und schließlich, als hinter uns schon einige ärgerlich hupten, wurde die Straßensperre wieder aufgehoben.

Als ich vor dem Restaurant ankam, in dem der Empfang stattfand, war indes nichts von den gepanzerten Limousinen zu sehen. Ich vermutete einen Trick dahinter. Etwa, dass man die Bundesjustizministerin mitsamt ihrer Leibwächter, Redenschreiber und Kofferträger abgesetzt hatte und die Panzerlimousinen eine Straße weiter unauffällig warteten – auch, um keine Zielscheibe für terroristische, mafiöse oder islamistische Bedrohungen abzugeben. Ich schloss es aber auch die Möglichkeit nicht aus, dass die Bundesjustizministerin selbst keineswegs in einer der gepanzerten Limousinen mitgefahren war, sondern nur ihr Tross von Begleitern. Und dass die Ministerin bald in einem Helikopter landen würde, in einem Garten hinter dem Restaurant. Oder auf dem Dach. Schließlich lebe ich einem Land, in dem sich nicht nur jeder Staatssekretär des Landwirtschaftsministeriums von Leibwächtern eskortiert in gepanzerten Limousinen fortbewegt, sondern auch berlusconihörige Nachrichtenmoderatoren wie Emilio Fede, von dem ich immer angenommen habe, dass wesentlich mehr Gefahr von ihm ausgeht, als ihn verfolgt. Volksverdummungsgefahr etwa. Aber auch Emilio Fede glaubt sich bedroht, jedenfalls bewege er sich seit Jahren mit Leibwache, verkündete er kürzlich in den Nachrichten von Rete quattro, aber anders als Roberto Saviano mache er keineswegs so viel Aufhebens darum.

Schließlich betrat ich den Saal, in dem der Empfang stattfand. Es war ein kleines Kellergewölbe mit Büffetttischen, auf denen gefüllte Oliven, frittierte Garnelen und gedünstete Muscheln serviert worden waren, Fingerfood, was sicherheitstechnisch zweifellos eine Herausforderung darstellte. Die Bundesministerin war noch nicht anwesend. Ich nahm an, dass ihr Kommen von einer Vorhut von bewaffneten Leibwächtern angekündigt werden würde, die unauffällig die gedünsteten Muscheln inspizieren und dabei kleine Kommandos in ihren Jackenärmel flüstern würden. Vielleicht würden sie meine Tasche auf Flüssigkeiten untersuchen, mein Lipgloss beschlagnahmen und mich bitten, an einem anderen Stehtisch Platz zu nehmen, weil in dem Raum nur dieser Stehtisch den strengen Sicherheitsstandards genügen würde. Vielleicht würde die Bundesjustizministerin von ihren Leibwächtern begleitet kurz die Anwesenden grüßen und sich dann mit einigen Vertrauten in einen abgesicherten Nebenraum zurückziehen.

Und dann kam die Ministerin. Vermutlich war sie vom Himmel gefallen, wie ein Flaschengeist hatte sie sich plötzlich materialisiert, stand neben mir am Stehtisch und steckte sich eine Zigarette an. Das Rauchverbot hatte sie für die Dauer des Abends in diesem Kellerlokal mal kurz aufgehoben. Ich schaute mich in dem Raum um. Niemand von den anwesenden Männern, darunter viele SPD-Genossen, schien mir körperlich in der Lage zu sein, die Ministerin zu beschützen. Die Ministerin rauchte mit Genuss, und, wie mir schien, sorglos. Neben ihr stand ihr Redenschreiber, ein gutaussehender junger Mann, der mir ungeachtet seiner rosigen Wangen auch nicht schlagkräftig genug erschien, zumal auch er rauchte.

Schließlich fasste ich meinen ganzen Mut und sprach die Ministerin an. Wo sind Ihre Leibwächter?, fragte ich. Die Ministerin zog an ihrer Zigarette und sagte: Zu Hause, nehme ich an.

Sippenhaft

Sonntag, 19. Oktober 2008

Kürzlich beklagte sich der Sohn eines berüchtigten sizilianischen Mafiabosses darüber, in Sippenhaft genommen worden zu sein. Vincenzo Santapaola ist der Sohn von Benedetto, „Nitto“, Santapaola – der unter anderem wegen der Ermordung des Staatsanwaltes Paolo Borsellino verurteilt wurde. Der Sohn sitzt wie sein Vater in so genannter Hochsicherheitshaft: Einer Haft, die verhindern soll, dass Mafiosi in Kontakt mit der Außenwelt treten können – eine Haft, die inzwischen so pflaumenweich beschaffen ist, dass es dem Sohn des Mafiosos gelang, aus dieser Hochsicherheitshaft heraus einen seitenlangen Brief an die sizilianische Tageszeitung „La Sicilia“ zu schicken. Die ihn umgehend und kommentarlos veröffentlichte, unter dem Titel „Brief aus dem Gefängnis“ – was nicht nur Mitleid erregend klingt, sondern den Absender auch in gewisser Weise adelt, denkt man in Italien bei „Briefen aus dem Gefängnis“ doch zuerst an die des Philosophen Antonio Gramsci, der damit in faschistischer Haft das bedeutendste Werk der marxistischen Philosophie schuf.

„Ich befinde mich in Hochsicherheitshaft und werde seit elf Jahren von Gefängnis zu Gefängnis geschickt – in Erwartung von Prozessen, weil ich einen Nachnamen trage, der schwer auf mir lastet, ein verhasster und verleumdeter Nachname. Die Massenmedien bezeichnen mich als Mafioso, als Nachfolger meines Vaters“, schreibt Vincenzo Santapaola.

Nun lebe ich zu lange in Italien, um nicht misstrauisch zu werden, wenn sich Mafiosi darüber beklagen, in Sippenhaft genommen worden zu sein. Auch die Ehefrau des Bosses Totò Riina bezichtigte die italienische Öffentlichkeit, ihre Kinder in Sippenhaft zu nehmen: „Sie werden beschuldigt, als Kinder von Vater Riina und Mutter Bagarella geboren worden zu sein, eine Erbsünde, die durch nichts getilgt werden kann. Warum kann man meine Kinder nicht wie Jugendliche betrachten, die so normal sind wie andere auch?“ schrieb einst Ninetta Bagarella an die Tageszeitung Repubblica. Kurz danach wurde ihr ältester Sohn wegen Mafiazugehörigkeit und vierfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, sein jüngerer Bruder wurde der Mafiazugehörigkeit und Erpressung für schuldig befunden.

Es ist kurios, zu sehen, wie geschickt es den Mafiosi gelingt, sich als Opfer zu stilisieren – etwa so: Nun gut, wir nehmen aus organisationstechnischen Gründen vorzugsweise Blutsverwandte in unsere Clans auf, aber diese Eigenart darf uns doch nicht zum Vorwurf gemacht werden!

Die Mafia nutzt immer die Schwächen der jeweiligen Gesellschaft aus und pervertiert ihre Werte. Im katholischen Italien ist das die Familie. Jeder Italiener hat Verständnis dafür, dass die Familie geschützt werden muss. Und die Deutschen fürchten nichts mehr, als des Rassismus bezichtigt zu werden. Daher wundert es auch nicht, dass sofort genau das zum Vorwurf gemacht wird, sobald sie vermuten, dass sich die Mafia in Deutschland nicht lediglich auf sechs tote Kalabresen beschränkt: Oder wollen Sie jetzt etwa alle in Sippenhaft nehmen?

Film und Wirklichkeit (Film e realtà)

Sonntag, 12. Oktober 2008

Gestern wurde einer der Schauspieler des Films Gomorrah verhaftet: Zi’ Bernardino, Bernardino Terracino, spielte die Rolle des Erpressers in der Episode, die von Marco und Ciro handelt – den beiden dünnen Jungs, die am Ende von der Camorra beseitigt werden wie zwei Straßenhunde.

Zi’ Bernardino, Onkel Bernhard, wurde zusammen mit einer Reihe von Camorristi festgenommen, die von der Polizei verdächtigt werden, dem Clan der Casalesi nahezustehen – und an der vor kurzem erfolgten Ermordung von sechs Afrikanern in Castelvolturno beteiligt zu sein.

Die Wirklichkeit ist eben immer noch größer als jeder Film.