Gerade hat mir eine Freundin erzählt, dass ihr Friseur, der sich in San Marco in einer Seitengasse befindet, demnächst schließt. Die Miete wurde von vier auf zehntausend Euro erhöht – ein Interessent möchte dort ein Bed&Breakfast eröffnen. Ist ja auch einleuchtend. Schließlich reist niemand nach Venedig, um sich hier die Haare schneiden zu lassen.
Archiv: April 2008
Davor und danach (prima e dopo)
Beppe Grillo im deutschen Morgenmagazin, habe ich erst jetzt entdeckt, ist aber nach wie vor aktuell. Und interessant. Schön zu sehen ist, wie Grillo den Übersetzer ins Schwitzen gebracht hat.
Von der Liste der 100 vorbestraften Parlamentariern, die Grillo veröffentlichte, sind übrigens 70 ins Parlament gewählt worden, darunter Salvatore Cuffaro, der wegen Unterstützung der Mafia zu fünf Jahren Haft erstinstanzlich verurteilte ehemalige sizilianische Ministerpräsident. Der sich jetzt als Senator parlamentarischer Immunität erfreut. Er sei glücklich darüber, dass er auf seine Sizilianer immer zählen könne, sagte er nach seiner Wahl. Er wolle die Zeit im Senat jetzt nutzen, um seine juristischen Probleme zu lösen. Sagte er.
Ebola
Dank des Schriftstellers Roberto Alajmo erinnerte ich mich heute an einen Satz des Journalisten Indro Montanelli: Um sich gegen B. zu immunisieren, sollten ihn die Italiener nur einmal an die Regierung wählen.
Sie haben sich jetzt bereits zum dritten Mal erfolglos impfen lassen. B. muss so etwas wie Ebola sein.
amore
“Die Italiener habe ich leider geliebt; sowohl außerhalb der Schablonen der Macht (und sogar in verzweifelter Opposition dagegen) als auch außerhalb der volkstümelnden und humanitären Schablonen. Es handelte sich um eine wirkliche, in meiner Existenzweise wurzelnde Liebe. Ich habe also ‘mit allen meinen Sinnen’ verspürt, wie das von der Herrschaft des Konsums erzwungene Verhalten das Bewusstsein des italienischen Volkes umgemodelt, verformt und unrettbar erniedrigt hat. (…)
Alle meine Leser werden sicher die Verwandlung der christdemokratischen Machthaber bemerkt haben: Innerhalb weniger Monate sind sie zu Totenmasken erstarrt. Zwar stellen sie weiterhin ein strahlendes, unglaublich aufrichtiges Lächeln zu Schau. In ihren Pupillen leuchtet das wahre, selige Licht der gute Laune. Oder aber es handelt sich um das blinzelnde Licht der List und der Schläue. Was den Wählern offenbar genausogut gefällt wie die volle Glücksseligkeit. Außerdem setzen unsere Herrschenden ihren unverständlichen Wortschwall unbeirrt weiter fort, in dem die leeren Worte der üblichen stereotypen Versprechungen treiben.
In Wirklichkeit sind sie eben Masken. Wenn man diese Masken abnehmen würde, bin ich sicher, dass man hinter ihnen nicht mal ein Häufchen Knochen oder Asche fände: Das Nichts wäre dort, die Leere.”
aus: Pier Paolo Pasolini, Freibeuterschriften (Scritti corsari, 1975)
Eine Frau mit Stil (una donna con classe)
Als ich heute morgen mit der Frau des Kommandanten in der Bar am Campo San Luca stand, schlug ich die Brigitte auf. Ich hatte mir das Heft gekauft, weil auf dem Cover stand: Alles über das Haarefärben! Überzeugte falsche Blondinen wie ich können nie genug über das Haarefärben wissen. Auf den ersten Seiten verbarg sich ein Brigitte-Extra: “Zeitlos schön! Wir zeigen die schönsten Outfits für jedes Alter”.
Was soll das denn sein?, fragte Patrizia, und ich erklärte ihr, dass die Brigitte ihren Leserinnen Tipps gibt, wie sie mit dreißig, vierzig und fünfzig richtig gekleidet sind.
Und was ist mit sechzig?
Sechzig gibt es nicht, sagte ich.
Aha, sagte Patrizia und blickte dann auf das Foto einer grauhaarigen Frau neben einer riesigen 50. Die grauhaarige Frau trug ein graues Kleid und eine graue Jacke.
Mit fünfzig wissen wir, was uns steht und was gut sitzt, übersetzte ich.
Und Patrizia sagte: Che cacchio, was so viel heißt wie: Was ist das denn für ein Mist? Warum soll mir als Fünfzigjährige nicht einen Minirock anziehen, wenn ich Lust darauf habe? Und woher will man wissen, dass ich fünfzig bin? Kontrolliert man den Ausweis?
Es ist nur so ein Tipp, sagte ich. Und die Frau des Kommandanten sagte: Komischer Tipp.
Der Italiener wählt
Der Italiener an meiner Seite ist gerade zur Wahl gegangen. Ich bat ihn, mir bei der Gelegenheit vorher noch schnell die Repubblica bei meinem Zeitungshändler am Campo Sant’Angelo zu kaufen, weil der schon mittags schließt.
Ich kann doch nicht mit der Repubblica zur Wahl gehen, sagte der Italiener.
Warum denn nicht, du bist doch kein Ministerpräsident, der bei der Stimmabgabe fotografiert wird, sagte ich.
Ich könnte mit der Repubblica unter dem Arm versuchen, die Wahl zu beeinflussen, sagte der Italiener.
Das meinst du jetzt nicht im Ernst, sagte ich.
Doch, sagte er.
Und das Gleiche gilt für Berlusconis Giornale?
Klar, sagte er. Und telefonini müssen auch abgegeben werden, bevor man die Wahlkabine betritt. Damit man die abgegebene Stimme nicht fotografieren kann.
Und wenn wir in Neapel wohnten, würdest du für deine Stimme vom Boss einen Grill geschenkt bekommen und dreißig Euro dazu, sagte ich.
Ja, sagte der Italiener resigniert. Wenigstens das.
Nachrichten aus dem Wahlkampf in der Gummizelle (notizie della campagna elettorale nella cella imbottita)
Gestern Abend bin ich im Angesicht von Berlusconi eingeschlafen, der seine Wähler mit der Abschaffung einer Kraftfahrzeugsteuer lockte. Es ist das fünfte Mal, dass ich Berlusconi im Wahlkampf erlebe. Es ist die ewige Wiederkehr des Nichts. Oder, um das vielstrapazierte Tommasi di Lampedusa-Zitat aus dem “Leoparden” zu bemühen: Alles muss geändert werden, damit es bleibt wie es ist.
Veltroni griff Berlusconi nicht wegen seines Interessenkonflikts an (größter Medienunternehmer des Landes und Politiker gleichzeitig zu sein), und Berlusconi ersparte sich gröbsten Antikommunismus. Veltroni versprach seiner linken Anhängerschaft, was sie sich wünscht, Berlusconi versprach seiner rechten Anhängerschaft, was sie sich wünscht. Und Beppe Grillo veröffentlichte eine Liste von 100 Parlamentariern, gegen die ermittelt wird, die vorbestraft sind oder deren Verbrechen verjährt sind. Unter dem Titel: “Wenn Du sie kennst, gehe ihnen aus dem Weg”.
Und als ich heute morgen aufwachte, meldete mein Lieblingsradiosender Radio Capital, dass die Staatsanwaltschaft von Reggio Calabria bereits wegen Wahlfälschung ermittele. Die einzigen, die schon gewählt haben, sind die Auslandsitaliener – und genau um deren Stimmen handele es sich: Ermittler hätten ein Telefongespräch zwischen einem kalabresischen Geschäftsmann, der in Venezuela lebt und einem Clan in Kalabrien nahesteht und besagtem Marcello Dell’Utri abgehört, dem (ja, man kann es nicht oft genug betonen) Weggefährten Berlusconis, Forza-Italia Gründer, Senator, Europaparlamentarier und wegen Unterstützung der Mafia erstinstanzlich zu neun Jahren Haft Verurteilten. Der Kalabrese habe Marcello Dell’Utri 50 000 Stimmen gegen das vergleichsweise geringe Entgelt von 200 000 Euro angeboten, plus zukünftiges Entgegenkommen, was die Revision von Mafiaprozessen und die Hochsicherheitshaft für Mafiosi betrifft. Die 50 000 Stimmen der Auslandsitaliener seien die Stimmen von in Lateinamerika lebenden Sizilianern gewesen.
Marcello Dell’Utri entgegnete daraufhin, dass er den kalabresischen Geschäftsmann sehr wohl kenne, ihm aber nie begegnet sei. Und außerdem handele sich wohl nur um den üblichen Wahlkampfwirbel, den er nicht ernst nehmen könne.
Damit endete der Wahlkampf in Italien. Ein Wahlkampf, der nicht in einem Land, sondern in einer Gummizelle stattfand.

Nachtrag zur Schicklichkeit: Auf Wunsch einer Dame hier die inkriminierten Beine. Etwas unscharf, aber besser ging es nicht.

Nachtrag zur Schicklichkeit: Auf Wunsch einer Dame hier die inkriminierten Beine. Etwas unscharf, aber besser ging es nicht.
Woran ich mich in Italien nie gewöhnen werde
Ein Nachtrag zur Ehrlichkeit im italienischen Wahlkampf: Sein Freund und Weggefährte Marcello Dell’Utri habe Recht gehabt, als er den Mafioso Vittorio Mangano als Helden bezeichnet habe, sagte Berlusconi gestern. Denn als Mangano krank im Gefängnis lag, hätten ihm die Staatsanwälte versprochen, das Gefängnis zu verlassen, wenn er etwas über Berlusconi ausgesagt hätte. Indes habe sich der Mafioso diesem Ansinnen heldenhaft verweigert, und mehr noch: Als Mangano in Berlusconis Villa gelebt habe, habe dieser sich einwandfrei verhalten, einzig danach sei er infolge diverser Misslichkeiten in die Hände der organisierten Kriminalität gefallen, und definitive Urteilssprüche lägen gegen den Mafioso Mangano auch nicht vor.
Abgesehen von der petitesse, dass der Mafioso sehr wohl bereits zu 13 Jahren Zuchthaus wegen Drogenhandels und Mafiazugehörigkeit verurteilt war und weitere Urteile unter anderem wegen Mordes noch ausstanden, schockiert mich die Kaltblütigkeit der italienischen Politiker immer noch. Wahrscheinlich sollte ich an mir arbeiten.

verfasst von reski