So viel zur Farbe lila in Italien. Hier auf der Karfreitagsprozession von Trapani.
Archiv: März 2008
Ostern (Pasqua)

Heute war ich mit meiner Freundin Patrizia bei La Perla. Ich hatte im Schaufenster ein lila Kleid gesehen, ein sehr schön geschnittenes Etuikleid in einem kräftigen, fast schon elektrisch aufgeladenem Lila, sehr apart. Zumal als Blondine, als überzeugte, falsche, they-never-come-back-Blondine. Lila und Blond, das ist so wie Schwarz und Weiß oder wie Italien und Tomaten, eine Blondine ohne Lila ist eigentlich gar nicht denkbar.
Die Verkäuferin legte das lila Kleid so ehrfürchtig auf die Verkaufstheke, als handele es sich nicht um ein lila Kleid, sondern um ein Altartuch. Sie machte einen Schritt zurück, versank kurz im Anblick des Kleides und sagte: Lila ist in diesem Jahr sehr modisch. Man kommt im Grunde gar nicht ohne aus!
Es ist ja eher ein schönes kräftiges Violett, sagte Patrizia, denn sie ist nicht nur Ehefrau eines Polizeikommandanten und legt in dieser Eigenschaft Wert auf eine gewisse Genauigkeit, sondern sie ist auch Apulierin. Süditalienerinnen sind eine etwas konzentrierte Ausgabe von Italienerin und lieben kräftige Farben. Rot, orange, türkis. Und, warum auch nicht, in diesem Jahr auch lila.
Ich zog das Kleid an. Es war kein bad hair day und das Licht in der Umkleidekabine war auch günstig, aber dennoch bekam ich Zweifel. Macht die Farbe etwa blass? Vielleicht war das Licht in der Umkleidekabine doch nicht so günstig. Ich schob den Vorhang zur Seite, ging zu dem Spiegel im Verkaufsraum und stellte fest: Lila macht mehr als blass. Ich sah aus wie jemand, der eine Woche lang vermisst und dann tot an ein Flussufer gespült worden war.
Die Frau des Kommandanten blickte mich so erschrocken an, als sei ihr der Leibhaftige erschienen. Sie zog den Kopf ein und hielt die Hände abwehrend vor das Gesicht. Sie war kurz davor, ein Kreuz zu schlagen und sagte: Nein! Und ich sagte auch: Nein! Nur die Verkäuferin sagte: Das liegt an Ihrem Lippenstift. Ein helles Rosa, und schon sieht das Kleid ganz anders aus.
Ich will aber keinen rosa Lippenstift. Also zog ich das lila Kleid wieder aus. Und ließ mir ein schwarzes bringen, was mir auch ganz ausgezeichnet stand, weshalb ich es unverzüglich kaufen musste.
Als wir über den Campo San Luca wieder nach Hause gingen, war Patrizia immer noch ganz mitgenommen von dem Anblick des violetten Kleides. So eine grauenvolle Farbe! Wie kann man nur auf so eine Idee kommen? Und erst als ich am Campo Sant’Angelo vor der kleinen Kapelle stand, an der das Schild Pane per i Poveri hängt, fiel mir wieder ein, dass Pfarrer bei Beerdigungen violette Schärpen tragen. Und zur Beichte. Violett ist die Farbe des Leidens und des Sterbens. Es ist die Farbe des Gründonnerstags, der Einsetzung des Abendmals, des Karfreitags, der Kreuzigung Christi, es ist die Farbe der Buße. Der Passion. Es gibt Italiener, die nehmen keine 500-Euro-Scheine an, weil die wegen ihrer Farbe verflucht sind.
Als Modefarbe hat Lila in Italien keine Chance.
Zahlen (numeri) II

Der Gazzettino (die venezianische Prawda) verkündete, dass Venedig im letzten Jahr erstmals von 21 Millionen Touristen besucht wurde, also von einer Million Touristen mehr als im Jahr zuvor. Davon blieben 8 Millionen über Nacht, die restlichen 13 Millionen waren Tagestouristen, vulgo mordi e fuggi, Beiss-rein-und-hau-ab-Touristen. Nein, ich werde mich jetzt nicht beschweren. Seid willkommen, Millionen. In Veniceland.
Zahlen (numeri)
Ich habe heute in der Zeitung “Antimafiaduemila” geblättert, einer Zeitung, die ihren Abonnenten immer in einem auffällig unauffälligen Umschlag geschickt wird, ganz so, als handele es sich um ein Pornoheft und nicht um eine Zeitung, die mit großem Idealismus und Hingabe von einer Handvoll Journalisten gemacht wird. Die einzige Schwäche der Zeitung besteht darin, dass sie schwarze Finger macht und die Artikel nie aufhören. In einem sehr, sehr langen Artikel über Kalabrien (remember: das Massaker von Duisburg) fand ich eine Zahl, die ich für durchaus bemerkenswert halte: In Kalabrien gehören 25 Prozent der Bevölkerung zur ‘Ndrangheta (der kalabresischen Mafia), also ein Viertel (!) der Bevölkerung. Es handelt sich dabei nicht um Sympathisanten, nicht um stillschweigende Helfer, sondern um affiliati, also ordnungsgemäß aufgenommene Mitglieder der Mafia. Im Vergleich dazu: In Kampanien gehören 12 Prozent zur Camorra, in Sizilien 10 Prozent zur Mafia, und in Apulien sind es bescheidene 2 Prozent, die zur Sacra Corona unita gehören. Ich kann mir so gut wie nie etwas unter Zahlen vorstellen, aber hier muss man ja nur zählen: eins, zwei, drei, vier.
Ich ohne dich III
Sie fiel mir auf, weil sie silberne Schuhe trug, die vorn ausgeschnitten waren. Engländerinnen tragen in Venedig immer offene Schuhe, egal ob es stürmt oder schneit. Die Absätze waren mindestens zehn Zentimeter hoch. Wenn sie lief, dann schwankte sie wie bei hohem Wellengang. Er trug eine auf antik getrimmte Lederjacke und zu viel Gel in den Haaren. Sie setzten sich an einen Tisch direkt am Wasser, hielten sich an den Händen, blickten auf den Canal Grande und glaubten, sie wären allein auf der Welt. Und vielleicht waren sie das auch. Bis er zu ihr sagte: Aber irgendwann war ich nicht mehr dein Held. Da fing sie an zu weinen. Und hörte nicht mehr auf. Sie weinte in in ihre Taschentücher, und als ihre Taschentücher verbraucht waren, weinte sie in seine Taschentücher, dann weinte sie in ihre Servietten, und als die Servietten nass waren, brachte der Kellner einen Stapel Papierservietten, und sie weinte den ganzen Stapel durch. Und als sie ging, sah man im Dunkeln nichts anderes als ihre silbernen Füße.
Reich werden (diventare ricco)
Es ist keine Kunst, mehr zu verdienen, als eine freischaffende Journalistin. Jeder Klempner verdient mehr als ich. Ich kann auch damit leben, dass meinem Freund Clemente Mastella (siehe auch: Amore I), dem ehemaligen Justizminister, angeklagt wegen Amtsmissbrauchs und Erpressung, sein Rücktritt mit 300 000 Euro versüßt wurde. Denn um diese Ablösesumme zu verdienen, muss man über ein gewisses Maß an krimineller Energie verfügen, und das ist nicht jedermanns Sache. Ganz legal reich werden jedoch kann man als Taubenfutterverkäufer am Markusplatz.
Wie das Denkmalschutzamt gestern bekannt gab, verdienen venezianische Taubenfutterverkäufer im Jahr 300 000 Euro, schwarz. Durchschnittlich 1000 Euro pro Tag. Und das ohne jedes Risiko: Der Rohstoff, das Körnerfutter, kostet pro Zentner etwas zwischen 17 und 27 Euro, ein Zentner Körner verwandelt sich (das ist jetzt nichts für Leute, die schon in der Schule an Textaufgaben scheiterten) in 1000 Taubenfuttertüten, bei einem Durchschnittsgewicht von 100 Gramm pro Tüte, die zu einem Preis von einem Euro an den Touristen verkauft werden.
Für Taubenfutterverkäufer ist der Markusplatz also eine Goldmine – die von 19 Verkäufern ausgebeutet wird, welche sich an 10 Verkaufsständen abwechseln, nicht mehr, nicht weniger: Die Taubenfutterverkäufer sind so etwas wie der Hartmannbund, eine Taubenfutterverkaufslizenz kann nicht erworben werden, sondern nur vererbt: Die venezianische Stadtverwaltung stellt keine neuen mehr aus, weil sie auf die im Vergleich zu den Tauben geringere Fruchtbarkeit der Taubenfutterverkäufer hoffte, um auf diese Weise der Taubenplage Herr zu werden. Weil dies aber erst schätzungsweise in 100 Jahren der Fall sein und der Markusplatz bis dahin in Taubenscheiße erstickt sein wird, bietet die venezianische Stadtverwaltung zusammen mit dem Denkmalschutzamt nun den Taubenfutterverkäufern ein Geschäft an: Wer auf seine Lizenz verzichtet, dem wird eine Ablösesumme zwischen 50 und 100 000 Euro gezahlt – ausgehend von den Einkommenserklärungen der Taubenfutterverkäufer, die als Verdienst nicht mehr als 1000 Euro pro Monat versteuern.
Mir stellen sich zwei Fragen:
Erstens: Warum sollten sich die Taubenfutterverkäufer auf ein solches Geschäft einlassen?
Zweitens: Warum bin ich keine Taubenfutterverkäuferin geworden?
Tempo III



Und so sieht das aus, wenn Giuseppe Riina, der jüngste Spross des wohl blutrünstigsten Mafiabosses aller Zeiten, das Gefängnis verlässt: in Kaschmirpullover und Daunenweste von Moncler. Mafiosi legen Wert auf Markenware. Deshalb auch der Mercedes S-Klasse (ab 70 000 Euro aufwärts). Rein theoretisch ist es so, dass der gesamte Besitz der Familie Riina beschlagnahmt wurde. Rein theoretisch.
Fotos: courtesy by Ansa
Tempo II
Und vor zehn Tagen wurde der Mafioso Giuseppe Riina wieder freigelassen, einer der Söhne des Mafiabosses Totò Riina. Auch Giuseppe Riina profitierte von der sprichwörtlichen Langsamkeit der italienischen Justiz: Zwischen dem Urteil der ersten und der zweiten Instanz dürfen nicht mehr als zwei Jahre liegen. Obwohl rechtskräftig zu acht Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt, durfte Giuseppe das Gefängnis verlassen, weil zwischen erstem und zweitem Urteil drei Jahre lagen. Draußen erwartete ihn seine Mutter Ninetta, die ihn unverzüglich in die Arme schloss. Dann fuhren beide in einem Mercedes nach Corleone zurück.
Giuseppe Riina kündigte an, demnächst vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen. Und dort wegen der exzessiven Länge seiner Haft den italienischen Staat zu verklagen.
Tempo I
Heute berichtete die Repubblica, dass es ein Richter im sizilianischen Gela in acht Jahren nicht schaffte, die Urteilsbegründung zu einem Mafiaprozess zu schreiben – weshalb die vier verurteilten Mafiosi auf freien Fuß gesetzt wurden und unverzüglich ihr Tagwerk wieder aufnahmen. Der Richter wurde zwar vom Obersten Richterrat bereits ermahnt – was aber sein Arbeitstempo keineswegs beschleunigte. Was vielleicht auch an der Milde der Strafe liegt: Der Richter wurde bestraft, indem ihm zwei Jahre seines Dienstalters gestrichen wurden.
Vielleicht wollte er ja jünger werden.
Ah, la Germania!
Ich hatte hier in Italien schon alle Mühe, die Sache mit dem Zumwinkel und der Liechtenstein-Connection zu erklären, meine Argumentation ging im weitesten Sinne in die Richtung, den Unterschied zwischen italienischer und deutscher Korruption hervorzuheben, der darin liege, dass in Deutschland anders als in Italien immer alles bestraft werde. Ich hob hervor, dass es sich bei Zumwinkel um einen bedauerlichen Einzelfall handele. Und was Liechtenstein betrifft: ein paar ganz vereinzelte Fälle. Die sofort und mitleidslos geahndet würden. Und die keineswegs Rückschlüsse auf eine grundsätzliche Anfälligkeit der Deutschen für Bestechlichkeit zuließen. Damit schaffte ich zumindest, den Italiener an meiner Seite zu überzeugen. Der, was nicht zuletzt der Bekanntschaft zu mir zu verdanken ist, allerdings ohnehin dazu tendiert, ein eher positives Deutschlandbild zu pflegen, demzufolge
1. Alle Deutschen sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen
2. Deutsche Züge nie Verspätung haben
3. Jeder, der auf dem Fahrradweg steht, umgebracht wird
Und dann fahre ich mit dem Italiener an meiner Seite nach Berlin, und was passiert? Busse und U-Bahnen streiken. Ist das der Vorführeffekt? Oder ist Deutschland in meiner Abwesenheit verlottert?

verfasst von reski
