Archiv: März 2008

Essen in Venedig (mangiare a Venezia)

Freitag, 07. März 2008

Ich kenne niemanden, der mich nicht nach Geheimtipps gefragt hätte, als er erfuhr, dass ich in Venedig lebe. Accademia hin, Biennale her: Es gibt nichts, was Venedigbesucher mehr interessiert. Der bedeutende! Kunstkritiker! mag so tun, als bewege ihn nichts als das Venedigbild in Vanvitellis Veduten, gleich wird er sich zu mir hin beugen und flüstern, dass er demnächst mit seiner Frau nach Venedig … und ob ich nicht … Und was mache ich? Ich presse die Lippen zusammen. Nicht weil ich befürchte, in meinen Lieblingsrestaurants dann keinen Platz mehr zu bekommen, sondern weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass Restaurants weniger nach kulinarischen als nach ideologischen Gesichtspunkten ausgewählt werden: Man isst nicht, sondern man glaubt. Und man glaubt venezianischen Lokalen nur, wenn sie

1. Papiertischdecken haben
2. erst nach drei Stunden Herumirrens zu finden sind
3. mit unter der Decke hängenden Kupferpfannen dekoriert sind
4. sich Osteria nennen
5. jede Menge Knoblauch und Zwiebeln servieren, vulgo “Arme-Leute-Küche”
6. nur von echten Venezianern besucht werden

Empfehle ich ein Restaurant, das nicht mindestens über zwei dieser Qualitäten verfügt, also über Zwiebelringe oder Kupferpfannen oder echte Venezianer, gilt es als Touristenfalle, die man fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Nun ist es so, dass in Venedig 40 000 Venezianer leben (großzügig geschätzt) und jährlich 20 Millionen Touristen. Die Wahrscheinlichkeit, in venezianischen Restaurants auf den (stets von Touristen geschmähten) Touristen zu treffen, ist also sehr hoch. Was ich aber verschweige. Weil ich gerade höre, wie Venedigbesucher mir begeistert davon erzählen, dass sie nach langem Suchen ein Restaurant in einer allerliebst schmalen Gasse gefunden haben, ein bescheidenes Restaurant, wo an blanken Holztischen einfache Küche serviert wird. Ich presse die Lippen weiter zusammen, weil ich weiß, dass sie damit eine der unzähligen Folklorefallen meinen, die auf den politisch korrekt Reisenden warten, der den Kontakt mit der einfachen venezianischen Bevölkerung sucht. Und wo verkochte Spaghetti, industriell gefertigte Lasagne und tiefgefrorene Fertigkuchen serviert werden: Wer drei Stunden braucht, um das Restaurant zu finden (im Dunkeln und ohne Lesebrille), neigt dazu, alles zu essen, was ihm serviert wird – Fertignocchi, die in der Mikrowelle aufgewärmt wurden, weil viele der einfachen Restaurants nicht mal eine Küche haben, venezianische Meeresfrüchte-Vorspeisen aus der Tiefkühltruhe und industriell gefertigtes Stockfischmus, baccalà, das mit Mehl gestreckt und mit Knoblauch (!) abgeschmeckt wurde. Nur wenigen Menschen gelingt es, zwischen frischem und tiefgefrorenem Fisch zu unterscheiden, selbst den typischen Ammoniakgeruch, den scampi verströmen, wenn sie nicht mehr frisch sind, nimmt man nicht wahr, wenn Zitrone darauf geträufelt wurde.

Tatsache ist, dass gutes Essen nicht billig sein kann. Denn bereits die Zutaten sind teuer, frischer Qualitätsfisch hat seinen Preis, die Verarbeitung ist mühselig, stundenlang steht die Köchin am Morgen in der Küche, löst die scampi für den fritto misto aus der Schale, anstatt sie geschält und tiefgefroren in der Tüte zu kaufen. Sie wird die alici, die Sardellen, selbst ausnehmen und mit Zitrone und Thymian marinieren und sie nicht in der großen Plastikwanne von der Lebensmittelindustrie anliefern lassen, sie wird für die panna cotta kein Fertigpulver verwenden, sondern sie selbst anrühren und über Stunden im Ofen stocken lassen. Kellner sind ebenfalls nicht billig, jedenfalls dann, wenn sie mit Eleganz und Leidenschaft ihr Metier ausüben. Erst recht nicht in einer Stadt, in der vom Kellner über das Tischtuch bis hin zur Thunfischdose alles per Boot transportiert werden muss. Und wo die Mieten höher sind als in New York.

Ich habe noch nie gehört, wie sich jemand über die hohen Preise eines Restaurants im Empire State Building beschwert hat. Dem Venezianer aber begegnet man mit Argwohn, das hat eine lange Tradition. Schon Goethe hätte in Venedig gerne aufgeräumt. Am 1. Oktober 1786 schrieb er:

“Ich ging und besah mir die Stadt in mancherlei Rücksichten, und da es eben Sonntag war, fiel mir die große Unreinlichkeit der Straßen auf. Die Leute schieben den Kehrig in die Ecken, auch sehe ich große Schiffe hin und wider fahren, die an manchen Orten stille liegen und das Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers bedürfen. Ich konnte nicht unterlassen, gleich im Spazierengehen eine Anordnung zu entwerfen und einem Polizeivorsteher, dem es Ernst wäre, in Gedanken vorzuarbeiten. So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu kehren”

whistling in the dark

Donnerstag, 06. März 2008

 “’If you regard it as an excercise in whistling in the dark, you will understand its brilliance.’ Schöner kann man den Geisteszustand einer Bloggerin nicht beschreiben.”

Weiter bei der Stilpäpstin.

Il santone

Dienstag, 04. März 2008

pio1.jpg

 

Padre Pio wurde exhumiert – in Anwesenheit zweier miracolati, durch Padre Pios Wunder Geheilter, acht Großnichten und Großneffen, Ärzten, Angehörigen des kirchlichen Heiligsprechungstribunals, sowie des Erzbischofs Domenico D’Ambrosio – der sich glücklich schätzte, davon berichten zu können, dass Padre Pio auch vierzig Jahre nach seinem Tod noch völlig intakt sei, samt Bart, Augenbrauen und Fingernägeln. Die im Übrigen so gepflegt seien, dass man meinen könne, der Heilige käme gerade von der Maniküre. Das einzige, was fehlt, sind die Wundmale, ein doch fundamentaler Bestandteil des Padre Pio – Wundmale, die wie der Historiker Sergio Lutazzo schrieb, weniger auf die Heiligkeit, als auf den gezielten Einsatz von Karbolsäure zurückzuführen seien: Padre Pio war Stammkunde in der Apotheke von San Giovanni Rotondo.

Fünf Gutachter sollen nun feststellen, ob Padre Pio an sich herumgeschummelt hat oder ob der Heilige Geist für den Ausschlag sorgte. 

Es ist hingegen kein Wunder, dass Padre Pio der Lieblingsheilige der Mafia ist. Er wird über alle Maßen von Bernardo Provenzano verehrt, jenem Boss, der vierzig Jahre lang untergetaucht war, bis er vorletztes Jahr festgenommen wurde. Padre Pios Statue steht überall – in Sizilien, in Kampanien, in Kalabrien. Überlebensgroß wacht er über Plätze und Vorgärten, hinter Glas, aus Bronze oder aus Zement gegossen.

Und da man sich schon einmal die Mühe gemacht hat, den Heiligen wieder auszugraben, wird er demnächst auch ausgestellt: Ab dem 24. April ist er in San Giovanni Rotondo zu besichtigen. Bekleidet mit einer Kutte und der violetten Schärpe des Beichtvaters.

Die Suche (la ricerca)

Montag, 03. März 2008

Die Stilpäpstin hat mich zu einer schonunglosen Innenansicht inspiriert: Was suchen die Leute in reskisrepublik?

Glaubt man der Blogstatistik, dann suchen sie germanische gürtelschnallen, stöckelschuhe aus fimo, bleistiftabsätze stilettos, zu viel magensäure, straffe oberschenkelinnenseiten, videos den arsch einer strengen dame lec. Ein paar suchen auch nacktdie externsteine , beppe grillo müll nach deutschland und straferlass mastella.

Einer suchte ich liebe dich. Das hat mich getröstet. Sonst hätte ich mir Sorgen um meine Leserschaft gemacht. 

O sole mio

Sonntag, 02. März 2008

Che bella cosa ‘na jurnata ‘e sole,
Wie schön ist ein sonniger Tag,
n’aria serena doppo na tempesta!
Heitere Luft nach einem Sturm!
Pe’ ll’aria fresca pare già na festa
Schon wegen der frischen Luft scheint es ein Fest …
Che bella cosa ‘na jurnata ‘e sole
Wie schön ist ein sonniger Tag
Ma n’atu sole cchiù bello, oi ne’
Aber eine andere Sonne,viel schöner, Liebste,
O sole mio sta ‘nfronte a te!
Meine Sonne, scheint in deinem Gesicht!
‘O sole, ‘o sole miosta ‘nfronte a te
Aber eine andere Sonne,viel schöner, Liebste,
sta ‘nfronte a te!
Meine Sonne, scheint in deinem Gesicht 

Wenn man als Anwohner eines venezianischen Kanals damit geschlagen ist, O sole mio vierundzwanzig Mal täglich zu hören, gesungen von einem Rentner, der bereits um sieben Uhr morgens seinen ersten Spritz getrunken hat, dann tendiert man dazu, O sole mio zu verabscheuen. Dabei hat es das Lied nicht verdient. Denn nichts erklärt die italienische Seele besser – die immer heiter und melancholisch zugleich ist.

Hier in der legendären Aufnahme von Enrico Caruso, 1916.

I-Phone

Samstag, 01. März 2008

Ich habe mir ein I-Phone gekauft. Weil es so schön aussieht. Weil  es in der Hand liegt, wie ein Stück Seife. Weil man damit spielen kann. Weil ich keine Lust mehr hatte, mit einem Blackberry, einem Palm und einem handy durch die Welt zu reisen, plus zugehöriger Kabel. Weil mein alter Blackberry nicht mit meinem neuen Mac kompatibel war. Weil mein alter Palm nicht mit dem neuen Mac kompatibel war. Weil die Welt einfacher werden sollte, mit einem I-Phone. Die Welt ist aber nicht einfacher geworden. Die Welt ist ein Alptraum. Hat jemand schon mal versucht, eine sms, geschweige denn eine Mail, mit dem I-Phone zu tippen? Ich versuchte es. Ungefähr drei Stunden lang. Danach habe ich das I-Phone in den Kanal geworfen. Ich traf einen Gondelserenadensänger am Kopf. O sole mio.