Archiv: Februar 2008

Ich ohne dich II

Freitag, 29. Februar 2008

Gestern saß ich im Zug nach Mailand und las den letzten Brief, den Aldo Moro kurz vor seiner Ermordung durch die roten Brigaden an seine Frau schrieb. 

»Meine liebste Noretta, ich glaube, dass ich am äußersten Punkt meiner Möglichkeiten angelangt bin und, wenn nicht ein Wunder geschieht, am Ende dieser meiner menschlichen Erfahrung… Ich möchte Dich jetzt gern fest umarmen und Dir sagen – auch wenn sich große Bitterkeit darunter mischt –, welche Zärtlichkeit ich für Dich empfinde, weil ich das Geschenk eines Lebens mit Dir, das so reich an Liebe und tiefem Einverständnis war, empfangen habe. Achte auf Dich und versuche, so ruhig wie möglich zu sein. Wir werden uns wieder sehen. Wir werden uns wieder finden. Wir werden uns wieder lieben.« 

Ich tat dann so, als hätte ich ein Haar im Auge.  

Krieg der Flüssigkeiten (la guerra dei liquidi)

Mittwoch, 27. Februar 2008

Neulich habe ich die Contenance verloren. Ich wollte von Berlin nach Venedig fliegen und wurde drei Mal hintereinander von einer Sicherheitstrulla gefilzt, die mich erst dazu brachte, wieder am Check-In anzustehen, um meinen Koffer aufzugeben, dann beim zweiten Durchgang ein Mascara in meiner Handtasche fand, und schließlich beim dritten Durchgang, det sind de Sichaheietsbestimmungn, in meiner Jackentasche ein Lipgloss inkriminierte: Det kommtma nich an Bord. Als ich ihr vorschlug, das Lipgloss einfach wegzuwerfen, zischte die Sicherheitsviper, dass sie dies auf keinen Fall für mich tun würde, weil es einzig und allein meine Aufgabe sei, dieses Lipgloss in Halle 4 zu tragen, um es dort in der eigens dafür vorgesehenen blauen Flüssigkeitssprengsstoffsicherheitstonne zu entsorgen. Andernfalls dürfte ich das Flugzeug nicht betreten. Und was sagte ich? Ich sagte: Leck mich am Arsch.

Ich hätte auch Vaffanculo sagen können, eigentlich fluche ich immer auf Italienisch, aber nein, ich sagte: Leck mich am Arsch. Und während ich das Lipgloss in Halle 4 trug, kreischte die Sicherheitstrulla: Polizeiii! Rufma die Polizeiii! Als ich mich wieder anstellen wollte, wartete bereits ein grüne Grenzschutzpolizistenkompanie darauf, mich festzunehmen. Eine Beamtin in Springerstiefeln baute sich federnd vor mir auf, starrte mich mit schiefergrauen Augen an und sagte: Wos sochtn Sie? Und ich sagte: Ich habe gar nichts gesagt. Daraufhin gellte die Sicherheitsrachegöttin: Sie haben jesacht, ick soll Se mal am Arsch lecken! Ich sagte: So etwas soll ich gesagt haben? Ich erinnere mich nicht. Nun überboten sich alle Sicherheitskollegen im Eifer, als Zeugen aufzutreten: Doch, doch, sie hat ‘Leck mich am Arsch’ gesagt!

Inzwischen hatte sich hinter mir ein Menschenauflauf aus Russen, Italienern und Amerikanern gebildet, die den Vorfall interessiert beobachteten. Nach kurzer Berechnung der Situation kam ich zu dem Schluss, dass mir nichts als die Flucht nach vorn blieb: Tut mir Leid, ich erinnere mich zwar nicht, aber falls ich etwas gesagt haben sollte, dann äh … Die Sicherheitsviper verzichtete, großzügig. Nur die Grenzschutzpolizistin in Springerstiefeln rief: Willstenich drotzdäm ne Anzeige mochn? Aber die Sicherheitstrulla befand nur: Det isses mir ja nun echt nicht wert, und ließ mich passieren.

Als ich endlich vor dem Gate stand, stellten zwei Italiener fest, dass es eine gute Idee wäre, die Deutschen ein bisschen zu verdünnen, mit Neapolitanern zum Beispiel. Und dann holten sie aus ihren Hosentaschen zwei Feuerzeuge und eine Packung Streichhölzer hervor. Ein Amerikaner, der aussah wie Puff Daddy, sagte: I like your style. Can you give me your card? Eine Russin lächelte mich an und strich mit ihrem Lipgloss über die Lippen.Ich weiß, dass ich nicht allein auf der Welt bin. Neulich hat mir eine Dame gestanden, dass sie am Ende des Flüssigkeitskrieges “Arschloch” gesagt habe - und auch festgenommen werden sollte.

Die Frage ist: Wie gewinnt man den Krieg der Flüssigkeiten? Wie kann man es hinkriegen, das Lipgloss zu behalten, ohne festgenommen zu werden? Oder: Wie kann man anständig beleidigen und dennoch in den Flieger kommen? 

Wahlkampf (campagna elettorale)

Dienstag, 26. Februar 2008

In Italien hat der Wahlkampf bereits begonnen, und Beppe Grillo hat versucht, die wichtigsten Unterschiede zwischen den Wahlprogrammen herauszuarbeiten: zwischen den Programmen von Silvio Berlusconi, vulgo “Der Psychozwerg” und von Walter Veltroni, vulgo “Topo Gigio - die Weltraummaus”, dem Führer der Linksdemokraten:

The PD/PDL’s electoral programme:


The psychodwarf does not want a law against conflicts of interest.
Topo Gigio does not want a law against conflicts of interest.

The psychodwarf wants to keep his three television broadcasters and continue to be a politician
Topo Gigio wants the psychodwarf to keep his three television broadcasters and continue to be a politician

The psychodwarf wants the incinerators.
Topo Gigio wants the incinerators and takes on board the 83-year-old Veronesi, also known as Cancronesi

The psychodwarf does not want to comply with European court decisions and put Rete 4 on satellite.
Topo Gigio does not want to comply with European court decisions and put Rete 4 on satellite



The psychodwarf does not want the telephone taps to be made public after the parties have been informed.
Topo Gigio does not want the telephone taps to be made public after the parties have been informed.

The psychodwarf does not want any more public trials involving Cuffaro, Fazio, Fiorani, Consorte, D’Alema, Fassino and himself as a result of telephone taps.
Topo Gigio does not want any more public trials involving Cuffaro, Fazio, Fiorani, Consorte, D’Alema, Fassino and the psychodwarf as a result of telephone taps.

The psychodwarf wants the 43-kilometer long Val di Susa tunnel, which will cost the tax-payer 14 billion Euro and transport goods at 130Km/hr in 15 years’ time.
Topo Gigio wants the 43-kilometer long Val di Susa tunnel, which will cost the tax-payer 14 billion Euro and transport goods at 130Km/hr in 15 years’ time.

The psychodwarf wants to create the new electoral law together with Topo Gigio.
Topo Gigio wants to create the new electoral law together with the psychodwarf


The psychodwarf wants to create a after the elections.
Topo Gigio wants to create a broad-based government after the elections.

The psychodwarf wants to be the Club Premier.
Topo Gigio wants Gianni Letta to be the Club Premier



If you are unable to make your choice based on the programmes, then simply consider the differences between the two leaders:
the psychodwarf dyes his hair and wears high heels,
Topo Gigio has white hair and wears glasses.
What’s better, natural or dyed hair? Vote for the shampoo, do it in the interests of democracy.

 via Beppe Grillo

Dazu auch das Video über Walter Veltronis Wahlkampfslogan: Yes we can.

via Operabouffe

[youtube=http://www.youtube.com/v/IhFTa5IVcrY&rel=1]

Blogkritiker

Samstag, 23. Februar 2008

Wer sich in den Blog begibt, kommt darin um, Herr Fichtner

intervista

Freitag, 22. Februar 2008

Ich schreibe gerade ein Interview ab, das ich geführt habe. Ich hasse es, Interviews abzuschreiben, die ich geführt habe. Es ist mir peinlich, Zeugin meiner selbst zu sein. Entweder lache ich an den falschen Stellen oder frage an den richtigen nicht nach. Manchmal klinge ich wie ein Beichtvater, mal wie eine Psychotherapeutin und oft wie eine ermittelnde Mordkommissarin. Ich möchte niemanden mehr fragen, warum er das macht, was er macht. Jedenfalls nicht zwei Stunden lang. 

So viel zum angry journalist

Barbari

Donnerstag, 21. Februar 2008

Kürzlich habe ich die Ausstellung “Rom und die Barbaren” im Palazzo Grassi besucht. Sie hat mich aus verschiedenen Gründen deprimiert. Vor allem, weil ich mich mit meinem germanischen Migrationshintergrund diskriminiert fühlte. Denn im Wesentlichen besteht die Ausstellung aus verrosteten Pfeilspitzen und jeder Menge sehr grober Fibeln, Tunikaschließen und  Gürtelschnallen - wenn man sie denn als solche erkennt: Die Ausstellungsmacher verstehen sich als Puristen und verdammen jede Erklärung als populistische Anbiederung. Wenn man also auf eine beliebige Vitrine blickt und nichts anderes sieht als rostige Metallstückchen oder, wenn man Glück hat, die Büste einer Germanengottheit, die den Eindruck erweckt, als hätte sie ein Kind aus Fimo geknetet - dann möchte man Türke sein oder Iraker, aber keine Person mit germanischem Migrationshintergrund. Die Römer tranken Wein aus irisierenden Kelchen und entspannten sich in den Thermen, und die Barbaren kriegten nicht mal eine Gürtelschnalle hin. Mich persönlich haben schon als Kind die Externsteine deprimiert. Als mich so eine plumpe germanische Gürtelschnalle anblickte, fiel mir glücklicherweise ein, dass ich im Grunde keine wirklich hundertprozentige Germanin bin, weil meine Mutter aus Schlesien kommt und mein Vater aus Ostpreussen, und in Ostpreussen lebten die Pruzzen, ein, wie ich den Quellen entnehme, sesshaftes, gastfreundliches und arbeitsames Volk. Es dachte nicht im Traum daran, sich an der Völkerwanderung zu beteiligen und ließ die germanischen Stämme, speziell die Goten und Vandalen, ungerührt an sich vorbeiziehen. 

Glücklicherweise kann diese niederschmetternde Ausstellung nicht von sich behaupten, erfolgreich zu sein - außer ein paar Schulklassen, die von ihren Lehrerinnen durch die Säle gepeitscht wurden, war außer mir kein einziger Besucher zu sehen. Was Segen ist und Fluch zugleich, denn wenn diese Ausstellung kein Erfolg wird, könnte Herr Pinault, der Besitzer des Palazzo Grassi, wieder auf die Idee kommen, einen weiteren Teil seiner schier unerschöpflichen und bedauerlichen Kunstsammlung auszustellen.
Wenn ich an Jeff Koons’ Luftballonhunde denke, waren die Barbaren eine Erleichterung.  

Tod in Venedig

Mittwoch, 20. Februar 2008

home-home_022.jpg

 

 

In der Nacht von Montag auf Dienstag ist im Hotel Des Bains ein Brand ausgebrochen Drei Stockwerke und die Präsidentensuite gingen in Flammen auf. Es heißt: ein Kurzschluss. Es heißt: Umbauarbeiten. Komisch eigentlich. Erinnert fatal an den Brand in der Fenice. Und an den Brand in der Stucky-Mühle: Unter Bürgermeister Cacciari wurde sehr öffentlichkeitswirksam der Beschluss gefasst, auf der Giudecca die leerstehende Industrieruine der Stuckymühle wieder aufzubauen. Tatsächlich kaufte dann der Bauunternehmer Francesco Caltagirone das Gebäude - und es war keine Rede mehr von den Wohnungen für Venezianer, stattdessen entstand hier, unterbrochen von einer kleinen Brandstiftung (”Wenige Wochen später wurde mit der äußeren Rekonstruktion der beschädigten Gebäudeteile begonnen, wobei man jedoch von den ehemals strengen Auflagen der Denkmalpflege im Inneren befreit war“), ein Hilton mit 400 Zimmern, ein Kongresszentrum für 2000 Personen und 138 Luxusferienappartements. Ein Brand kann eben manchmal sehr nützlich sein.

Der Italiener an meiner Seite sagt: Das ist Italien. Aber wahrscheinlich erliegt er der hier weit verbreiteten Neigung zur Selbstgeißelung. Eine Landplage.

   180px-molino_stucky_2003_burning.jpg

Behaltet ihn!

Montag, 18. Februar 2008

Ich schäme mich etwas für die Deutschen. Sonst hieß es immer nur: Ah, la Germania, und ich konnte etwas von der Pünktlichkeit der deutschen Eisenbahn erzählen - und jetzt ist alles voll mit Zumwinkel und der Lichtenstein-Connection. Nicht, dass Ihr jetzt in Deutschland auf die Idee kommt, den Zumwinkel zu uns nach Italien zu schicken, weil Ihr glaubt, dass ihm hier eine große parlamentarische Karriere bevorstünde!

Pace eterna (ewiger Frieden)

Sonntag, 17. Februar 2008

ansa122752741602134218_big.jpgDas ist der Sarg des Mafiabosses Michele Greco, genannt: “Der Papst”, der am Mittwoch im hohen Alter von 84 Jahren in Rom eines natürlichen Todes verstorben ist - im Gefängnis von Rebibbia, wo er seit 22 Jahren inhaftiert war. Dem Polizeipräsidenten von Palermo gelang es, ein öffentliches Begräbnis für Michele Greco zu verhindern. Nicht aber, dass zweihundert enge Freunde und Verwandte seinem Sarg folgten, von der Kirche des Allerheiligsten Geist bis zum Friedhof der Heiligen Ursula - wo der Kaplan Don Angelo sagte: “Der Herr möge in seinem Reich unseren Vater Michele aufnehmen, weil wir nicht wissen, was in dem Geist dieses Mannes geschehen ist, als er sich an der Schwelle zum Tod befand.” 

Michele Greco war der einflussreichste Boss der 80er Jahre, er war bekannt dafür, auf seinem Anwesen La Favarella Minister und Kardinäle, Industrielle und Staatsanwälte, Prinzen und Generäle empfangen zu haben. Als er wegen Mordes vor Gericht stand, sagte er: “Gewalt widerspricht meiner Würde” - und fügte hinzu: “Könnt Ihr mir erklären, was die Mafia ist?” Legendär ist auch jener Moment, wie Michele Greco, bevor er zu lebenslänglicher Haft verurteilt wird, den Staatsanwälten und Richtern des Maxiprozesses ewigen Frieden wünscht - bis an das Ende ihres Lebens. [youtube=http://www.youtube.com/v/UUuSPBSC9Z0&rel=1]

Mittelalter (medioevo)

Samstag, 16. Februar 2008

Italien ist das Land des kontinuierlichen Rückschritts. Vor kurzem stürmte eine Polizeipatrouille in Neapel die gynäkologische Abteilung des Poliklinikums - um eine Abtreibung zu verhindern, die aus gesundheitlichen Gründen vorgenommen wurde. Man ermittelte wegen “Kindsmord”. Der Fötus wurde beschlagnahmt. Zu verdanken ist diese Tat der katholischen Kirche, die seit einiger Zeit einen wahren Kreuzzug gegen das bestehende Abtreibungsgesetz führt. Erstaunlich dabei ist, wie viel Platz selbst als linksliberal geltende Tageszeitungen wie die Republicca den Kardinälen und ihren wolkigen Ausführungen über den “Schutz des Lebens” einräumen. Natürlich nutzt die katholische Kirche auch den italienischen Wahlkampf: Sie setzt (zu Recht) auf die Unterstützung all jener Parteien, die es sich mit der katholischen Kirche nicht verscherzen wollen. Und das sind in Italien - alle Parteien. Einschließlich der linken. Die Zeitschrift Micromega veröffentlicht aus diesem Grunde in ihrer neuesten Ausgabe mit dem Titel “Der rückschrittliche Papst - gegen die Frauen, gegen die Wissenschaft” einen Aufruf von elf Frauen (Schauspielerinnen, Nobelpreisträgerinnen, Schriftstellerinnen) - gerichtet an die Männer der Mitte-Linksparteien. lettera-appello-firmata.doc Hier auch die deutsche Übersetzung: appell.doc