Archiv: September 2008
Samstag, 20. September 2008
Gestern sagte ich zu meiner Mutter: Angenommen, Ihr wäret nicht in Schlesien und Ostpreussen aufgewachsen, sondern in einem sizilianischen Dorf.
Ja, und?, fragte meine Mutter.
Es gibt eine Menge Gemeinsamkeiten, sagte ich.
Nämlich?, fragte meine Mutter.
Beide werden von der katholischen Kirche und den Frauen beherrscht, sagte ich. Und dachte an meine ostpreußische Großmutter. Sie dominierte die Familie bis zum letzten Atemzug. Großherzig nach innen, streng nach außen hielt sie den Clan zusammen. Sie sagte ‘Als die Fremden kamen’ und meinte damit die Schwiegersöhne und Schwiegertöchter. In Sizilien nennt man das carne di carne, Fleisch aus Fleisch, und carne di contratto, Fleisch per Vertrag. Meiner Großmutter stand das Fleisch aus Fleisch naturgemäß näher.
Du wirst noch behaupten, dass deine Familie mit der Mafia zu tun hatte, sagte meine Mutter, so weit kommt das noch!
Ach was, sagte ich.
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Deutschland, Italien, Mafia
verfasst von reski
Donnerstag, 18. September 2008
Kürzlich erzählte ich einem deutschen Journalisten von einer etwas bizarren Initiative in Catania: “Tanzen gegen die Mafia”: Der “Dance Attack” sollte auf einer Piazza in einem Stadtviertel stattfinden, das von der Mafia beherrscht wird. Tausend Jugendliche sollten in T-Shirts mit dem Logo “Arte Nostra” tanzen.
Was für ein Quatsch, sagte der deutsche Journalist.
Völliger Quatsch, hatte auch ich gedacht, als ich die Überschrift zu dieser kleinen Zeitungsnotiz gelesen hatte. Trommeln gegen die Mafia, Singen gegen die Mafia, warum nicht auch Tanzen gegen die Mafia? Kein Pathos ist zu hohl, als dass er nicht auch Anwendung finden würde. Auf der nach oben offenen Antimafia-Kitsch-Skala ist alles denkbar. Das hatte ich gedacht. Bis ich weiterlas. Und erfuhr, dass hundert Eltern ihren Kindern die Teilnahme an dem Anti-Mafia-Tanz verboten hatten.
Weil sie die damit verbundene Antimafia-Botschaft nicht gutheißen konnten.
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Italien, Mafia
verfasst von reski
Samstag, 13. September 2008
Das Deutschlandradio hat ein Interview mit mir geführt, es wurde transkribiert, und ich habe mir jetzt irgendwie vorgenommen, mir das Wort irgendwie abzugewöhnen.
P.S.: Der Name, der bei der Transkription als unverständlich bezeichnet wurde, ist der von Marcello Dell’Utri, rechte Hand von Berlusconi, und in erster Instanz zu neun Jahren Haft wegen Unterstützung der Mafia verurteilt.
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Italien, Journalismus, Mafia
verfasst von reski
Samstag, 13. September 2008
Gestern fuhr ich im Taxi in Neapel die gleiche Strecke vom Flughafen zum Hafen, die ich vor drei Monaten gefahren bin. Was soll ich sagen: Da, wo sich vor drei Monaten noch der Müll bis zum ersten Stock getürmt hat, parkten nun Autos im Halteverbot. Der Müll ist weg, verschwunden im Nichts, über Nacht geschluckt von Berlusconi.
Wir haben hier auch das Blutwunder, sagte der Taxifahrer.
Und einen effektiven Mülltransport nach Deutschland.
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Italien, Mafia
verfasst von reski
Dienstag, 09. September 2008

Vielleicht sollte ich noch hinzufügen, dass in dem Moment, in dem mein Zeitungshändler wegen der ungesetzlichen Nutzung öffentlichen Raumes durch seinen Zeitungsständer inkriminiert wurde, eine Horde afrikanischer Taschenhändler mit ihren Vuitton- und Chanel-Kopien den Campo überquerte, und im römischen Senat ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz zur Abstimmung ansteht, das den Namen des Justiziministers trägt (“lodo Alfano”) und welches verhindern soll, dass Berlusconi im “Mills-Prozess” verurteilt wird: Einem Prozess, in dem Berlusconi der Bestechung eines englischen Anwaltes David Mills angeklagt ist, der als Zeuge in zwei Prozessen gegen Berlusconi aufgetreten war und dort die Existenz von Berlusconis Offshore-Gesellschaften verheimlicht habe, wofür er von Berlusconi mit 600 000 Euro belohnt worden sei. Berlusconi riskierte, in diesem Prozess zu sechs Jahren Haft verurteilt zu werden.
Aber der Zeitungsständer.
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Italien, Venedig
verfasst von reski
Freitag, 05. September 2008
Als ich heute morgen bei meinem Zeitungshändler am Campo Sant’Angelo meine Zeitungen kaufen wollte, steckten die Tageszeitungen nicht wie gewohnt in dem schmalen Metallständer, sondern stapelten sich auf der Verkaufstheke. Was etwas konfus wirkte. Der Metallständer (nicht breiter als eine Tageszeitung und schätzungsweise ein Meter fünfzig hoch) war verschwunden. Als ich nachfragte, sagte der Zeitungshändler, dass die Gemeindepolizisten eine Razzia gemacht und ihn nach der amtlichen Genehmigung für das Betreiben seines Zeitungsständers gefragt hätten.
Er habe nicht gewusst, dass ein Zeitungsständer eine Genehmigung brauche, sagte der Zeitungshändler. Was die Gemeindepolizisten nicht beeindruckte. Sie drohten ihm mit einer Geldstrafe, da sein Zeitungsständer illegalerweise öffentlichen Raum beanspruche. Also räumte der Zeitungshändler den Metallständer (der dort schon mindestens seit zwanzig Jahren gestanden und vor sich hin gerostet hatte) weg.
Ich will doch kein Gesetz brechen, sagte mein Zeitungshändler.
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Italien, Venedig
verfasst von reski