Hoch leben die falschen Blondinen.
Archiv: April 2008
Grillen (i grilli)
Korrektur: Beppe Grillo hat auf seinem V-2-day 1,3 Millionen Unterschriften für mehr Pressefreiheit gesammelt. Beeindruckend war, wie es die Fernsehnachrichten schafften, diese 1,3 Millionen zu verschweigen und sich stattdessen dem Orang-Utan Petronilla zu widmen.
Zu viel Wasser (troppa acqua)
Obwohl die segensreiche Wirkung des Mineralwassertrinkens unter Experten durchaus umstritten ist, hat sich diese Erkenntnis unter Venedig-Besuchern noch nicht durchsetzen können. Selbst unschuldige Kinder werden missbraucht und geistern mineralwasserflaschenbewaffnet durch die Gassen, angestiftet von der Mineralwassermafia, derzufolge der Mensch vertrocknet, wenn er sich ohne den Schutz einer Flasche Mineralwasser in die Fremde begibt.
In Venedig kann man sogar vereinzelten, von exzessivem Mineralwasserkonsum schwer geschädigten Menschen begegnen, die sich für lebende Kunstobjekte halten. Als ich heute morgen zum Vaporetto in der Calle Vallaresso ging, kam mir eine Frau entgegen, die Lockenwickler trug und Joggingschuhe, um ihre Hüften wand sich ein Patronengürtel, in dem Mineralwasserflaschen wie kleine Handgranaten steckten. Sie trippelte auf der Stelle. Dann nahm sie einen Schluck Mineralwasser, trippelte und trank wieder. Sie trank und trippelte so lange, bis alle ihre kleinen Handgranaten geleert waren. Schließlich verschwand sie im Hotel Luna. Vermutlich musste sie mal.
Die Mineralwasserflasche stellt die Menschheit vor ein ähnlich großes Rätsel wie die schwarzen Löcher im Universum: Wie konnte dieser Irrglaube entstehen? Warum glaubt der Mensch, sobald er reist, sich mit einer Mineralwasserflasche bewaffnen zu müssen? Um den Durst zu löschen? Das kann keineswegs der Grund sein, schließlich nimmt niemand freiwillig abgestandenes, lauwarmes, nach Plastik schmeckendes Mineralwasser aus der Flasche zu sich, wenn sich alle zwei Meter die Möglichkeit bietet, in einem Café gegen ein geringes Entgelt kühles, frisches, sprudelndes Mineralwasser aus einem Glas trinken zu können.
Die Mineralwasserflasche muss einen höheren, gar spirituellen Sinn haben, sonst würden sich nicht ganze Völker mit ihr belasten, sobald sie sich auf Reisen begeben. Auffällig ist, dass sie selten freiwillig aus der Hand gegeben wird. Der Tourist trägt seine Mineralwasserflasche wie ein Schutzschild vor sich her, wie ein Amulett. Doch wovor soll sie ihn schützen? Vor dem bösen Blick der Einheimischen? Vor zu viel Schönheit? Es soll ja Menschen geben, die beispielsweise die Schönheit von Florenz verrückt macht. Eine florentinische Psychiaterin, die Professorin Graziella Magherini, hat 106 Patienten behandelt, die in Florenz unter Schwindel bis hin zu veritablen Nervenkrisen litten, was die Psychiaterin auf allzu intensiven Kunstgenuss zurückführte. Sie verschrieb ihnen leichte Psychopharmaka – und kann die Mineralwasserflasche nicht vielleicht Psychopharmaka ersetzen? Ein Schluck Mineralwasser – und schon lässt sich der Anblick von Michelangelos David leichter ertragen. Besonders, wenn man seinen Ehemann daneben stehen sieht. 
Was empfindet man beim Anblick von Verrocchios geflügeltem Knaben, wenn man mit einen Sohn geschlagen ist, der aussieht wie ein Neufundländer, Schuhgröße 61 trägt und Hosen, die im Schritt bis zum Boden durchhängen? Ein Schluck Mineralwasser, und schon ist der Sohn weggeschwitzt. Was verspürt man beim Anblick der badenden Nymphen eines Palma Il Vecchio (Engelshaar, leuchtender Blick), wenn man selbst an einer geheimnisvollen Drüsenkrankheit leidet, die macht, dass einem Bermudashorts wachsen und weiße Socken in den Sandalen und eine Gürteltasche am Bauch?
Ein Schluck Mineralwasser, und schon ist man unsichtbar. Heißt es nicht auch: „Eine Mineralwasserflasche in der Hand macht schlank“? Man muß nur genügend lauwarmes Mineralwasser zu sich nehmen, dann lässt sich im Urlaub alles ertragen.
Maulwurf (talpa)
Kleiner Nachtrag zu meinem Post über die Ermittlungen über die Wahlfälschung der Staatsanwaltschaft Reggio Calabria: Es handelte sich hierbei ja um eine sogenannte fuga di notizia, also eine undichte Stelle in der Staatsanwaltschaft, die bekannt werden ließ, dass gegen den Berlusconi-Freund, Forza-Italia-Gründer, Senator und wegen Mafiabeihilfe in erster Instanz verurteilten Marcello Dell’Utri ermittelt wurde. Und die Repubblica berichtete heute, dass der Staatsanwalt Nicola Gratteri (der im Übrigen auch die Ermittlungen des Duisburg-Massakers führt) belauscht wurde. Vermutlich von einem Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft. Die Sendeleistung des Abhörgerätes habe nicht weiter als zwanzig Meter gereicht.
V-2-day
Grillos zweiter L.m.a.A-Tag, der V-2-day, hat allein in Turin 120 000 Italiener auf die Piazza San Carlo gelockt (die Fernsehnachrichten verkniffen sich eine Berichterstattung, die Repubblica rechnete auf 50 000 Teilnehmer runter und warf Grillo schmallippig vor, ein “Komiker in der Krise” zu sein). Auf jeden Fall gelang es den Grilli, an einem einzigen Tag 450 000 Unterschriften für eine freie Presse zu sammeln – und jenem Unbehagen Ausdruck zu geben, das die Italiener umtreibt.
Einer der Protagonisten des V-2-day war der Journalist Marco Travaglio – einer der wenigen Enthüllungsjournalisten Italiens: Er schrieb Bestseller über die Mafiaverbindungen Berlusconis, über die nicht erfüllten Wahlversprechen der Linken, über die Geschäfte des ehemaligen Außenministers und Kommunisten Massimo D’Alema – und wurde von den Rechten als Kommunist und von den Linken als Faschist geschmäht. Denn in der italienischen Medienlandschaft Italien gibt es nichts Beunruhigenderes, als nicht einzuordnen zu sein. Hier auch ein interessantes Interview mit Travaglio auf Deutsch.
(Das Video ist leider nur etwas für Absolventen von Italienisch für Fortgeschrittene)
Leckt-uns-am-Arsch-Tag (Vaffanculo-Day)
Heute wird in Italien die Befreiung vom Nazifaschismus gefeiert. Beppe Grillo hat das zum Anlass genommen, zu einem weiteren V-Day aufzurufen, der heute in Turin stattfindet. Beim letzten V-Day versammelten sich mehr als anderthalb Millionen Italiener an 200 Orten, um die Parteien nicht nur zu verdammen, sondern auch per Petition dazu aufzufordern, vorbestraften Parlamentariern das Mandat zu entziehen.
Dieses Mal kämpft die Grillo-Bewegung für mehr Meinungsfreiheit in Italien: Das Netz lässt sich nicht zensieren – anders als die italienischen Fernsehsender und Tageszeitungen, deren Berichterstattung von der politischen Couleur ihres Besitzers gefärbt wird: Die Repubblica gehört dem linksliberalen Finanzier Carlo De Benedetti, einstiger Besitzer von Olivetti, der Fiatkonzern hält sich die Turiner Stampa und die Wirtschaftszeitung „Il sole 24 Ore“, Berlusconi gehören die Zeitungen Il Giornale, Il Foglio, Libero und zudem auch noch drei Fernsehsender. Und die RAI gehört immer demjenigen, der gerade in der Regierung sitzt. Jetzt also wieder Berlusconi.
„Italien ähnelt auf tragische Weise dem Russland Putins. Das ist die Wirklichkeit, sagte Paolo Flores D’Arcais, Philosoph und Herausgeber der Zeitschrift Micromega. „Es gibt nur drei oder vier Fernsehsendungen, die informieren und die angegriffen werden, als ob sie skandalös wären. Der Rest ist systematische Desinformation im Stile Putins.“
Interessant zu beobachten ist, wie Grillos Anhänger von den Linken als Faschisten geschmäht werden, von den Rechten als Kommunisten. Dabei sind die “Grilli” nur kleine, renitente Zellen, die versuchen, Demokratie von unten aufzubauen: Sie veranstalten Mahnwachen vor dem Parlament, klären auf über wieder verwendbare Windeln und erneuerbare Energien und stellen die schmutzigen Geschäfte von Lokalpolitikern genau wie die Mafiaverflechtungen der Parlamentarier an den Netz-Pranger.
Grillo ermutigt die Leute nur dazu, Bürgerinitiativen zu gründen, die hier allerdings suspekt sind, weil sie sich weigern, sich von den herrschenden Parteien vereinnahmen zu lassen.
Leben oder tot (o la vita o la morte)
Ich lebe noch. Und für Herrn Michal bin ich a und z. Und ein bisschen d. Aber auf keinen Fall p. Sicher unterstellt er mir auch v, aber das liegt nur daran, dass er Vorurteile gegenüber falschen Blondinen hat.
Der liebe Gott und die Nageltechnik (Il buon Dio e l’onicotecnica)
Ich habe heute das Thema Religionsfreiheit erörtert, mit Betti, meiner Nageltechnikerin. Wir redeten über Beppe Grillo, den ihr Vater nicht leiden kann. Weil er sich angeblich ein Mal über Religion lustig gemacht habe. Jedenfalls behauptete Bettis Vater das genau in dem Augenblick, als meine Fingernägel oval gefeilt wurden, was so was von out ist, dass es schon fast wieder in ist.
Betti, die Nageltechnikerin, gab zu bedenken, dass sich Grillo vielleicht über Priester lustig gemacht habe und stellte fest, dass dies etwas anderes sei, als sich über Religion lustig zu machen.
Diese Meinung konnte Bettys Vater nicht teilen. Er sagte: Man müsse den Glauben des Anderen respektieren. Und auch die respektieren, die diesen Glauben ausüben, also die Priester. Und diese Feststellung habe um so mehr Gewicht, als er selbst kein Kirchenbank-Küsser sei, er gehe nur ein Mal im Jahr in die Kirche, aber Glaube sei nun mal Glaube, und darüber dürfe man keine Späße machen.
Daraufhin sagte Betti: Also, ich verstehe nicht, warum du jetzt so vehement die Kirche verteidigst, denn so wie ich dich kenne, bist du tatsächlich kein besonders religiöser Mensch, wenn du nur ein Mal im Jahr in die Kirche gehst. Ich würde das bei anderen ja verstehen, ich respektiere den Glauben der anderen, etwa bei denjenigen, die auch noch ehrenamtliche Arbeit machen, aber bei dir wirklich nicht. Du bist nicht gläubig, du bist nur gottesfürchtig, du hast Angst vor Gott, und das haben dir die Priester eingebläut, diese Angst vor Gott. Sie wollen den Menschen klein halten, in Abhängigkeit. Das ist es, was die Priester wirklich wollen und das ist es, worüber man sich sehr wohl lustig machen kann.
Bettis Vater hielt dem entgegen, dass er dennoch religiös sei. Jeden Abend vor dem Einschlafen denke er daran, dass er katholisch sei.
Und Betti sagte: Ja, aber das machst du nur, weil du Angst hast, sonst nicht mehr aufzuwachen. Du bist abergläubisch, mehr nicht.
Als ich wieder in die Gasse trat, war ich eine andere. Meine Finger waren doppelt so lang wie vorher. Jeder Nagel war ein vollkommenes Oval, zartrosa schimmernd wie eine Muschelhälfte. Dann ging ich in die Kirche von San Salvador und spendete der Madonna eine Kerze.
Taubenmassaker (strage di colombi)
Soeben entnahm ich meinem Lokalblatt, dem hoch geschätzten Gazzettino, dass es ab dem 30. April in Venedig verboten ist, Tauben zu füttern. Die Vereinigung der Taubenfutterverkäufer klagt vor dem obersten Verwaltungsgericht gegen diese Entscheidung. Und die venezianische Gesellschaft der Vegetarier hat zusammen mit der venezianischen Tierschützervereinigung einen Protestbrief an den italienischen Staatspräsidenten Napolitano geschrieben – mit dem Titel “Tauben – Schluss mit dem Massaker”.
Gott schütze Italien.
Supersilvio is back
Die Repubblica widmete sich heute ausführlich einem weiteren Fettnapf, in den Supersilvio, vulgo “der Psychozwerg”, zuverlässig getreten ist – in der gestrigen Pressekonferenz mit Wladimir Putin in der Villa Certosa, Berlusconis Besitz auf Sardinien. Nachdem Silvio seinem Freund Wladimir seinen vollautomatischen, per Knopfdruck zu betätigenden Vulkan gezeigt hatte, stellte man sich den Fragen des niederen Volkes. Eine russische Journalistin hatte den Mut, Putin zu fragen, ob er gedenke, sich scheiden zu lassen und die Turnerin Alina Kabaeva zu heiraten. Putin bekam einen Wutanfall und strafte die Journalistin wegen Majestätsbeleidigung ab, und Berlusconi tat so, als würde er zwei Gewehrläufe auf sie richten.
Nun ist es nicht wirklich geschmackvoll, so zu tun, als würde man eine Journalistin erschießen, die aus einem Land kommt, in dem in den vergangenen zehn Jahren 200 Journalisten ermordet wurden. Das viel größere Problem jedoch ist, dass der Psychozwerg in der Presse nun wieder seine Rolle als belächelter Irrer eingenommen hat – ein belächelter Irrer, der über ein belächeltes Land regiert, von dem man im Ausland eigentlich nur wissen möchte, wo seine schönsten Strände, billigsten Hotels und besten Restaurants zu finden sind.
So lange Berlusconi zuverlässig seine Showeinlagen liefert, wird sich niemand die Mühe machen, zu verstehen, was sich hinter der Opera buffa wirklich verbirgt, nämlich ein ängstliches und erstarrtes Land. Ein Land, an dem jeder kulturelle und wirtschaftliche Fortschritt vorbeigezogen ist. Ein Land, in dem ein Zyniker regiert (der wegen Steuerbetrugs, Bilanzfälschung, Mitwirkung in einer mafiosen Vereinigung, Richterbestechung, Mittäterschaft bei Anschlägen angeklagte, geliftete und künstlich behaarte, reichste Unternehmer Italiens) – dem es längst gelungen ist, sich mit einer linken Opposition glänzend zu arrangieren, die sich nach nach außen hin so kämpferisch gibt, als lebte sie noch in den Zeiten der industriellen Revolution, die im Innersten jedoch von dem gleichen Zynismus getrieben wird, wie der Psychozwerg. Es sind Politiker, die nie eine Reform durchsetzen werden, weil sie Wählerstimmen kostet, Politiker, die sich mit der Mafia arrangieren, Politiker, die sich erst dann für ihre Taten verantwortlich fühlen, wenn sie in dritter und damit letzter Instanz verurteilt werden (was so gut wie nie geschieht). Ihr einziger wirklicher Feind ist die Justiz – weshalb allen Staatsanwälten, die in der letzten Zeit gegen Politiker ermittelt haben – etwa gegen den ehemaligen Außenminister und Linksdemokraten Massimo D’Alema oder gegen den ehemaligen Justizminister Mastella – die Ermittlungen entzogen worden sind.
Das ist Italien. Aber es ist natürlich lustiger, über Berlusconis Fettnäpfchen zu schreiben. Ich kann das verstehen.

verfasst von reski
