Archiv: Mai 2008

Schwestern der Verschwiegenheit (sorelle dell’omertà)

Mittwoch, 14. Mai 2008

(Foto: Ansa)

In San Luca, jenem kalabrischen Dorf, aus dem die Toten des Massakers von Duisburg stammten, fand gestern ein “Anti-‘Ndrangheta-Marsch” statt – angeführt vom nationalen Anti-Mafia-Ermittler Piero Grasso. Die Frauen des Dorfes nahmen dies zum Anlass, auf Transparenten und Plakaten “wahre Gerechtigkeit” zu fordern – etwa für Giuseppe Pelle, einen der beiden mutmaßlichen Killer von Duisburg, der seit August letzten Jahres steckbrieflich gesucht wird. Um ihre Verbundenheit zu demonstrieren, trugen seine Mutter und andere Frauen aus der weitläufigen Verwandtschaft sogar T-Shirts mit dem Fahndungsfoto von Giuseppe Pelle.

Wie immer, wenn Verhaftungswellen die Clans (vorübergehend) schwächen, treten die Frauen in die Öffentlichkeit. Ein gezielter Stich ins Mutterherz funktioniert in Italien immer.

In der ‘Ndrangheta spielen die Frauen eine fundamentale Rolle: Wie in der sizilianischen Cosa Nostra und in der neapolitanischen Camorra, sind es auch in Kalabrien die Frauen, welche die Mafiakultur von Generation zu Generation weiter tragen, es sind die Mütter, die nach Blutrache verlangen, das Gedenken an die Toten aufrecht erhalten und ihre Söhne für das Leben in der ‘Ndrangheta vorbereiten. Es sind die Frauen, die im Alltag die Geschäfte ihrer abwesenden Männer verwalten, Flüchtige verstecken, die Verbindung zwischen inhaftierten Bossen und dem Clan aufrechterhalten – womit sie sich sogar den Ehrentitel einer sorella dell’omertà verdienen können, einer “Schwester der Verschwiegenheit”.

“Viele Unglücke, viele Tragödien des Südens sind von den Frauen gekommen, vor allem wenn sie Mütter werden”, sagte der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia.

Metapher (metafora)

Sonntag, 11. Mai 2008

Und wie leben Sie so in Venedig?, fragte Frank A. Meyer, seines Zeichens Chefpublizist des Schweizer Pressehauses Ringier. Ganz gut, sagte ich – weil die Lebenserfahrung mich gelehrt hat, dass auf diese unverfänglich klingende Frage entweder ein Venedig-Delirium folgt oder ein Venedig-Bashing. Dazwischen gibt es nichts.

Vermutlich leben Sie so wie Mickey Mouse in Disneyland, stellte er fest. Schönes Bild, sagte ich. Und während ich mir das Gewicht der riesigen Mickey-Mouse-Ohren vorzustellen versuchte und dachte, dass man unter der Mickey-Mouse-Maske sicher schnell zu schwitzen beginnt und auch leicht vornüber kippt, wenn man den schweren Mickey-Mouse-Kopf nur etwas neigt, erzählte er, dass er nicht mehr nach Venedig reise, weil es ihm zu teuer geworden sei, man würde schlechterdings beraubt, und das lasse er sich nicht mehr gefallen.

Wenn man in Venedig lebt, ist man mit zwei Flüchen geschlagen: Dass man sich nie über Venedig beklagen darf, weil man sonst als undankbar, verzogen und abnorm gilt. Und dass sich alle über Venedig beklagen, sobald sie wissen, dass man in Venedig lebt.

Pressefreiheit (libertà della stampa)

Samstag, 10. Mai 2008

Wunderbares Video der New York Times über Grillo – und damit über Italien. Seit dem letztem, sehr erfolgreichen V-Day entblößen sich die renommiertesten italienischen Journalisten beim Grillo-Bashing (so zum Beispiel Eugenion Scalfari, der inzwischen in Ehren ergraute Gründer der Tageszeitung La Repubblica, für den Grillo die schlechtesten Wesenszüge des Italieners verkörpere.)

Der einzige Journalist, der den Mut hatte, Grillos Forderung nach mehr Pressefreiheit ernst zu nehmen, war der Journalist Michele Santoro: Seine Sendung Anno Zero auf RAI due gilt zu Recht als eine der letzten Inseln der Pressefreiheit in Italien. Nach der Sendung am 1. Mai, in der Grillo zu Wort kam, wurde Santoro zu den Chefs von RAI Due zitiert – und ihm mit dem Rauswurf gedroht. Nichts Neues in Italien. Santoro war bereits einmal von Berlusconi kalt gestellt worden.

Erfolgstypen (tipi di successo)

Mittwoch, 07. Mai 2008

Herr Michal ist heute schön gemein.

Frisör (parrucchiere)

Mittwoch, 07. Mai 2008

Nachdem bereits meine Nageltechnikerin und mein Pilates-Trainer in diesem Blog vorgestellt wurden, regte mich das Outing von Frau Bus als Frisurendesaster dazu an, über meinen Friseur Luca zu reden. Ein dünner Mann, der über gefährlich viel kreatives Potenzial verfügt. Wobei ich nicht allzu wählerisch sein darf: Die erste Schwierigkeit in Venedig besteht darin, in dem Meer von Bed&Breakfast, Karnevalsmasken und Pizza zum Mitnehmen überhaupt noch einen Friseur zu finden. Sie verstecken sich in Nebengassen, in Hintereingängen, und wer nicht jemanden kennt, der einen Friseur kennt, der muss sich die Haare bis zum Hintern wachsen lassen. Was in Italien ohnehin sehr weit verbreitet ist. Italienerinnen haben bis auf wenige, hormonell bedingte Ausnahmen, lange Haare. Dicke, lange Haare, die beim Föhnen gnadenlos über dicke Bürsten gezogen werden, weshalb die Frage nach einem Schnitt sich in der Regel erübrigt.

Die Lange-Haare-Manie hat mich vor einigen Jahren so infiziert, dass ich mir von dem Friseur hinter der Fenice-Oper Haare ankleben ließ, in einer viele Stunden dauernden Operation, an deren Ende ich aussah wie eine Mischung aus Ludwig dem XIV. und der Madonna von Loreto.

Nach einem Monat machte ich allerdings den Eindruck, als hätte ich knapp eine komplizierte Hirnoperation überlebt, denn auf meinem Kopf gab es jede Menge, zwei-Euro-große kahle Stellen – die entstanden waren, nachdem sich die angeschweißten Strähnen als zu schwer erwiesen hatten und nach und nach von mir abgefallen waren. Die Strähnen hatten überdies die Eigenart, sich nicht nur nachts im Bett von meinem Kopf zu lösen, sondern manchmal auch mitten am Tag, beim Zeitungskaufen auf dem Campo Sant’Angelo etwa, mein Zeitungshändler sah diskret beiseite, als ich meine abgefallene Strähne aufhob.

Neben den langen, dicken Haare liegt die zweite Stärke der Italienerinnen in dem Wagemut, mit dem sie sich ihre Haare färben. Ich kenne hier keine einzige Frau, die ihre Naturhaarfarbe trägt. Das ermunterte mich dazu, mir endlich die Haare blond färben zu lassen (Ich war in meinem Sportstudio die letzte Brünette) – und diese Entscheidung macht mich bis heute glücklich. Im Prinzip. Jedenfalls dann, wenn ich es geschafft habe, mit Luca, meinem Friseur, die Hermeneutik der Frage geklärt zu haben, welches Blond das richtige Blond ist. Mausgraublond, Rühreiblond, Sauerkrautblond, Wasserrattenblond?

Und den Schnitt? Den lasse ich in Deutschland machen.

beiß-rein-und-hau-ab (mordi e fuggi)

Dienstag, 06. Mai 2008


Letztes Wochenende wurde Venedig von 80 000 Tagestouristen überrannt, vulgo mordi e fuggi genannt, Beiß-rein-und-hau-ab-Touristen. Das ist keine Ausnahme, sondern venezianischer Alltag: Die Tagestouristen machen 80 Prozent aller Besucher aus. Jedoch nur, was ihre rein körperliche Präsens betrifft. Am Umsatz sind sie lediglich zu 30 Prozent beteiligt.

Diese trocknen Zahlen nenne ich nur aus dem Grunde, weil ich jedes Mal, wenn ich auf dem Boden essende Menschen sehe, an meine ostpreußische Großmutter denken muss. Meine Großmutter reiste nicht oft, mal an die Mosel, mal in den Schwarzwald. Als Bergmannswitwe hatte sie nicht viel Geld, aber wenn sie reiste, dann ging sie in einem Restaurant essen. Und sei es nur Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat. Sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, auf dem Boden sitzend mitgebrachte Brote zu verspeisen. Schon gar nicht inmitten von Taubendreck. Komisch eigentlich.

La Merkel

Sonntag, 04. Mai 2008

Die Stilpäpstin enthüllt heute Frau Merkels Erfolgsgeheimnisse – was mich daran erinnert, wie mir auf Ischia ein Hotelbesitzer davon erzählte, dass La Cancelliera darauf verzichtet habe, mit dem Hubschrauber nach Ischia geflogen zu werden – und stattdessen im Tragflügelboot gefahren sei, wie alle TUI-Touristen auch. So viel brandenburgische (mecklenburgische? uckermarksche?) Bescheidenheit haut die Italiener schier um.

Venice Lounge II

Samstag, 03. Mai 2008

Gerhard Matzig beklagt in der Süddeutschen Zeitung die Loungepest – eine Klage, der ich mich umstandslos anschließen möchte: Nieder mit der Lounge!

Ein Blick in ein Wörterbuch hätte gereicht, um ihren Siegeszug zunichte zu machen. Lounge heißt „Aufenthaltsraum“, wahlweise auch „Wohndiele“ oder „Wartehalle“. Aber jetzt ist es zu spät, um im Wörterbuch nachzuschauen, der Launsch-Virus hat die ganze Welt infiziert, und seit kurzem befindet sich ein solcher Aufenthaltsraum sogar bei uns gegenüber am Kanal. Früher war dort das Cinema Centrale, und heute ist es eine Lounge – das heißt: Man hat den Putz von den Wänden geschlagen, ein paar Sofas aufgestellt, jene, auf denen man weder liegen noch sitzen kann, man hat die Bar von hinten beleuchtet und Fahrstuhlmusik, vulgo Buddha-Bar, aufgelegt, fertig. Ich habe die Vermutung, dass es sich hierbei um eine psychohygienische Maßnahme handelt: Venedig macht vielen Menschen Angst, nichts ist hier wie in anderen Städten, es gibt keine Autos, keine Hertie-Karstadt-Fußgängerzonen, Gassen enden im Wasser – da ist die Lounge schon fast etwas wie ein kleines Stück Bielefeld.

Bis vor wenigen Jahren noch war Venedig ein loungefreier Ort, auf der Erde vielleicht der letzte dieser Art. Es gibt hier Millionen von Bars und Cafés, man kann auf einem Campo sitzen, einen Prosecco trinken, dabei auf einen gotischen Palazzo blicken, auf eine Renaissance-Treppe und auf eine Rokoko-Kirche, darüber wölbt sich ein Canaletto-Himmel – da erschien der Gedanke an eine Lounge irgendwie unpassend. Die Lounge wurde in Ländern hervorgebracht, die im Wesentlichen aus Industrieruinen und einer Neigung zu starken alkoholischen Getränken bestehen, in Glasgow oder Liverpool macht so eine Lounge durchaus Sinn, das Wetter ist schlecht, der Blick auf englische Backsteinreihenhäuser auf Dauer deprimierend, und die industrielle Revolution liegt eine ganze Weile zurück, da drängte sich die Erfindung der Lounge geradezu auf.

Wäre die Lounge auf den angelsächsischen Sprachraum begrenzt geblieben, dann hätten Sie hier ein Loblied auf die Lounge lesen können, ich hätte sie als angelsächsische Seltsamkeit gepriesen, als liebenswerte Schrulle, denn nur Exzentriker können auf die Idee kommen, einen Abend in einer Wartehalle zu verbringen, in jener halb liegenden, halb sitzenden Lounge-Stellung, in der Hand ein Mischgetränk, vulgo Caipi, ein Abend, bei dem man entweder schweigt, was die eleganteste Lösung ist, oder schreit, weil der Geräuschpegel in einer Lounge infolge der unverputzten Wände so hoch ist wie der einer sechsspurigen Autobahn. Jetzt könnte man sich fragen: Warum sollte ich freiwillig einen Abend auf einer sechsspurigen Autobahn verbringen? Tja. Keine Mode ist zu blöd, um nicht befolgt zu werden. Man muss sich nur die triumphale Wiederkehr der Leggings vor Augen führen. Noch vor wenigen Jahren war dieses Kleidungsstück international geächtet, und jetzt gibt es keine Frau, deren Beine zu kurz sind, um nicht in Leggings daherzukommen.

Genauso hat sich die Loungepest wie ein Ölfleck ausgebreitet: Nicht mal Niederbayern ist loungefrei, es gibt Lounge-Gasthöfe, Lounge-Restaurants, Lounge-Pensionen, die Bundesbahn loungt, selbst Länder wie Bulgarien sind durch und durch unrettbar verloungt, allein in Sofia habe ich Hunderte von hintergrundbeleuchteten, unverputzten, Mischgetränke verabreichenden Etablissements gezählt, von China will ich gar nicht reden, in China gibt es mindestens 1,3 Milliarden Lounges. Und Berlin ist eine einzige Lounge. Wobei ich da nachsichtig bin, vielleicht verwächst sich die Lounge eines Tages noch, lange ist es nicht her, dass die Mauer gefallen ist: In Berlin gab es viele Entbehrungen, die Luftbrücke, das schlechte Essen in der DDR, die zugezogenen Schwaben hatten auch keine leichte Jugend, da kann man schon mal eine Wohndiele mit Weltläufigkeit verwechseln.

Manchmal stehe ich abends am Fenster und sehe den Menschen dabei zu, wie sie auf dem kleinen Anlegersteg vor der Lounge eine Zigarettenpause machen. Neulich ist einer dabei in den Kanal gefallen. Manchmal ist Venedig wild und gefährlich.

Taubenmassaker II (strage di colombi)

Donnerstag, 01. Mai 2008

Seit gestern dürfen in Venedig keine Tauben mehr gefüttert werden. Der einzige, der das beweint, ist der Spiegel.

Bulgarien

Donnerstag, 01. Mai 2008

Ich bin immer wieder fasziniert von der Aufmerksamkeit, die man der bulgarischen Mafia zukommen lässt. Offenbar hat man die bulgarische Mafia anders als die italienische noch nicht als Wesenszug der EU akzeptiert. Oder liegt es daran, dass die bulgarischen Mafiosi noch etwas holzschnittartig vorgehen? Und noch nicht im Justizausschuss der EU sitzen? Noch nicht über die Vergabe von EU-Geldern entscheiden? Und von einem Gesamtumsatz nur träumen können, der wie jener der italienischen Mafia zwischen 90 und 100 Milliarden Euro liegt? Alles eine Frage der Zeit.