Archiv: Februar 2008

Why not

Mittwoch, 06. Februar 2008

Bevor jetzt im Angesicht der heranrollenden Berlusconi-Welle die Prodi-Regierung von den deutschen Medien heilig gesprochen wird, sei an das Buch mit dem Titel „Die Kaste. Wie die italienischen Politiker zu Unantastbaren wurden“ erinnert. Es geriet zu einem Bestseller, weil es den Zynismus Italiens herrschender Politikerklasse auf den Punkt brachte – einer Politikerklasse, die das Land wie eine Privatschatulle betrachtet und sich mit den entsprechenden Gesetzen Immunität verschafft. Sowohl von links, als auch von rechts. Justizminister Clemente Mastella hatte höchstpersönlich dafür gesorgt, dass Staatsanwälte abberufen werden, sobald sie gegen italienische Politiker ermitteln: Dem kalabresischen Staatsanwalt Luigi De Magistris wurde das Verfahren entzogen, als bekannt wurde, dass er sich erkühnt hatte, wegen Veruntreuung von EU-Geldern und der Verflechtung von Politik und ‘Ndrangheta nicht nur gegen einige Freunde des Justizministers Mastella zu ermitteln, sondern auch gegen den Ministerpräsidenten Prodi selbst, damals noch in der Eigenschaft als Präsident der europäischen Kommission. Der Justizminister enthob den Staatsanwalt von den Ermittlungen mit der Begründung, De Magistris habe Einblick in ein laufendes Verfahren gegeben – das übrigens den pikanten Namen „Why not“ trug. Die Verfügung war noch nicht amtlich, da hatten Mastellas Inspektoren bereits alle Unterlagen des Staatsanwaltes aus dessen Büro beschlagnahmt – auch aus dem Tresor, den sie sich von einem Bürogehilfen aufschließen ließen. Als eine der letzten Amtshandlungen gelang es Mastella, den Staatsanwalt De Magistris nicht nur versetzen zu lassen, sondern auch seines Amtes als Staatsanwalt zu entheben.

Beckenboden (pavimento pelvio)

Dienstag, 05. Februar 2008

Du musst deine Beckenbodenmuskeln mehr anspannen, Petra, sagt Marco. Einatmen, Petra. Ausatmen, Petra. 

Marco ist mein Pilatestrainer. Und Sizilianer. Zwischen Rollback und Bridging reden wir über die Mafia. Marco sagt: Strecken und fließen, Petra. Und: Weißt du, Petra, dass man Cuffaro einen Platz im Senat angeboten hat? 

Ich versuche, den Rücken beim Einatmen ordnungsgemäß bis zu den Lendenwirbeln nach hinten abzurollen, was nicht ganz einfach ist, und denke an den sizilianischen Ministerpräsidenten Cuffaro. Der wegen Begünstigung einer mafiosen Vereinigung in erster Instanz zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Und der erst zurücktrat, nachdem man ihm einen Platz im Senat in Aussicht stellte. 

Marco sagt: Jetzt Wirbel für Wirbel mit dem Becken hochkommen, Petra. Einatmen, Petra. Ausatmen, Petra. Denk an Cuffaro, Petra, brava, Petra, du bist schon viel geschmeidiger geworden.

San Luca

Montag, 04. Februar 2008

Als ich mit der sizilianischen Fotografin Shobha das kalabresische Dorf besuchte, aus dem die Toten des Mafia-Massakers von Duisburg stammen, eröffnete sich mir eine neue Dimension – der Kaltblütigkeit, des Zynismus, der Heuchelei. Es handelt sich bei San Luca nämlich nicht einfach um ein schäbiges Dorf mit ein paar durchgeknallten Killern, sondern um nichts Geringeres als das Herz der ‘Ndrangheta, wie es Ermittler bezeichnen. Die ‘Ndrangheta ist die erfolgreichste Mafiaorganisation Italiens. Sie lebt in unverputzten Häusern und macht 35 Milliarden Euro jährlich Gewinn. Wer Lust hat, die Reportage nachzulesen: Sie ist heute in Focus erschienen. 

La mamma

Montag, 04. Februar 2008

[youtube=http://www.youtube.com/v/_1WvORqe3ds&rel=1]Berlusconis Mutter ist tot. Gestern verstarb die hochverehrte Mamma Rosa im Kreise ihrer Lieben. Sie wurde 97 Jahre alt. Jetzt kann sie nicht mehr nach San Giovanni Rotondo pilgern, der Wallfahrtsstätte von Padre Pio, um dort für ihren Sohn zu beten. Und das so kurz vor den Neuwahlen. Wer mag, kann sich in die Kondolenzliste eintragen. 

Venice Lounge

Sonntag, 03. Februar 2008

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Die Piazza gestern nacht. After hours party, was sonst. Wenn nicht das passende Etikett draufklebt, kann sich der Mensch ja nichts mehr darunter vorstellen. Fertigwörter für Fertiggefühle. Der Markusdom sah in der Lichtshow aus wie eine dieser entweihten Kirchen, die man zu Getränkecentern, Supermärkten oder zu Diskos, pardon, Lounges umfunktioniert hat. Venedig ist tot. Es lebe die Venice Lounge.

Ich ohne dich

Samstag, 02. Februar 2008

Wir trafen uns auf dem Campo Sant’Angelo, durch Zufall, wie immer in Venedig. Ich hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen, und mir fiel auf, dass seine Wangen schmaler geworden waren. Wir standen da wie auf einer Theaterbühne, um uns herum Touristen mit Schellenhüten und albanische Bauarbeiter auf dem Weg in die Mittagspause.

Du siehst schlecht aus, sagte ich. Und er sagte: Ich habe einen Flugzeugabsturz überlebt. Du bist der einzige Überlebende?, fragte ich, und er sagte ernst: Nein, wir beide haben zusammen überlebt, sie und ich. Immer noch sie?, fragte ich und lachte etwas verlegen, weil er mich so durchdringend anschaute. Ja, sie, immer noch, sagte er, du weisst doch, was passiert ist. Sie ist zurückgekommen. Und?, fragte ich.

Ich möchte sie aufessen, sagte er. Ich möchte ihre Fingernägel küssen und ihre Haare als Salat verspeisen. Sie ist in mir, sie fließt durch meine Venen.

 [youtube=http://www.youtube.com/v/gQ-74kgqvoE&rel=1]

 Nachts, wenn er vergeblich darauf gewartet habe, dass sie anrief, habe er immer Gianna Nannini gehört, immer das gleiche Lied.  Amandoti.

Amarti m’affatica mi svuota dentro

Qualcosa che assomiglia a ridere nel pianto

Amarti m’affatica mi da’ malinconia

Che vuoi farci è la vita

E’ la vita, la mia

Amami ancora fallo dolcemente

Un anno un mese un’ora perdutamente

Amarti mi consola le notti bianche

Qualcosa che riempie vecchie storie fumanti

Amarti mi consola mi da’ allegria

Che vuoi farci è la vita

E’ la vita, la mia

Amami ancora fallo dolcemente

Un anno un mese un’ora perdutamente

Amami ancora fallo dolcemente

Solo per un’ora perdutamente

 

Metaphysik

Freitag, 01. Februar 2008

[youtube=http://www.youtube.com/v/6Q-Wl9zQSLw&rel=1] Anfang Februar findet in Catania die Sant’Agata-Prozession statt. Sie ist der Stadtheiligen von Catania gewidmet und ist eine der wichtigsten Prozessionen Siziliens. Die Prozession besteht daraus, dass die tonnenschwere candelora, der Leidensweg aus Wachs  und Holzfiguren, von Büßern über eine Steigung getragen wird – wobei Tausende von Euro verwettet werden, ob in diesem Jahr die Fischhändler oder die Bäcker die schnellsten candelora-Träger sind.

Die Repubblica berichtete heute, dass die Mafia die Sant’Agata-Prozession kontrolliert, sie verdient an dem Feuerwerk, an der Zuckerwatte, die an den Ständen verkauft wird, am türkischen Honig, an den Unsummen, die für die Träger ausgegeben werden, an den Wetteinsätzen. Es gibt in Sizilien nichts, woran die Mafia nicht verdient, das weiß jedes Kind. Schon Leonardo Sciascia, Siziliens großer Schriftsteller, beschrieb die Irreligiosität der religiösen Riten Siziliens, die ihren Ursprung in einem profunden Materialismus habe, einer totalen Unempfindlichkeit dem gegenüber, was Geheimnis, unsichtbare Enthüllung, Metaphysik ist. Neben den Bossen ist auch der einstige Vorsitzende der Vereinigung der Gläubigen von Sant’Agata angeklagt.