Archiv: April 2008

Schicklichkeit (decenza)

Donnerstag, 10. April 2008

Als ich gestern morgen mit meiner Freundin Patrizia vom Kaffeetrinken am Campo Fantin kam, fiel mich eine Frau an, eine alte Dame, die so empört den Kopf schüttelte, als sie mich sah, dass ihre Brille fast von der Nasenspitze rutschte.

Nein, nein, nein, das geht nicht!, rief sie und zerrte an meinem Arm.
Was geht nicht, Signora?, fragte ich.
Ihre Beine, die sind zu lang!, rief die alte Dame aufgebracht.
Ich blickte an mir herab. Ich trug Jeans, relativ neue Guess-Jeans. Zigarettenform, nichts Besonderes. Ich trug keine Hüfthosen, kein Hirschgeweih, nichts. Nicht mal hohe Absätze.

Wenn man solche Beine hat, dann muss man weite Hosen tragen, rief die alte Dame.
Aber warum denn, sagte Patrizia, als Frau eines Polizeikommandanten immer auf Ausgleich bedacht. Enge Jeans sind modern.
Aber sie sind nicht schicklich, sagte die alte Dame.
Das ist doch Unsinn, Signora, sagte Patrizia.
Das ist die Wahrheit, sagte die alte Dame.

Und ich sagte: Tja. Und erinnerte mich an ein Foto, das mich als Zehnjährige auf Mallorca zeigt, und auf dem man von mir nichts anderes sieht als Beine, die in die Unendlichkeit ragten, Beine, die aussahen, als gehörten sie einem Flamingo oder einem Fohlen, Beine, die meine ganze Kindheit überschatteten. Bis gestern war ich davon überzeugt, dass sich das verwachsen hätte.

Haben Sie sich nicht im Spiegel angeguckt?, fragte die alte Dame.
Doch, sagte ich.
Also, sagte sie triumphierend. Und rief wieder: Nein, nein, nein, so geht das nicht!

Weil offenbar keine Einigung zu erzielen war, zog mich die Frau des Kommandanten schließlich weiter. Und ich dachte: Solange man hier wegen zu enger Jeans angefallen werden kann, ist Italien vielleicht doch noch nicht verloren.

Ehrlichkeit (onestà)

Mittwoch, 09. April 2008

Manchen italienischen Politikern muss man selbst im Wahlkampf Authentizität, ja Ehrlichkeit bescheinigen – etwa dem Forza-Italia-Gründer Marcello Dell’Utri, Senator, Europaparlamentarier und rechte Hand Berlusconis, in erster Instanz zu neun Jahren Haft wegen Mafiabeihilfe verurteilt. Zudem wurde ihm auf Lebenszeit verboten, ein öffentliches Amt zu bekleiden.

Am Endes des acht Jahre dauernden Prozesses sahen es die Richter als bewiesen an, dass Marcello Dell’Utri seit den 70er Jahren für die sizilianische Cosa Nostra als Vermittler gearbeitet hat – in der Wirtschaft und in der Politik. Sein Ansprechpartner war Silvio Berlusconi. Die Richter sahen außerdem als erwiesen an, dass der Mafioso Vittorio Mangano Mittelsmann zwischen Berlusconi und der Mafia war: Mangano lebte in Berlusconis Villa als Stallmeister – bis eine lombardische Zeitung dies aufdeckte und Mangano Arcore verlassen musste. Später wurde Mangano in Palermo festgenommen und inhaftiert.

Im Jahr 2000 starb der Mafioso im Gefängnis an Krebs. Aufrecht, wie es sich für einen Mafioso gehört: Ohne je Aussagen über Berlusconi oder Marcello Dell’Utri gemacht zu haben. Denn wenn er das getan hätte, wäre dies das Ende von Forza Italia gewesen – und vielleicht auch der italienischen Republik. Deshalb lässt Marcello Dell’Utri keine Gelegenheit aus, den Mafioso für seine Verschwiegenheit zu preisen, so wie jetzt auch. Mangano sei ein Held gewesen: Einer, der, obwohl man ihm Straferlässe in Aussicht gestellt habe, den Staatsanwälten stets eine Aussage verweigert habe: “Er starb für mich”, sagte Dell’Utri bewegt.

Man kann also wirklich nicht sagen, dass einer wie Marcello Dell’Utri, Forza-Italia Gründer, Senator, Europaparlamentarier und rechte Hand Berlusconis, ein Geheimnis daraus gemacht hätte, auf welcher Seite er steht.

Sirenengesänge (canto delle sirene)

Dienstag, 08. April 2008

In einer Woche wird Italien gewählt haben – und bis dahin werden Berlusconi und Veltroni, vulgo Verlusconi, den Italienern versprochen haben, dass sich Wasser in Wein verwandelt, die Mafia in eine gemeinnützige, Spenden sammelnde Organisation und Dioxin in Zuckerwatte; dass man fliegen kann und nie mehr Steuern bezahlen muss, wenn man nur richtig daran glaubt.

In diesen Tagen wird alles eingesetzt, was Beine hat und Stimmen bringen könnte: Berlusconi schlug Giulia Buongiorno, die ehemalige Verteidigerin von Giulio Andreotti, als Justizministerin vor und läßt den ehemaligen sizilianischen Regionalpräsidenten und wegen Unterstützung der Mafia erstinstanzlich zu fünf Jahren Haft verurteilten Totò Cuffaro für den Senat kandidieren.

Ein ganz besonderer Leckerbissen für den Wahlkampf sind natürlich Leute wie Beppe Grillo, Komiker und Führer der außerparlamentarischen Opposition (hierzu auch: Interview in der Frankfurter Rundschau): endlose Wahllisten schmückten sich mit seinem Namen (“Forza Grillo” – “No Euro – Grillos Liste”) – bis Grillo jetzt per Gerichtsbescheid verbieten ließ, seinen Namen zu Wahlkampfzwecken zu benutzen.

Das gleiche gilt für Roberto Saviano: Der junge Journalist und Autor von Gomorrah wurde so lange von allen Parteien belagert, bis er in einem offenen Brief schrieb, dass er nicht die Absicht habe, sich für eine Partei als Kandidat aufstellen zu lassen. In diesem Brief drückte er auch seine Verwunderung darüber aus, dass in den Wahlprogrammen das Thema Mafia keine Rolle spielte. Kurz darauf reiste Walter Veltroni durch Süditalien und verkündete, dass er von der Mafia keine Stimmen annehmen wolle.

Nun ist es so, dass ich persönlich in Italien keinen einzigen Politiker erlebt hätte, der in der Not nicht die Lippen gegen die Mafia geschürzt hätte. Der wegen Unterstützung der Mafia verurteilte Ex-Regionalpräsident Cuffaro hat sogar ein ganzes Buch dazu geschrieben, mit dem Titel: “Die Mafia ist ekelhaft”. Und deshalb fand ich es ehrenwert, dass Roberto Saviano nicht Veltronis Sirenengesängen erlag, sondern kühl entgegnete, Veltroni möge doch einfach Namen nennen – von Politikern, die er im Kampf gegen die Mafia einzusetzen gedenke.

Ach, Italien (Velenitaly)

Montag, 07. April 2008

Der Italiener und ich fuhren gerade im Auto durch das verregnete München, als die Meldung über den italienischen Weinskandal auf Bayern drei verkündet wurde. 70 Millionen Liter Wein, die nur zu einem Drittel aus Wein bestanden, der Rest war mit Schwefel- und Salzsäure versetzt. Il paese dei furbi, sagte der Italiener resigniert, das Land der Schlaumeier, und dann fing er an, sich in Rage zu reden, povera Italia, zischte er, armes Italien, und dass es in Italien einfach zu viele Italiener gäbe, und ich muss sagen: Er tat mir leid.

Ich hätte ihm gerne etwas Positives gesagt, aber mir fiel nur der Müll in Neapel ein und die dioxinverseuchte Mozzarella und die Altitalia, die eine Million Euro am Tag Verlust macht und deren Verkauf an Air France von neun verschiedenen Gewerkschaften verhindert wird, und Berlusconi, der sich anschickt, nicht nur die Wahlen zu gewinnen, sondern sich direttissima gleich auch noch in das Präsidentenamt wählen zu lassen, weshalb uns hier in Italien nicht fünf, sondern zwölf Jahre Berlusconi bevorstehen. Ich hätte dem Italiener gerne gesagt: Schau, immerhin gibt es Walter Veltroni, aber auch das wäre kein Trost gewesen, denn der Italiener hätte erwidert, dass Veltroni höchstens im Vergleich zu einem Parlamentsfossil wie Giulio Andreotti neu und unverbraucht wirke, Veltroni ist seit 1976 Politiker, also seit einer Zeit, als jene, für die er jetzt den Generationswechsel darstellen soll, noch nicht mal gezeugt waren. Und die zwölf Mafiabosse fielen mir auch noch ein, die, weil die Frist ihrer Untersuchungshaft abgelaufen ist, bevor der Prozess beginnen konnte, in diesen Tagen vom Berufungsgericht in Messina wieder auf freien Fuß gesetzt wurden.

Doch das sagte ich nicht. Ich stellte die Sitzheizung an und sagte: Aber in Italien ist es viel wärmer als hier.

Die tote Ecke (l’angolo morto)

Dienstag, 01. April 2008

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Der Drang des Menschen, in eine Sackgasse zu laufen, ist ein Phänomen, das mir in Venedig schon an verschiedenen Stellen aufgefallen ist. Besonders ausgeprägt aber ist dieser Drang am Campo San Fantin, dort wo das Theater La Fenice steht. Wenn man im Antico Martini sitzt und isst, dann hat man Gelegenheit, unzählige Menschen dabei zu beobachten, wie sie in die Ausweglosigkeit laufen und zwar nicht zögerlich, nicht tastend, sondern zielstrebig, mit herausgestreckter Brust. Was keineswegs naheliegend ist, denn dieser Campo führt in sechs verschiedene Richtungen, nach San Marco, nach Rialto, in die Calle della Mandola, hinter die Fenice, in die Calle XXII Marzo – und erst zuletzt in diese tote Ecke, die sich links zwischen dem Theater und dem Antico Martini befindet.

Erst gestern sah ich einen Jogger über den Campo laufen, und als er näher kam, wusste ich: Gleich läuft er in die Ecke. Und so war es. Er trippelte dann kurz auf der Stelle, kehrte wieder um und lief beschämt weiter. Es hat etwas von candid camera, wenn man dasitzt und die Leute unbeirrt in die Sackgasse laufen sieht. Wenn sie merken, dass es nicht weiter geht, lachen sie meist etwas verlegen und machen dann ein Übersprungsfoto vor der Treppe – wodurch diese schöne, aber dennoch völlig durchschnittliche venezianische Treppe zu den meist fotografiertesten Treppen der Stadt gehört.

Jetzt könnte man sagen: Venedig ist ein Labyrinth, die Armen haben sich einfach nur verlaufen! Meine Feldstudien aber haben ergeben, dass sich dahinter keineswegs ein planloses Herumirren verbirgt, sondern Methode. Denn um sich nicht zu verlaufen, würde es reichen, dem Strom der Passanten zu folgen. Genau dies aber scheinen die Menschen, die so entschlossen in die Sackgasse laufen, abzulehnen. Man kann also davon ausgehen, dass es ein ganz bestimmter Menschentyp ist, den man in der toten Ecke wiederfindet: der Non-Konformist. Der auf keinem Fall mit dem Strom mitschwimmen will.