Archiv: März 2008

Antworten, die ich gerne gegeben hätte

Montag, 31. März 2008

Spiegel: Seine Person, die Person Ihres Buches, bleibt rätselhaft.
Reza: Ja, das ist auch gut so.
Spiegel: Jeder Mensch ist rätselhaft, das ist doch banal. Warum haben Sie nicht versucht, Sarkozy in seiner Komplexität zu deuten?
Reza: Banal ist, eine rätselhafte Persönlichkeit zu vereinfachen.

(Die Schriftstellerin und Dramatikerin Yasmina Reza im Spiegelgespräch über ihr Sarkozy-Portrait. Leider nicht online.)

Engel (angeli)

Samstag, 29. März 2008

engel.jpg

Einerseits: Dioxin. In der Lagune und in der Mozzarella und wahrscheinlich auch in Berlusconis Haaren und ganz bestimmt in Andreottis Buckel.

Andererseits: Die Sonne scheint. Und es gibt Engel, die uns zugucken.

Mozzarella II

Freitag, 28. März 2008

Hinzuzufügen ist, dass ich als Bewohnerin der dioxinverseuchten venezianischen Lagune es ohnehin nicht nötig habe, eine mozzarella zu essen, um an ein meine tägliche Ration Gift zu kommen. Venezianische Fischesser und Petrochemiearbeiter haben eine doppelt so hohe Dioxinbelastung im Blut wie Arbeiter einer Müllverbrennungsanlage. Das wurde bereits 1999 in einer Untersuchung festgestellt – ein Jahr, nachdem der Prozess gegen die Manager der Petrochemieanlage von Marghera begann, der sie der Verseuchung der Lagune durch Giftmüll bezichtigte.

Und heute stellten Forscher in Venedig fest, dass die Lage unverändert ist: Ein Venezianer, der sich drei mal in der Woche von Fisch ernährt, schadet seiner Gesundheit genau wie ein Arbeiter, der sein Leben in einer Chemieanlage verbringt.

Dazu sagt Bürgermeister Cacciari übrigens nichts.

Mozzarella

Donnerstag, 27. März 2008

Die Mozzarella ist in Gefahr. Oder besser: Es besteht eine Mozzarellagefahr. Erst waren es die Südkoreaner, dann die Japaner, die wegen der zu hohen Dioxinbelastung die Einfuhr von Büffelmozzarella verboten. Und jetzt haben sich dem Mozzarella-Boykott auch noch die Amerikaner und die Engländer angeschlossen. Hysterie – sagen Landwirtschaftsminister, Außenminister und Gesundheitsminister, alle Befürchtungen seien übertrieben und Frucht einer bösartigen anti-italienischen Medienverschwörung, und um die Gesundheit zu gefährden, müsse man 1300 Kilo Büffelmozzarella am Tag essen – und das vierzehn Tage lang.

Man frage sich jedoch, warum der Mozzarella-Alarm aus Südkorea und Japan kommen musste – und nicht aus Italien, wo doch immerhin 84 Prozent der Mozzarella verzehrt werden, stellt der Repubblica-Kommentator Andrea Bonnani fest. Denn bis gestern waren die Zeitungen noch voll mit Reportagen über die Dioxinbelastung Kampaniens. Und darüber, dass die Lebensmittelindustrie Kampaniens in der Hand der Camorra ist.

Aber jetzt ist Wahlkampf – und da mutiert der verpestete Mozzarella zum gefundenen Fressen für die Rechte, die den (linken) Regionalpräsidenten Antonio Bassolino für die seit fünfzehn Jahren dauernde Müllkrise in Neapel und damit für die Dioxinbelastung verantwortlich machen. Und die Linke versucht sich hektisch den Mozzarella wieder verdaulich und Bassolino schön zu reden, weil beide in Kampanien schon genug Stimmen kosten. Und Bassolino sieht kein Dioxin in der Mozzarella, sondern Rassismus überall und speziell gegen ihn – gegen den er bereit sei, zu Felde zu ziehen.

Ich jedenfalls esse seit meiner letzten Neapel-Reportage keine Mozzarella mehr.

Halterlose Strümpfe (autoreggenti)

Mittwoch, 26. März 2008

Die Stilpäpstin beschreibt heute die Lage des halterlosen Strumpfs in Deutschland.

In einem Land wie Italien, wo sich die katholische Kirche unendlich um die Erotik verdient gemacht hat, gelten 70-Den-Strumpfhosen als Todsünde. Die Italienerin trägt schwarze, halterlose Strümpfe, denn was ist Sex ohne Sünde? Gymnastik. Erotik, das ist ein kleines elektrisierendes Geräusch, wenn man die Beine übereinanderschlägt, ein kleines Schuldgefühl. Das ist: Du-darfst-nicht-du-mußt-du-kommst-in-die-Hölle.

telefonini

Dienstag, 25. März 2008

telefonini.jpg

Als ich neulich im Antico Martini zu Abend aß und am Nebentisch den Mann mit vier telefonini, dem Palm und der Pillenschachtel sah, da fragte ich mich, ob dieser Mann gerade gegen die Befürchtung arbeitete, sich in ein Trugbild zu verwandeln. Er wäre nicht der erste, den diese Sorge in Venedig überfallen hätte.

“Es gibt in Venedig mit Sicherheit einen Mangel an Realität, der es unheimlich macht” schrieb Sartre. “Es wirkt wie ein aus einem blassen Spiegeln des Himmels im Wasser entstandenes Trugbild. Und ich fühle mich sehr oft selbst wie ein Trugbild. Alles wird verschwinden: bleiben wird das Wasser.”

(aus: Die Königin Albemarle oder Der letzte Tourist)

Auferstehung (risurrezione)

Sonntag, 23. März 2008

prozession.jpgSo etwas kann nur eine Protestantin fragen: Warum man am Karfreitag keinen Kaffee trinken sollte, weil man einen Toten zu Hause hat. Wo bitte liegt zu Hause ein Toter herum, fragte mich meine Freundin G. aus Hamburg.

Deshalb hier die Antwort: Für italienische Katholikinnen ist Jesus ein Verwandter. Und die Kirche das Zuhause.

Aber jetzt ist der Tote schon wieder verschwunden, denn er ist auferstanden, Ihr heidnischen Seelen!

Ich ohne dich IV

Sonntag, 23. März 2008

Mi sono innamorato di te
perché
non avevo niente da fare
il giorno
volevo qualcuno da incontrare
la notte
volevo qualcosa da sognare
Mi sono innamorato di te
perché
non potevo più stare solo
il giorno
volevo parlare dei miei sogni
la notte
parlare d’amore
Ed ora
che avrei mille cose da fare
io sento i miei sogni svanire
ma non so più pensare
a nient’altro che a te
Mi sono innamorato di te
e adesso
non so neppur io cosa fare
il giorno
mi pento d’averti incontrata
la notte
ti vengo a cercare.

Ich habe mich in dich verliebt, weil ich nichts zu tun hatte, singt Luigi Tenco. Am Tag wollte ich jemanden treffen, nachts wollte ich etwas zum Träumen. Ich habe mich in dich verliebt, weil ich nicht mehr allein sein konnte. Am Tag wollte ich über meine Träume sprechen, nachts wollte ich über die Liebe reden. Und jetzt, wo ich tausend Dinge zu tun hätte, fühle ich, wie sich meine Träume auflösen, und ich kann an nichts denken, an nichts anderes als an dich.

Ich habe mich in dich verliebt, und jetzt weiß ich nicht mehr, was ich tun soll. Am Tag bereue ich, dich getroffen zu haben. Und nachts suche ich nach dir.

Buchhändler in Veniceland (librai a Veniceland)

Samstag, 22. März 2008

Gerade komme ich aus einer Buchhandlung hier in San Marco, sie existiert seit 150 Jahren und steht jetzt vor der Schließung, weil die Pacht von 1000 auf 5000 Euro erhöht wurde.

Nur Modeschöpfer wie Dolce&Gabbana oder Prada können sich solche Mieten leisten, sagte die Buchhändlerin. Denn selbst wenn niemand in diesen Läden einkauft, lohnt sich das Geschäft, weil sich schon das Schaufenster in Venedig als Werbung bezahlt macht. Mit Büchern allein kann man hier nichts verdienen, sagte sie und fügte hinzu: Wahrscheinlich bleibt uns nichts anderes übrig, als Karnevalsmasken und Muranoglas zu verkaufen.

Und das war nicht ironisch gemeint, denn unweit des Markusplatzes hat eine renommierte Kunstbuchhandlung nun ein Schaufenster eingerichtet, in dem Muranoglaskettchen und Masken angeboten werden: Auch dieser Buchhandlung war die Pacht verfünffacht worden – und nur dank des Verkaufs von Muranoglaskettchen kann sich der Buchhändler noch leisten, Bücher über Canaletto anzubieten.

Das tägliche Leben ist in Venedig schon lange nicht mehr vorgesehen, sagte die Buchhändlerin, es gibt hier keine Gemüsehändler mehr, keine Bäcker, keine Fleischer.

Und ich erinnerte mich daran, wie der venezianische Bürgermeister Cacciari wütend geworden war, als ich ihn in einem Interview nach dem Aussterben der Stadt gefragt hatte. Er, der ehemalige Kommunist, belehrte mich, dass die Marktgesetze dafür verantwortlich seien: Es gibt Gesetze, schrie er, und einen freien Markt! Wollen wir die Sowjetrepublik oder den freien Markt? Es erbitterte ihn, sich zu den venezianischen Niedrigkeiten äußern zu müssen. Er wollte die Welt erklären und nicht, warum es in San Marco keine Bäckerläden mehr gibt. Das ist Geschwätz, sagte er, venezianisches Geschwätz!

Ich habe dann das Buch “Mani sporche” gekauft, “Schmutzige Hände”, ein Buch, das auf 970 Seiten beschreibt, wie die italienische Politikerkaste von links bis rechts ihr Land in den letzten sieben Jahren aufgefressen hat. So viel zum venezianischen Geschwätz. Und während die Buchhändlerin das Buch einpackte, erzählte mir ihr Mann, wie neulich Abend zwei Touristen atemlos in die Buchhandlung gestürzt seien und nach dem schnellsten Weg zur Piazzale Roma gefragt hätten. Der Buchhändler erklärte ihnen den Weg und schlug ihnen vor, anstatt zu Fuß zu laufen, ein Vaporetto zu nehmen, die Vaporetti fahren schließlich die ganze Nacht durch zur Piazzale Roma und damit bis ans Festland.

Wie, fragten da die beiden Touristen, wird Venedig denn abends nicht geschlossen?

Karfreitag (venerdi santo) II

Freitag, 21. März 2008

trapani.jpg

Und eigentlich, sagte mir die Frau des Kommandanten heute morgen in der Bar, eigentlich dürfte ich heute nicht mal Kaffee trinken. Denn wenn man einen Toten im Haus hat, trinkt man keinen Kaffee. Jedenfalls gehört sich das so, bei uns in Süditalien.